Parklife

Wir sind selbst nichts anderes als tote Termitenhügel, durch welche eine lebendige Substanz zirkuliert.

Eugène Marais

Foto: Heike Dietz
Foto: Heike Dietz

Jemand hatte scheinbar damit gedroht, eine Bombe an der philosophischen Fakultät hochgehen zu lassen, und da ich es für unnötig befand ein Risiko einzugehen, verzog ich mich in den Hummelsteiner Park und las das Buch über Termiten, das ich letztens auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Es ging der Frage nach, ob die Menschheit sich zum Termitenstaat entwickeln würde und wurde auf dem Umschlag als eine „der erstaunlichsten Schriften, die je erschienen sind“ gepriesen. Ich setzte mich also auf eine Bank neben einigen Haselnusssträuchern und begann zu lesen. Es war noch früh, und ich war allein, um mich herum nur geschäftige Amseln und der vage Geruch der Kartoffelrose, die einige Meter weiter ihre weißen Blüten spreizte.

Nach einer Weile sah ich ein Eichhörnchen, wie es in kontrollierter Panik den Stamm eines schmalen Bäumchens hinauf huschte, auf einer Astgabelung sitzen blieb und sich nervös umblickte. Es wirkte auf mich, als würde es die Hälfte der Nuss oder Eichel oder Buchecker, die es im Maul trug, fallen lassen beim Versuch, sie möglichst schnell zu verschlingen, und tatsächlich kletterte es einige Minuten später wieder einigermaßen konsterniert nach unten, um die verlorenen Reste aufzuklauben. Leuchtende Spinnfäden zerschnitten den Himmel und die Blätter der geduckten Weiden. Ich erwartete, dass ihre losen Enden an der dicklichen älteren Frau haften bleiben würden, die sich nun in unmittelbarer Entfernung zu meiner Bank im Schneidersitz ins Gras setzte. Sie trug einen schlabbrigen Wollpulli und einen maisgelben Rock und schien mich nicht weiter zu beachten.

Ich bestaunte in meinem Buch gerade das Bild eines aufgeschnittenen Termitenhügels mit Pilzgärten, als die Frau in einen monotonen Singsang verfiel und ihre Arme ausbreitete; sie führte sie langsam über ihrem Kopf zusammen, verdrehte sie dort ineinander (die überkreuzten Hände zu einer Art Kelch geöffnet) und ließ sie wieder sinken. Diesen Vorgang wiederholte sie eine Zeit lang, ohne ihr Summen zu unterbrechen. Schließlich stand sie auf und nickte mir freundlich zu. Ich erwiderte ihren Gruß, indem ich an meinen Hut tippte und beobachtete, wie sie zwischen den Sträuchern verschwand.

Die Stille währte nicht lange. Es musste wohl gegen halb Zehn sein, weshalb einige Schüler der nahen Mittelschule durch den Park streunten (ich war mir allerdings nicht sicher, ob sie in der Pause überhaupt das Schulgelände verlassen durften), jedenfalls gruppierten sie sich um eine Bank mit Mülleimer, tranken irgendwelche Limonade aus Plastikflaschen, öffneten ihre Vesperboxen und unterhielten sich. Ein Mädchen, ich schätzte sie auf ungefähr zwölf, klagte, dass sie letztens ihre Verwandtschaft in der Türkei besucht, dort aber den Großteil der Zeit damit verbracht habe, mit ihrer Großmutter eingelegte Tomaten zu schneiden.

 „Scheißtomaten, ey“, sagte sie.
„Siehst du“, bekam sie von einem der Jungen zur Antwort, „Deutschland ist halt besser als Türkei.“
„Quatsch ey, ich hasse die Deutschen. Und auch alle Türken, man.“
„Dann geh‘ doch in die Wüste, oder so.“ Der Junge schien ehrlich empört. „Oder auf den Mars. Da sind nur Steine.“

Ein unverständliches Geschrei folgte, und ich versuchte mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren. Worin besteht das Signal?, las ich. Ich glaube es zu wissen, aber ich bezweifle, dass du es erraten wirst. Nur wenn du die Signale der Insekten im Allgemeinen studiert hast, wirst du den Schlüssel zu diesem Rätsel finden. Ich musste den Absatz dreimal lesen, ehe das Gezeter nachließ und wieder Ruhe einkehrte, die Schüler trollten sich, offensichtlich war die große Pause zu Ende.

Das Schattenmuster, das von dem Haselnussstrauch auf meine Bank geworfen wurde, veränderte mit dem Sonnenstand allmählich seine Form. Ich hielt nach dem Eichhörnchen Ausschau, sah aber nur zwei Frauen in Trainingsanzügen den schmalen, sich um Büsche, Bäume und Sträucher windenden Weg entlang joggen. „Ich gebe ja zu, dass ich damit ein Problem habe, dass die jetzt alle nackt herum rennen“, sagte die eine, aber die andere keuchte nur und nickte zweimal mit dem Kopf. Auf dem Hauptweg ging jemand mit einer Staffelei unter dem Arm vorbei. Ich verscheuchte eine verchromte Fliege, die sich auf meinem Buch niedergelassen hatte.

Die beiden Jungs, fünfzehn, sechzehn vielleicht, kamen etwa eine Stunde später, ungefähr dann, als ich von einem gewissen Dr. Bugnion las, der das Wesen der Termiten angeblich einige Jahre in Ceylon erforscht und sich dort mit den Kriegen zwischen Termiten und Ameisen beschäftigt hatte. Die beiden trotteten an mir vorbei über das noch immer feuchte Gras, durch das zerstreute Heer der Gänseblümchen. Sie hatten die Blicke nach unten gerichtet und lasen aufmerksam die Hinweisschilder aus Plastik, die hier und da in der Erde steckten, um über den lateinischen Namen, sowie die primären Eigenschaften der jeweiligen Pflanzen zu informieren.

„Was ist jetzt…“ zischte der eine. Seine aufgebrachte Stimme klang nicht eben konspirativ.
„Ich weiß nicht, man. Das war so ein Ding mit Dornen, ganz versteckt. Brunirgendwas…“
„Scheiße, das gibt’s doch nicht.“
„Ich dachte halt, da kämen die Bullen. Wegen der Taschenlampe, und so.“
„Aber wenn du’s vergräbst, Alter, musst du doch wissen wo. Überleg‘ halt nochmal.“
„Ey, es war fast dunkel und ich hatte voll die Panik. Außerdem habe ich’s auch nicht mehr ganz gecheckt, okay?“

Ich wartete, bis ich mir sicher war, dass die beiden verschwunden waren, dann stand ich auf, orientierte mich kurz und fand den Schlehdorn (Prunus Spinosa), halb versteckt neben einigem undefinierbaren Gesträuch wieder; ich hatte mir, als ich zuletzt daran vorbeiging, von dem Schild notiert, dass Neuntöter dort bevorzugt ihre Beute aufspießten. Ich begann ein wenig herumzubuddeln, fand aber nichts, außer vermoderten Samenkapseln und einem plattgetretenen Kronkorken, der dort wohl schon sehr lange liegen musste. Ich wischte die Hände an meiner Jeans ab, ehe ich zur Bank zurückkehrte.

Es war beinahe Mittag, als ich das Buch zuklappte und wieder zurück nach Hause schlurfte, vorbei an dem Taekwondoschuppen und dem neu eröffneten Motorradgeschäft. Ich dachte an Kaffee. Die Sonne blinkte wie eine der falschen Münzen, die man als Kind gerne in Flipperautomaten gesteckt hat.

To be continued…

Manuel Weißhaar Verfasst von:

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