Die räudige Straßenwaage – bitte nicht mitnehmen

Foto: Johanna EmgeAlles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endet mit einem Aufruf zu einer Revolution. Maike twitterte, sie wolle sich keine neue Waage mehr kaufen. Andere Twitterinnen fanden ihren Schritt sehr mutig. Sie berichteten von eigenen Erfahrungen mit der Waage und weil wir schnell merkten, dass das ein emotionales Thema ist – die Sache mit dem Wiegen und dem Gewicht – beschlossen wir, eine Aktion ins Leben zu rufen. Wir wollen nicht mehr abhängig von unseren Waagen sein und ihnen – und damit auch uns – die Freiheit schenken. Wir erzählen von unserem #waagnis und setzen unsere Waagen aus!

Das Wiegen gehört für mich zur morgendlichen Routine: Aufstehen, Zähne putzen, Wiegen. Die Zahl, das Körpergewicht, die Ziffern auf der Waage – mit ihnen steht und fällt der Rest des Tages. Fühle ich mich morgens noch ausgeschlafen und energiegeladen, weil ich am Vortag nicht nur bei BBP sondern auch noch beim Pilates war, entscheidet die Zahl auf der Waage darüber, wie ich mich den Rest des Tages zu fühlen habe. Warum also messen wir einem einzelnen Gegenstand soviel Bedeutung zu, wenn uns unser Körper doch viel mehr über unser Gewicht sagen kann? Er kann uns keine Zahl liefern, aber ein Gefühl von Zufriedenheit und Wohlbefinden geben.

Ich kann mich noch an die Waage meiner Eltern erinnern, die jahrelang bei uns im Badezimmer stand. Sie war weiß und viereckig und zeigte das Gewicht mit einem Zeiger an. Als Kinder fanden wir es besonders lustig, uns gemeinsam darauf zu stellen und zu schauen, wie viel Gewicht die Waage denn anzeigen kann. Das Wiegen war ein Spiel für uns, damals war unser eigenes Körpergewicht ja auch irgendwie irrelevant, die Zahl am Ende des Vorgangs nicht von Bedeutung.Beim Auszug blieb die Waage im Elternhaus stehen, in der ersten WG gab es keine – wozu auch? Wer Freiheit will braucht keine Zwänge, das Wiegen wurde uninteressant, die Waage im Badezimmer zum spießbürgerlichen Pendant zur Schrankwand im Wohnzimmer.

Mit der ersten eigenen Wohnung kam auch die erste eigene Waage. Nicht ich, sondern der Mann kaufte sie. Als bräuchte man diese als feste Konstante, als wäre sie ein festes Zubehör im Club der berufstätigen Pärchen ohne Kinder. Und damit kam auch der Zwang wieder: Der Blick in den Spiegel bedeutet gleichzeitig der Gedanke an die Waage. Und die Waage ist gerissener geworden: Sie kann nicht nur das Gewicht anzeigen, sondern auch noch das Körperfett und den Wasseranteil. Beim nächsten Umzug würde ich sie wie ein Möbelstück liebevoll in eine Umzugskiste packen. Irgendwie gehört sie ja auch zur Einrichtung, hat ihren festen Platz im Schlafzimmer und im Tagesablauf. Wohin wir auch gehen, die Waage kommt mit – dachte ich zumindest.

Das ist jetzt vorbei, die Waage wird ausgesetzt!

Macht mit! Bloggt, fotografiert eure ausgesetzten Waagen und erzählt uns davon. Wir fangen an und berichten euch von unserem #waagnis, keiner von uns ist das leicht gefallen und deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn ihr mitmacht: auf eurem Blog, per Mail oder auf Twitter mit dem Hashtag #waagnis! Wir sammeln eure Fotos und hoffen auf eine große Galerie der ausgesetzten Waagen. Unter allen, die dort bis zum 30. Juni dieses Jahres mitmachen, verlosen wir dieses wundervolle Bild, das Nicole extra für uns gestickt hat.

waage_stickerei

Meine Waage habe ich für das Foto unter dem schweren schwarzen Sessel im Schlafzimmer hervorgeholt – denn seit der #waagnis-Idee habe ich mich nicht mehr gewogen. Und das wird auch so bleiben, auch wenn die Waage vorerst – auf Bitte des Mannes – nur in den Keller verbannt wurde. Ihr macht das aber sicher besser, raus mit den Waagen!

Beiträge der wagemutigen Mitstreiterinnen: 

Maike: Lebe wohl!

Ninia: Zehn Jahre ohne und im Kopf immer da!

Katrin: Weg mit der Waage, her mit dem Körpergefühl!

