Ende im Gelände | Les Flâneurs beim Lollapalooza Berlin 2016

Stylishe Menschen mit Selfie Sticks, tolle Bands mit fulminanten Shows und die alljährliche Erkenntnis, nie wieder ein großes Festival besuchen zu wollen: Sven und Michael waren auf dem zweiten Lollapalooza Berlin unterwegs. Mit etwas Abstand lassen die beiden Flâneure das Wochenende im Treptower Park noch einmal Revue passieren.

Michael: Unser erstes Lollapalooza Berlin! Wir machen ein Spielchen, Sven: Nenne drei Bergriffe, die dir spontan zum Wochenende im Treptower Park einfallen.

Sven: Überfüllt. Gesabbel. Füchse. Jetzt du.

Michael: Hm, meine drei: Menschenmassen, Unkonzentriertheit und Traumperformances. Ich denke, bei unseren ersten Begriffen meinen wir dasselbe, gell?

Sven: Eigentlich ist es ja müßig, über das Festivalgelände zu diskutieren, weil das Lollapalooza nächstes Jahr ohnehin woanders in Berlin stattfinden wird. Doch das ist auch gut so: Der Treptower Park ist eben ein Naherholungsgebiet und Gartendenkmal, aber kein Ort für ein Rockfestival. Zumindest nicht in diesen Dimensionen. Klar, für Dinge wie Kidzpalooza, den Grünen Kiez, das Lolla Fun Fair oder Art at the Park war das verwinkelte Gelände zwar gut geeignet, weil man so etwas ruhigere Rückzugsorte abseits des Musiktrubels schaffen konnte.

Aber bei 70.000 Besuchern täglich wurde es an manchen Stellen einfach viel zu eng. Und du brauchtest für die ohnehin weiten Wege zwischen einigen Bühnen noch länger. Was besonders nervig war, wenn du unmittelbar vor den beiden großartigen Headlinern noch eine andere Band sehen wolltest. In dem einen oder anderen Nadelöhr wurde das Gedränge auch schon mal etwas unangenehm. Ich denke, man hätte nicht mehr als 40.000, vielleicht 45.000 Tickets pro Tag verkaufen sollen.

Catfish and the Bottlemen liefern in der Mittagshitze eine schweißtreibende Rock'n'Roll-Performance ab. Trotzdem darf die Izzy-Stradlin-Gedächtnismütze nicht fehlen. (Copyright: Sven Wiebeck)
Catfish and the Bottlemen liefern in der Mittagshitze eine schweißtreibende Rock’n’Roll-Performance ab. Trotzdem darf die Izzy-Stradlin-Gedächtnismütze nicht fehlen. (Copyright: Sven Wiebeck)

Michael: Richtig, ein Limit auf 40.000 wäre bitter nötig gewesen. Durch die marodierenden Menschenmassen brauchte man rund 20 bis 30 Minuten zwischen den beiden Hauptbühnen tief im Westen und der wichtigen Alternative Stage am Ostende. Das geht einfach nicht. Auch, dass für die vielen Zuhörer der Platz vor den Hauptbühnen hinten raus nicht gereicht hat und alles in die Breite ging, war suboptimal. Und dann gab es angeblich noch eine „Massenpanik“, so hieß es jedenfalls Sonntagfrüh im Radio.

Sven: Suboptimal ist ein sehr treffendes Wort. Zumal ich an beiden Abenden Leidtragender war. Aber noch mal kurz zu der vermeintlichen „Massenpanik“. Ich denke, dieses Wort wird oftmals sehr schnell und gerne falsch verwendet. Ich habe Sonntagvormittag zufällig gehört, wie sich eine Lollapalooza-Besucherin auf Star FM minutenlang über die Organisation des Festivals beschwert und auch davon gesprochen hat, dass es nach dem Auftritt von Paul Kalkbrenner zu einer Panik zwischen den Hauptbühnen gekommen sei, als die Menschen von der Mainstage 2 zu den Kings of Leon rüber wollten: Leute hätten Zäune eingetreten, einige seien über die Theken in die Bierstände gesprungen, Mütter hätten nach ihren Kindern gerufen.

Ich habe bei Festivalleiterin Fruszina Szép nachgefragt und sie sagte mir, dass „einige Mädchen etwas in Panik geraten sind“. Man habe ihnen dann über die Tresen der Verkaufsstände aus dem Gedränge geholfen. Das sei alles gewesen. Es konnte aber auch schon mal ziemlich eng werden zwischen den beiden Bühnen. Bei Radiohead am Sonntagabend ging nach hinten zwischenzeitlich auch nicht mehr viel.

