Sex, Punk und ein Bügeleisen

An der Kasse steht ein HinweisNinia Biniasschild: Die ausgestellten Werke könnten für empfindliche Personen anstößig wirken und man solle sich überlegen, ob man seine Kinder wirklich mitnehmen wolle. „Yeah, es wird interessant“, denke ich und liege damit mehr als richtig.

Letzte Woche wurde in Hannover die erste deutsche Einzelausstellung von Linder Sterling eröffnet. Die kestnergesellschaft zeigt eine Retrospektive ihrer Werke und Auszüge aus ihrem Leben in der Punkszene der späten Siebziger. „Frau/Objekt“ blinkt als großer, greller Schriftzug an der Wand des ersten Raums – so heißt die Ausstellung und um mich herum nur spannende Schnipsel aus Magazinbildern. Das sind wohl ihre bekanntesten Werke: die Collagen aus Magazinbildern. Nackte Frauen und Männer räkeln sich in aufreizenden Posen, die Köpfe der Frauen ersetzt Linder wahlweise durch ein Bügeleisen, einen Kochtopf oder andere haushaltsübliche Gegenstände. Münder und Augen der Protagonisten werden überklebt und durch größere Versionen ersetzt – das lässt die Bilder noch grotesker wirken als sie eh schon sind. Alle Geschlechtsteile überdeckt Linder mit rosafarbenen und gelben Blütenblättern – so entstehen pornografische Bilder, die keine mehr sein wollen.

Ich mochte besonders den Rundgang durch die Ausstellung. Den Moment neben jemandem zu stehen, den man nicht kennt und der wahrscheinlich auch nur einer dieser Möchtegern-Intellektuellen ist, die Kunst einfach wahnsinnig spannend finden und immer genau wissen, was die Künstlerin damit sagen wollte. Und dieser jemand steht dann neben einer und betrachtet diese halb erotischen, halb unrealistisch verzerrten Werke. Er unterdrückt das natürliche Bedürfnis sich zu schämen und schaut stattdessen hochinteressiert auf die nackten Brüste einer Frau aus einem 70er-Jahre-Schundblättchen, deren Kopf durch einen Fernseher ersetzt wurde. Und ich kann mir nicht helfen und muss dabei grinsen.

Linder zeigt den sexualisierten Körper als Konsumobjekt. Das einzig wichtige an der Frau ist ihr Körper – der Kopf ist unwichtig. Kurator Heinrich Dietz in seiner Einführung: „Linder dokumentiert die domestizierte Frau, sie lenkt den Blick auf patriarchale Formen und stört den eigentlichen Zweck der Bilder.“ Genau das. Linder geht sogar noch weiter: Sie nutzt den eigentlichen Zweck der Bilder, um dem Betrachter durch kleine Veränderungen und neue Anordnungen vorzuführen, wie die Frau als sexualisiertes Objekt in den Bildern dargestellt wird. Ich würde es spannend finden, nach dem gleichen System Bilder aus aktuellen Printmagazinen zu bearbeiten. Der Retrolook der Werke lässt das Ganze unrealistisch und weit weg erscheinen. Es wäre interessant zu vergleichen, wie sich die Darstellung von Geschlechtern und Körper im Laufe der Jahre verändert hat.

Neben den Collagen zeigt die kestnergesellschaft auch Videos und Fotos aus Linders Zeit in der Punkszene Manchesters. Auf einer Leinwand läuft der Mitschnitt eines Konzerts ihrer Band Ludus. Im Glaskasten liegen die Fotos, die sie von ihrem guten Freund Morrissey gemacht hat. Linder spielte eine wichtige Rolle in der Szene: Mit der Gestaltung des Plattencovers der Buzzcocks-Single „Orgasm Addict“ schafft sie eine Ikone des Punk. Diese Collage ist auch auf dem Ausstellungsplakat zu sehen – eine nackte, schlanke Frau mit glänzendem Körper und einem Bügeleisen als Kopf und lachenden Mündern auf den Brüsten.

Ninia BiniasUnd weil ich dann doch auch ein bisschen Groupie bin, habe ich mir den Ausstellungskatalog gekauft (lohnt sich übrigens auch, wenn ihr nicht live vorbei schauen könnt) und habe ihn mir signieren lassen. Und sie verschreibt sich beim Datum, entschuldigt sich ganz oft und sagt: „Now it’s unique!“ Und ich bin ein bisschen verliebt. Linder ist der netteste Mensch der Welt. Wer sie selbst erleben will, kann am 27. Juni wieder in die kestnergesellschaft kommen: Dann gibt es eine Videopräsentation und im Anschluss ein Gespräch zwischen Linder und dem Kurator Heinrich Dietz.

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Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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