Wann beginnt der Kampf ums Wohnen?

Ninia Binias
„Die drei warmen Brüder“ – Heizkraftwerk und Wahrzeichen vom Stadtteil Linden

Gentrifizierung ist ein Schlagwort, mit dem sich vor allem Städte wie Hamburg oder Berlin sehr oft auseinander setzen müssen. Aber ist das auch für Hannover, für meine Stadt, eine wichtige Angelegenheit? Am Dienstag saß ich im Publikum einer Podiumsdiskussion zu genau diesem Thema.
Es soll im Besonderen um zwei Stadtteile gehen: Linden und Nordstadt. Hier gibt es viele Altbauten, viele KünstlerInnen, immer mehr Studierende und, besonders in Linden, sehr viele Kneipen und Bars. Das übliche Bild eines Viertels also, von dem man erwartet, es könnte von diesem Gespenst namens Gentrifizierung betroffen sein. Doch wie läuft Gentrifizierung eigentlich ab? Dr. Heiko Geiling, Professor für Politische Soziologie des Instituts für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität, erklärt, dass Gentrifizierung aus vier Phasen bestehe: In der ersten Phase steige die Attraktivität der Stadtteile und ziehe Menschen an, die sich materiell verwirklichen können. Danach, Phase zwei, werde die Attraktivität immer höher und dadurch der Druck auf den Wohnungsmarkt erhöht. In Phase drei finde die Verdrängung statt. Die sogenannten Bildungswanderer ziehen in die attraktiven Stadtteile. Diese verdienten mehr Geld, könnten sich also die immer höher werdenden Mieten leisten. Das betrifft laut Geiling vor allem Städte mit Universitäten und entsprechenden Erwerbsmöglichkeiten für die neue, urbane Bildungsschicht. In Phase vier sei aus dem ehemaligen Künstler- und Kulturviertel ein Viertel des Bildungsbürgertums geworden. Ein gutes Beispiel hierfür sei das Viertel Prenzlauer Berg in Berlin, so Geiling.

„Pioniere, Künstler und Studenten haben Linden attraktiv gemacht.“

Jetzt kennen wir also die Theorie. Die Runde einigt sich relativ schnell darauf, dass sich Linden (man konzentrierte sich im Lauf des Gesprächs vor allem auf diesen Stadtteil) wenn überhaupt in Phase zwei befinde. Steffen Mallast, Grünen-Politiker und Mitglied der Kampagne Ahoi, ist in Linden geboren, aufgewachsen und wohnt, nach dem Studium in Hessen, wieder in seinem Heimatstadtteil. „Pioniere, Künstler und Studenten haben Linden attraktiv gemacht“, erklärt er, „darauf folgen Menschen mit mehr Geld, die auch etwas von dem Flair des Stadtteils mitbekommen möchten. Hinzu kommen Studenten, die nach ihrem Studium hier bleiben, mehr Geld verdienen und trotzdem in ihrem Viertel wohnen bleiben wollen.“ Er erzählt, dass der Ausländeranteil in Linden gesunken sei: „Es findet definitiv ein Wegzug statt. Viele Mietshäuser werden in Eigentum umgewandelt und bei Neuvermietungen wird oft etwas auf die Miete draufgeschlagen.“ Rainer Beckmann, Vorsitzender des Vereins Haus & Grundeigentum, widerspricht. Beckmann vertritt die These, dass es so etwas wie Gentrifizierung in Hannover gar nicht gebe. Eine Bewegung auf dem Wohnungsmarkt finde zwar statt, auch in Linden, aber das sei schon immer so gewesen und ganz normal. Er wirft hingegen Mallast vor, Interessen mit illegalen Mitteln durchsetzen zu wollen und spielt damit auf eine Hausbesetzung durch die Grüne Jugend in Linden an. Die Wohnungen in der Limmer Straße 98 sollten saniert werden. Mallast verteidigt sich. Er und seine MitstreiterInnen wollten durch diese Aktionen auf Missstände aufmerksam machen.

Ebenfalls in der Runde dabei: Daniel Gardemin, Sozialwissenschaftler und Stadteilsprecher der Grünen für Linden-Limmer. Er weiß, dass seit 2008 mehr Zu- als Wegzüge in Hannover stattfinden und dadurch der Druck auf den Wohnungsmarkt besonders in den angesagten Stadtteilen immer größer werde. In Linden-Nord liege der Armutsanteil bei 25 Prozent, in Linden-Süd sogar bei 30. Deshalb sei es ganz klar, dass Mieterhöhungen zu einer ungewollten Wanderschaft der Bewohner führten: „Wer sich in seinem Heimatstadtteil keine Wohnung mehr leisten kann, muss in andere Gegenden ausweichen.“ Gardemin meint, dass eine Änderung eines Stadtteils so lange in Ordnung sei, bis Verdrängung stattfinde.