Apropos Kings of Leon und Radiohead: Das waren zwei grandiose Gigs, oder?

Michael: Ich stand mittig rechts bei den Kings und habe von dem Stress auch nichts mitbekommen, aber ja, in den extrem schmalen Schlauchgängen, die auch noch mit Dixi-Klos zugestellt waren, ging es teilweise chaotisch zu. Und da zwischen den Bands der nebeneinander liegenden Bühnen jeweils nicht mal eine Minute Pause war, hetzten natürlich die Massen hin und her. Wir kommen wieder zum Punkt: Es war heillos überbucht. Was wohl auch deinen Begriff „Gesabbel“ erklärt.

Aber ja, die Kings of Leon haben mich positiv überrascht, sie sind eine sehr gute Schnittstelle zwischen Indie-Fans und Mainstream-Hörern. Und Radiohead: ohne Worte. Ein fantastischer Gig, der ihr Set, das ich in Barcelona gesehen habe, noch mal getoppt hat. Hier hatte ich auch Glück und stand wohl in einer Ecke, in der einfach mal das Maul gehalten und der Musik gelauscht wurde. Auch James Blakes Set hat einfach wunderbar funktioniert, seine neuen Stücke sind wie für Live-Auftritte gemacht. Herrlich!

Ganz schön ausgefuchst. Ein Beginner-Fan muss eben tun, was ein Beginner-Fan tun muss. (Copyright: Sven Wiebeck)
Ganz schön ausgefuchst. Ein Beginner-Fan muss eben tun, was ein Beginner-Fan tun muss. (Copyright: Sven Wiebeck)

Sven: Ich war halt nur beide Male zu spät vor der Bühne. Oder besser: daneben. Weit daneben. Andererseits hätte ich sonst die Beginner nicht gesehen. Und da hätte ich mir echt in den Popo gebissen. Ein hammer Auftritt!

Michael: Ach, dann meinst du mit „Füchse“ die Beginner.

Sven: Genau, die Hip-Hop-Füchse aus Eimsbush. Sie waren extrem gut drauf. Und die neuen Songs hatten live noch mal etwas mehr Drive. In Kombination mit diversen Klassikern ergab das eine große Party. Überhaupt haben mich letztlich die altgedienten Bands abgeholt. Wie die Kaiser Chiefs mit ihrem „good old-fashioned Rock ’n’ Roll“. Nicht die hippen Newcomer. Eine richtig große Überraschung war jedenfalls nicht dabei. Eine kleine war vielleicht, dass ich manche Elektro-Acts auf der Perry Stage besser fand, als vorher gedacht. Vor der war ja auch durchgängig Alarm.

Michael: Ja, da wurde alle zwei Minuten der „Beat gedroppt“ … Facepalm ist gar kein Ausdruck, aber gut: Hauptsache die Kids hatten Spaß.

Sven: An sich mag ich es, wenn unterschiedliche Stile zusammengeführt werden. Allerdings hat das natürlich auch immer Einfluss auf die Homogenität des Publikums. Wobei dieses Stadtfestival-Ding da, glaube ich, ebenfalls eine große Rolle spielt. Eventuell denkt sich der eine oder andere fünf Tage vorher: „Ach, es gibt noch Karten. Kaufe ich mir mal eine, ist ja um die Ecke. Vielleicht wird’s ’ne geile Party?“ Nur interessiert der sich dann nicht unbedingt für die Bands. Ich kann ja verstehen, wenn jemand Radiohead nicht mag, aber muss der deshalb zwei Stunden durchsabbeln und gegen die Musik anbrüllen?

Nenne mich altmodisch, meinetwegen alt oder intolerant, aber ich gehe zu einem Konzert, um die Musik live zu hören, zu erleben. Um die Band zu sehen, gemeinsam zu feiern. Auch im Rahmen eines Festivals. Ich will tanzen, mitsingen, aber mich nicht nonstop ungefragt von irgendwelchen Laberköppen beschallen lassen. Am nervigsten war es tatsächlich bei den Hauptacts. Bei Radiohead hat dann irgendwann eine Truppe angefangen „Freed From Desire“ zu grölen. Vielleicht wären die Jungs vor der Perry Stage doch besser aufgehoben gewesen. Aber gut, während „Street Spirit (Fade Out)“ habe ich meinen Frieden mit den Deppen geschlossen. Und „Paranoid Android“ ist einfach einer der zehn besten Songs, die jemals geschrieben wurden.

