Dunkle Hafengeschichte

Die Elbe ist etwas kabbelig an diesem Tag. Die kleine Barkasse schwankt ordentlich, wie manch vollgelaufener Kiezgast nachts auf der Reeperbahn. Die Wellen glitzern im strahlenden Sonnenschein. Beste Bedingungen für eine Hafenrundfahrt, fester Bestandteil unzähliger Touristentouren durch Hamburg. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon mit Besuch durch die Speicherstadt und den Containerhafen geschippert bin.

Aber diese Rundfahrt ist anders. Normalerweise unterhält ein immerzu lustig dahersabbelnder Kapitän seine Gäste an Bord mit Informationen über eine im Magen-Darm-Trakt von Katzen fermentierte Kaffesorte, den Treibstoffverbrauch des größten Containerschiffs der Welt oder den nicht ganz planmäßig verlaufenden Bau der Elbphilharmonie. Diesmal haben Herbert Diercks und Katja Hertz-Eichenrode das Wort, Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Während der zweistündigen „Alternativen Hafenrundfahrt“ berichten sie über Zwangsarbeit, Verfolgung und Widerstand im Hamburger Hafen von 1933 bis 1945.

Beim Ablegen von der Überseebrücke herrscht Ebbe und die Fleete führen nicht mehr genügend Wasser, um mit der Barkasse in die historische Speicherstadt zu fahren. So bleibt nur der Blick von außen auf die stetig wachsende Hafencity und das Ufer, an dem vor mehr als 70 Jahren im Fruchtschuppen C des Magdeburger Hafens 1.264 Sinti und Roma aus Norddeutschland interniert waren. Wie fast 6.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden sie vom nahegelegenen Hannoverschen Bahnhof aus in den Osten deportiert.

Wo sich heute die mondäne Hafencity erstreckt, standen im Hintergrund einst der Fruchtschuppen C des Magdeburger Hafens und der Hannoversche Bahnhof. (Copyright: Sven Wiebeck)
Wo sich heute die mondäne Hafencity erstreckt, standen im Hintergrund einst der Fruchtschuppen C des Magdeburger Hafens und der Hannoversche Bahnhof. (Copyright: Sven Wiebeck)

Etwa 500.000 Zwangsarbeiter wurden in Hamburg während der Zeit des Nationalsozialismus eingesetzt: zivile Arbeitskräfte, Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern. Beinahe 1.500 Lager, in denen sie untergebracht waren, überzogen die ganze Stadt.

Mit Blick auf die Rüstungsindustrie aber auch auf die Lebensmittelproduktion war der Hafen von besonderer Bedeutung. Gleich mit dem Machtantritt Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten hatte die Ausrichtung der Hafenwirtschaft auf den geplanten Eroberungskrieg begonnen. „Eigentlich finden sich hier an jeder Ecke Hinweise auf die Geschichte der Zwangsarbeiter“, sagt Hertz-Eichenrode. Die geringsten Überlebenschancen hatten jüdische KZ-Insassen und sowjetische Kriegsgefangene.

Speicher G am Dessauer Ufer, Frauenaußenlager des KZ Neuengamme. (Copyright: Sven Wiebeck)
Speicher G am Dessauer Ufer, Frauenaußenlager des KZ Neuengamme. (Copyright: Sven Wiebeck)

Vor uns liegt das Lager C am Dessauer Ufer im Stadtteil Kleiner Grasbrook. In dem langgezogenen Speicher wurde Mitte 1944 ein Außenlager des KZ Neuengamme für weibliche Häftlinge errichtet. 1.500 ungarische, tschechische und polnische Jüdinnen wurden aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geholt, um im Zuge des Mineralölsicherungsplans, auch Geilenberg-Programm genannt, bei größeren Raffinerien Aufräumarbeiten zu verrichten. Später wurden die Frauen auf drei andere Lager verteilt und 2.000 Männer in das Gebäude verlegt. Diercks’ Schilderungen lassen nur erahnen, was für Zustände darin geherrscht haben müssen.