 

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Johanna Emge Verfasst von:

15 Kommentare

  1. 12. Juni 2013
    Antworten

    Kleine Ergänzung: Tatsächlich, ich hatte bei meinen Eltern eine Waage, und wenn ich mich richtig erinnere, stand ich auch hin und wieder drauf. Als ich weggezogen bin, hatte ich über das gesamte Studium keine mehr, nicht, weil die Wage für mich die Entsprechung der Einbauküche war, ich hatte einfach nicht den Eindruck, eine zu brauchen, Geld hatte ich damals auch praktisch keines, weswegen sollte ich also ausgerechnet in Waagen investieren. Erst in meiner ersten eigenen Wohnung habe ich mir eine Waage angeschafft, eine unzuverlässige, hässliche, billige Waage vom Blutkaffeehöker, weil ich plötzlich der Meinung war, so ein Ding doch zu brauchen. Falsch gedacht: Ich stand praktisch nie drauf. Und als die schöne, kluge Frau dazukam, verstaubte die Waage erst unter dem Badschränkchen, um vor ein paar Monaten still und heimlich zu verschwinden, ein Verbundstoffalptraum auf der Müllhalde. Ich habe sie nicht vermisst.

  2. Electra
    12. Juni 2013
    Antworten

    Entschuldigt bitte, aber sich seiner Waage zu entledigen ist ungefähr genauso cool wie GNTM zu schauen.

  3. Electra
    12. Juni 2013
    Antworten

    Sorry, da oben fehlt ein Komma. Aber man muss ja auch mal etwas waagen. Haha.

  4. Electra
    12. Juni 2013
    Antworten

    Ja, genau. Das, was ich hier sonst lese, berührt mich zumeist dahingehend, dass ich innerlich (oder äußerlich) beipflichte oder lächle oder mich Idee oder Ausdruck faszinieren, auch wenn ich völlig anderer Meinung bin. Vielleicht ist mir das mit der Waage einfach zu sehr „Brigitte“.

    • Kathrin Kaufmann
      12. Juni 2013
      Antworten

      Kann ich schon verstehen. Das Waagen aussetzen hat einen sehr symbolischen Charakter, der vielleicht oberflächlich und etwas aufgeblasen daherkommt. Vor allem verkürzen solche Aktionen auch viel, denn natürlich ist nichts damit getan, eine Waage loszuwerden. Und vielleicht kann man es von außen betrachtet sogar als Luxusproblem sehen. Aber ich kann nur sagen, dass es für mich persönlich kein einfacher Schritt ist, das Ding aufzugeben und dass das Wiegen einfach ein Ritual war, dass dieses Thema Gewicht in meinem Tagesablauf fest verankert hat. Es ist gut, das aufzugeben, zumindest für mich. Das manche da schon ganz wo anders sind in der Auseinandersetzung stimmt sicher, oder sich mit ganz anderen Fragen beschäftigen. Es ist ein irrsinnig komplexes Thema, mit dem man so vielen auf die Zehen treten kann – weshalb wir es bewusst persönlich gehalten haben, was dann aber vielleicht nicht mit dem Anspruch einer Aktion vereinbar ist. Haha, du kriegst jetzt alle Gedanken des Tages ab als Kommentar. Vielleicht sollte ich es mal getrennt verbloggen. Aber ich weiß, dass ich in diesem Kontext eigentlich nur von mir und meinen Erfahrungen sprechen kann, alles andere finde ich irgendwie vermessen.

      Ansonsten: Schön, dass du uns sonst gerne liest 😉

  5. Julia
    12. Juni 2013
    Antworten

    Da habt ihr euch aber ein empfindliches Thema ausgesucht.

    Diese ganze „Waage und Gewicht“-Geschichte gehört für mich eigentlich zu den Themen, die man nur mit sehr viel Unbehagen kritisiert. Ganz einfach, weil immer die Angst mitschwingt, die Kritik könne irgendjemanden auf persönlicher Ebene verletzen. Weil diese Gewicht-Waage-Sache auch genau das mit sich bringt.

    Der Grundgedanke, der hinter diesem Text sowie den anderen Texten der Frauen, die sich darüber ausgelassen haben, steht, ist zu begrüßen. Wirklich. Der Gedanke, dass Gewicht nicht alles ist, dass man sich sein Wohlbefinden nicht von so etwas wie einer Waage kaputt machen lassen sollte. Ja, das finde ich gut. Aber direkt den Schritt zu gehen und zu sagen: „Hey, verbanne die Waage aus deinem Leben!“ – und das schwingt halt einfach bei der ganzen Aktion mit – ist mir persönlich zu radikal.