Die Ein-Mann-Druckluft-Kapelle: Garantin für Gassenhauer und gute Stimmung zwischen den Konzerten. (Copyright: Sven Wiebeck)
Die Ein-Mann-Druckluft-Kapelle: Garantin für Gassenhauer und gute Stimmung zwischen den Konzerten. (Copyright: Sven Wiebeck)

Michael: Den Bands kann man beim Lolla wirklich gar nichts vorwerfen, alle von mir gesehenen waren super drauf, sehr dankbar und haben großartige Sets abgeliefert. Die auch toll geklungen haben, Kompliment an die Technik.

Sven: Den Sound fand ich durchweg gut. Manchmal eventuell etwas leise, vor allem die Bässe, aber das ist wohl der Anwohnersituation geschuldet. Nachvollziehbar, neben Hase und Igel in Treptow wollten sich schließlich auch die Neuköllner gute Nacht sagen.

Bunter Ballon und riesiges Rad – Kunst trifft Kirmes. (Copyright: Sven Wiebeck)
Bunter Ballon und riesiges Rad – Kunst trifft Kirmes. (Copyright: Sven Wiebeck)

Mir fällt gerade ein weiterer Begriff ein: familiär. Sicher, durch die vielen Familien verliert das Lollapalooza den klassischen Charakter eines Rockfestivals. Andererseits war es ja auch ganz putzig, wenn die Rock-’n’-Roll-Daddys nachmittags mit ihren Kindern um ein Planschbecken saßen und nach Spielzeugfischen angelten. Die kleine Kirmes fand ich auch lustig. Artistik und Kleinkunst sind ja aber keine Alleinstellungsmerkmale mehr.

Michael: Stimmt, das haben sich die Macher gut beim Artville, dem Kunstcamp des MS Dockville in Hamburg, und auch beim A Summer’s Tale in Luhmühlen abgeschaut: einfach etwas Programm neben den Bands zu bieten. Das war oft natürlich nur gut gemeintes Beiwerk, aber das wirkt auch und trägt zum positiven Eindruck bei. Aber trotzdem finde ich bei den Menschenmassen einen Festivalbesuch mit Kind einfach mega unangebracht. Das fiel mir auf, als ich mitten im Dunkeln nach den Kings of Leon plötzlich mit dem Fuß an einem Kinderwagen hängen blieb.

Sven: Einmal dachte ich auch, ich gucke nicht richtig. Als sich ein Vater mit Säugling im Tragetuch vorm Bauch bei Radiohead durch die Menschenmassen drückte. Das Baby hatte zwar Gehörschutzstöpsel in den Ohren, aber die Augen weit aufgerissen. Kein Wunder bei den bunt flackernden Videowänden.

Bildungsauftrag: Der grüne Kiezgänger kann sich über die Tier- und Pflanzenwelt im Treptower Park informieren. (Copyright: Sven Wiebeck)
Bildungsauftrag: Der grüne Kiezgänger kann sich über die Tier- und Pflanzenwelt im Treptower Park informieren. (Copyright: Sven Wiebeck)

Der grüne Kiez war eine nette Idee. Auch wenn ich bezweifle, dass sich die meisten Besucher wirklich nachhaltig über Naturschutz- und soziale Projekte informiert haben. Trotzdem ein guter Anfang. Ein paar mehr Abfalltonnen wären jedoch nicht schlecht gewesen, dann wäre weniger Müll auf der Wiese gelandet. Seitens des Straßen- und Grünflächenamtes zeigte man sich aber sehr zufrieden über die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern. „Sie haben alle 50 Auflagen erfüllt“, sagte Ingrid Lehmann, die Verantwortliche der Behörde, während der Pressekonferenz. Die Flora und Fauna des Parks sei weitestgehend geschützt worden. Vom Rasen mal abgesehen. Und ich habe tatsächlich nicht einen Wildpinkler gesehen.

Ziehst du eine Erkenntnis aus dem Lollapalooza in Berlin?

Michael: Ja, dass Massenfestivals wirklich nichts für mich sind. Wer kein Problem damit hat, dass über Bands drübergelabert wird, man auch mit peinlicher akustischer DJ-Kackscheiße wie Paul Kalkbrenner oder Major Lazer beschallt wird, wenn Sekunden vorher richtige Bands gespielt haben, und man gut die Ellenbogen ausfahren und auf Rücksicht scheißen kann: nur zu. Ich bleibe dann doch eher bei den kleineren Festivals, wo es dann doch mehr um die Musik geht. Deine?

Sven: Es gibt tatsächlich Menschen, die Lindsey-Stirling-T-Shirts tragen.

(Titelbild: Armin Boenisch/flickr Creative Commons Lizenz)

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