Der Historiker berichtet vom „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo im benachbarten Wilhelmsburg. Durch den Reiherstieg und die Rethe führt der Weg unter der Köhlbrandbrücke hindurch zurück auf die Norderelbe. Hertz-Eichenrode hatte Recht: An nahezu jedem Uferabschnitt erinnert etwas an Zwangsarbeit, Verfolgung und auch an den Widerstand während der Nazi-Zeit.

In den Hallen der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg wurden während des Zweiten Weltkriegs U-Boot-Motoren gefertigt. (Copyright: Sven Wiebeck)
In den Hallen der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg wurden während des Zweiten Weltkriegs U-Boot-Motoren gefertigt. (Copyright: Sven Wiebeck)

An die „Arisierung“ der jüdischen Köhlbrand-Werft Paul Berendsohn, der Fairplay-Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt und der Arnold Bernstein Schiffahrtsgesellschaft. An tausende Tonnen Kleidung, Schmuck und Haushaltsgegenstände aus dem Besitz vertriebener oder ermordeter Juden, die in Schuppen im Freihafen lagerten. An die Hafen- und Werftarbeiter, die sich nach dem Verbot der Gewerkschaften und der Parteien der Arbeiterbewegung mit den Seeleuten schon früh am Widerstand beteiligten.

Auf der Deutschen Werft arbeitete Dagobert Biermann, der Vater des Hamburger Liedermachers Wolf Biermann, als Schlosser. Er gehörte einer Widerstandsgruppe an, die von der geheimen Operation „Legion Condor“ erfuhr und in Flugblättern öffentlich machte: 1936 unterstütze Nazideutschland die spanischen Putschisten unter der Führung General Francos mit militärischem Material und Soldaten. Während des Krieges organisierte Hans Hornberger, ebenfalls Schlosser, auf der Großwerft Blohm & Voss Arbeitssabotage. „So wurde etwa schwer zu ersetzendes Werkzeug bei Arbeiten auf den Schwimmdocks in der Elbe versenkt oder Schiffsmotoren durch Verunreinigung beschädigt“, sagt Diercks. Biermann wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet, Hornberger 1944 im KZ Neuengamme.

Blick auf Dock 16 bei Blohm & Voss: In der Wert wurden das Schlachtschiff „Bismarck“, der Schwere Kreuzer „Admiral Hipper“, das Passagierschiff „Wilhelm Gustloff“ und 238 U-Boote gebaut. (Copyright: Sven Wiebeck)
Blick auf Dock 16 bei Blohm & Voss: In der Wert wurden das Schlachtschiff „Bismarck“, der Schwere Kreuzer „Admiral Hipper“, das Passagierschiff „Wilhelm Gustloff“ und 238 U-Boote gebaut. (Copyright: Sven Wiebeck)

Auch von den Plänen zur Umgestaltung Hamburgs in eine „Führerstadt“ erzählen Diercks und Hertz-Eichenrode. Hitler wollte die Hansestadt von dem Architekten Konstanty Gutschow zu einem „Wahrzeichen des Dritten Reichs“ ausbauen lassen – gemäß ihrer künftigen Bedeutung als Welthafen, Außenhandels- und Kolonialmetropole. Mit gigantischen Kontorhäusern für die private Wirtschaft entlang einer Uferhochstraße in Altona und dem Gauhochhaus, das dort 250 Meter in die Höhe ragen sollte.

Als ich nach zwei Stunden wieder von Bord gehe, habe ich ein flaues Gefühl im Magen. Aber nicht wegen der kabbeligen Elbe. Abends sitze ich im Park Fiction und genieße den einzigartigen Blick über den Hamburger Hafen. Die Aussicht ist mir bestens vertraut, doch heute sehe ich manches mit anderen Augen.

Die nächsten Rundfahrten finden am 4. und 25. September statt, nähere Informationen gibt es hier.

(Titelbild – Copyright: Sven Wiebeck)

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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