    Klar, die Leute, die diese Texte verfasst haben, gehören alle zu den Menschen – zumindest soweit man das via Internet beurteilen kann – die sich „erlauben können“ die Waage wegzulassen, die in meinen Augen nicht zu dick oder zu dünn sind, sondern normal.

    Aber was ist genau mit denen, die aus diesem „normalen Muster“ hinausfallen? Mit denen, die an Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie leiden? Oder aber auch mit denen, deren Gewicht anderweitig einen kritischen Wert annimmt, der ein gesundheitliches Risiko mit sich trägt? Wollt ihr, dass auch die Frauen und Männer die Waage aus ihren Wohnungen verbannen und damit vielleicht ein noch größeres Risiko eingehen. Weil das, was auf der Waage steht, ist ja egal, solange man sich wohlfühlt – und das tun auch Leute, deren Gewicht in den kritischen Bereich fällt.

    Und wo ist die Konsequenz, wenn Leute zwar ihre Waage aus ihrem Leben verbannen, aber gleichzeitig schon darüber nachdenken, welche Diät sie als nächstes probieren? Worin ist da ein Fortschritt zu sehen? Wo die Befreiung, die ihr ja – wie auch in einem der Kommentare von Kathrin erwähnt – dadurch erreichen wollt. Diese Befreiung ist nicht nur mit dem Schritt getan, die Waage aus den eigenen vier Wänden zu verbannen, da gehört so einiges mehr dazu.

    (Tut mir Leid, falls sich das, was ich hier schrieb, nicht ausschließlich auf diesen Blogeintrag befasst. Aber das sind die Gedanken, die mir gerade so durch den Kopf schossen.)

    • Johanna Emge
      12. Juni 2013
      Antworten

      Danke für deinen Kommentar. Einige Formulierungen sind wahrscheinlich zu plakativ, gerade Begriffe wie „Revolution“ in diesem Kontext viel zu stark und – wie du schon sagst – Aussagen wie „die Waage einfach als dem Leben verbannen“ sehr radikal. Gerade auch, weil es für viele andere nicht so einfach ist. Und dass es mit dem „Aussetzen“ der Waagen nicht getan ist, ist uns auch klar. Die Kritik und das damit verbundene Weiterdenken der Aktion ist sehr wichtig für uns, auch, weil alle Texte auf persönlichen Erfahrungen der Autorinnen beruhen und sehr subjektiv an das Thema herangehen. Wir werden alle Anregungen und Gedanken aufnehmen und jede sicherlich auf ihre Art verarbeiten, verbloggen und zum Thema machen.

    • Kathrin Kaufmann
      12. Juni 2013
      Antworten

      Hi Julia, danke für das Feedback.
      Zum ersten: Wir haben sicherlich zu wenig herausgearbeitet, dass das Aufgeben des täglichen Wiegens nur ein erster Schritt sein kann, und dieser auch ein wenig symbolisch ist für alles, was folgt, um ein besseres Körpergefühl zu erlangen.

      Mit deiner Argumentation zu „normal“ und den anderen Kategorisierungen kann ich leider überhaupt nicht mitgehen. Mit diesem „es sich erlauben können“ ziehst du schon wieder Grenzen, die nicht gezogen werden sollten. Wer kann es sich denn nicht erlauben? Wer entscheidet das? Und wieso sollte es sich jemand nicht erlauben dürfen?
      Ich möchte zudem nicht gesagt bekommen, ich darf nicht über meine Körperwahrnehmung schreiben, weil ich wieder mal irgendeinen Wert nicht erfülle, in die eine oder andere Richtung. Bei der Aufforderung zur Aktion wird es natürlich brisanter – aber da sehe ich das so: Es sind diejenigen angesprochen, die da vom Gefühl her mitgehen und denen die Texte eine zusätzliche Motivation geben, das zu tun. Ich würde es mir da nicht anmaßen, stellvertretend für andere zu sprechen oder zu entscheiden. Ich möchte betonen: Natürlich wollen wir nicht jeden dazu bringen, auf die Waage zu verzichten, das kann doch jeder für sich selbst entscheiden. Wir wollten ganz sicher kein schlechtes Gefühl bei Menschen erzeugen, die da nicht mitgehen.

      Das Wiegen als Ritual im Alltag macht das Loslassen einfach schwerer, aber ja, na klar, wenn man sich total wohlfühlt, ist die Zahl da auch egal. Aber dann wiegt man sich meiner Meinung nach auch nicht so oft.

      Den Aspekt der Gesundheit möchte ich hier ganz ausklammern, weil er hier nichts zu suchen hat. Eine Zahl auf der Waage sagt erstmal wenig über den Gesundheitszustand eines Menschen aus.