„Wer in einem Szeneviertel leben will, muss Krach ertragen können.“

Insgesamt werfen die Diskussionsteilnehmer nach der Einführung von Geiling mit vielen Zahlen um sich, widersprechen sich und machen sich gegenseitig Vorwürfe. Der politische Wettbewerb nach dem Motto „Wer hat wann zuerst und überhaupt bemerkt, dass wir ein Problem haben?“ kommt auch nicht zu kurz, ist aber langweilig und führt zu keiner Lösung. Spannender wird es, als auch das Publikum zu Wort kommen darf.
„Wer in einem Szeneviertel leben will, muss Krach ertragen können“, antwortet Werner Fürst, Immobilienkaufmann, aus dem Publikum auf Beckmann. Dieser hatte erzählt, er bekäme Briefe von Einwohnern aus der Limmer Straße in Linden, die sich über den Lärm abends und am Wochenende beschweren. Eine Gentrifizierung habe höchstens vor zwanzig Jahren stattgefunden, als viele Wohnungen in Linden neu aufgekauft wurden, diese seien aber meist auch an Lindener gegangen, so Fürst. Er bekommt Applaus für seinen Einwurf.

Mit einem Freund habe ich erst vor kurzem darüber gesprochen: Der Lärm in der Limmer Straße ist sicherlich nicht schon seit zwanzig Jahren so ausgeprägt wie in den letzten Jahren. Wer jetzt dorthin zieht, darf sich nicht beschweren. Es soll in den Vierteln, die sich zur Szene entwickeln aber auch Menschen geben, die schon länger dort wohnen und sich nicht entscheiden konnten, diese Veränderungen in Kauf zu nehmen.

„Der Kampf ums Wohnen ist größer geworden.“

Einige Menschen im Publikum meinen, dass sie, im Gegensatz zu den Erfahrungen von Beckmann, sehr wohl das Gefühl hätten, die Mieten würden steigen. Ein Mann berichtet sogar von einer „Bieterrunde“, aus der er ausgestiegen sei, als er eine Wohnung in Linden kaufen wollte. Ein weiterer Zuhörer erklärt ein Modell aus Dänemark, in dem den Bewohnern eines Hauses, dass verkauft werden soll, sechs Monate die Möglichkeit gegeben werde, eine eigene Genossenschaft zu bilden, die das Haus selbst kauft. Ein allgemeines Problem in Linden scheint der Zustand der Häuser zu sein. Viele Altbauten sind kaum noch bewohnbar und müssen saniert werden. Dies kostet, auch unter Beachtung der staatlichen Auflagen, natürlich eine Menge Geld – kein Wunder also, dass sich dies am Ende auf die Mieten auswirkt. Professor Geiling bestätigt eine Auskunft der Stadt, nach der die Verfügbarkeit von Wohnraum in Linden, vor allem im Szeneviertel Linden-Nord, gesunken sei: „Der Kampf ums Wohnen ist größer geworden.“

Dass es ein Problem in den Szenevierteln in Hannover gibt, darüber scheint man sich am Ende fast einig zu sein. Wie dieses Problem gelöst werden kann, weiß allerdings niemand so genau. Mehrmals fällt der Vorschlag, alle Verantwortlichen sollten sich an einen Tisch setzen. Wie kreativ! Die Fronten zwischen den engagierten Lindenern und profitorientierten Investoren sind verhärtet. Und ohne die, von einigen verurteilten, Hausbesetzungen wäre das Thema sicherlich nicht so schnell in den Fokus gerückt. Für mich waren zu viele politische Kinkerlitzchen und gegenseitige Beschuldigungen dabei. Das Thema zu negieren und als normale Stadtentwicklung abzutun, finde ich gefährlich und alles andere als sozial. Ich bin mir allerdings sehr unsicher, ob die Entwicklung in Hannover und auch allen anderen Städten überhaupt in irgendeiner Form aufzuhalten ist. Und wer das schaffen soll. Wie ein Stimme aus dem Publikum so schön sagte: „Faszinierend. Die Grünen haben ihren Standpunkt so ausgewählt, dass sie sowohl Stimmen von den Besserverdienern bekommen, als auch von denen, die gegen die Besserverdiener kämpfen.“ Es gibt also kein zufriedenstellendes Ergebnis, aber immerhin die Erkenntnis, dass Gentrifizierung auch in Hannover stattfindet und sowohl die Stadt, also auch Politik und EinwohnerInnen damit auseinander setzen müssen.

Auf der Seite der Tageszeitung HAZ gibt es ein Video zum Forum.

Mehr Infos über die Stadtteilentwicklung gibt es im Blog halloLindenLimmer.de.

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Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

4 Kommentare

  1. […] Reihe “Blogger schreiben über Gentrification” geht weiter in die Verlängerung mit, Achtung, einem Beitrag der Flaneure über Hannover.  Ja, Hannover, da staunt man. Es gibt also nicht nur Menschen, die in Hannover wohnen wollen, […]

    • 23. Februar 2015
      Antworten

      Hallo Jörg, danke für die Tipps! Ja, „Hannover 2030“ halte ich auch für nachgeholte Wahlwerbung und es wird leider nicht gut vermarktet. Vielleicht schaffe ich es zu einer der Veranstaltungen. Die Versteigerung des Ihme-Zentrums fällt ja auch in diese Woche – spannend gerade in Hannover ;).

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