      Du sagst es selbst: ein empfindliches Thema mit vielen Facetten.

  6. Julia
    13. Juni 2013
    Antworten

    » Mit diesem „es sich erlauben können” ziehst du schon wieder Grenzen, die nicht gezogen werden sollten. Wer kann es sich denn nicht erlauben? Wer entscheidet das? Und wieso sollte es sich jemand nicht erlauben dürfen?

    Ich möchte zudem nicht gesagt bekommen, ich darf nicht über meine Körperwahrnehmung schreiben, weil ich wieder mal irgendeinen Wert nicht erfülle, in die eine oder andere Richtung. «

    Sofern das in meinem ersten Kommentar falsch gewirkt haben sollte:
    Dieses Recht wollte ich weder Dir noch irgendeiner anderen Person absprechen, die sich im Rahmen der Waagnis-Diskussion geäußert hat oder noch äußern wird. Mein „es sich erlauben können“ bezog sich niemals auf das Recht der Äußerung, sondern auf das „Weglassen der Waage“. (Dazu an anderer Stelle mehr.)

    Ganz im Gegenteil: Ich habe großen Respekt vor euch, die ihr den Mut aufbringt, über diese in meinen Augen doch sehr persönliche und sensible Sache zu schreiben. Weil das in vielen Fällen solche Momente sind, die einem auch die Augen öffnen – und zwar im Bezug auf den Umgang mit der eigenen Köperwahrnehmung.

    Zur Kategorisierung: Natürlich habe ich kein Recht darauf, jemandem den Stempel „Du darfst auf die Waage verzichten“, „Du darfst nicht auf die Waage verzichten“ aufzudrücken. Das wäre ein Angriff auf die Würde des Einzelnen. Mir ging es bei der Kategorisierung auch primär über die eher krankhaften Formen von Gewicht (bspw. Magersucht, starkes Übergewicht, etc), die aber in den gesundheitlichen Aspekt fallen und der ja – wie es mir scheint – absolut vernachlässigbar ist. Und vermutlich habe ich selbst da kein Recht, über irgendwas zu urteilen, weil ich keinen Abschluss in Medizin vorweisen kann.

    Deine Rückfragen haben auf jeden Fall einen Gedankenprozess in mir ausgelöst, mit dem ich mich zuerst einmal in aller Ruhe auseinander setzen muss. Vielleicht auch gerade in dem Punkt, dass man dem Gewicht von einem selbst und insbesondere von anderen deutlich weniger Bedeutung – im Bezug auf andere natürlich bestenfalls keine – zukommen lassen sollte. Aber solange Gewicht noch Lob oder Kritik erntet, ist es unglaublich schwer, aus den alten Gedankenmuster, die ich zugegebenermaßen irgendwo habe, komplett auszubrechen.

  7. nk
    13. Juni 2013
    Antworten

    Täglich auf die Waage steigen ist allerdings wirklich obergruselig*). Ich stehe ungefähr 2 mal im Jahr drauf. Meine Waag darf bleiben. Übrigens eine alte mit Zeiger und Korrekturrädchen.

    *) Um nicht zu sagen alarmierend. Vielleicht entspricht das ja irgendeiner zeitgemäßen Maßnahme zur Gesundheitsfürsorge, aber ich habe große Augen gemacht, als ich das eben las.

  8. nk
    13. Juni 2013
    Antworten

    PS: Das teure Konsumprodukt dafür auf den Müll zu schmeißen, ist natürlich ne typische Symptombekämpfung. Und hat in der Tat was von Brigitte Leserinnenaktion 😀

  9. hannannannabanana
    13. Juni 2013
    Antworten

    Ich habe noch nie eine Waage besessen, ebenso wenig wie eine Armbanduhr. Es genügt mir meine Neugier im öffentlichen Bad oder ganz heimlich in jemandes Gästebad zu befriedigen. Einfach herrlich, wenn der Arzt nach dem Gewicht fragt und man ehrlich ratlos ist. Schlussendlich ist es egal was man wiegt, man fühlt es selbst viel stärker, als die Zahl auf der Anzeige es je zeigen könnte.
    Das einzige, warum ich eine Waage vermisse ist mein Reisegepäck. Wie soll man denn nur wissen, ob man die 20 kg schon erreicht? Das ist tatsächlich ein derartig großes Problem, dass ich schon ma Fremdwiegen gehe…

  10. […] Woche hatten Ninia, Kathrin, Leelah, Johanna und ich dazu aufgerufen, die unnötigen Körperwaagen wegzuwerfen, um freier zu sein. Die Resonanz […]

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