Great Expectations

So, die Genehmigung ist durch. Es kann also stattfinden, das zweite Lollapalooza in Berlin – zum ersten und wahrscheinlich auch letzten Mal im Treptower Park. Im vergangenen Jahr hatte der bislang einzige europäische Ableger des 1991 von Perry Farrell (Jane’s Addiction) ins Musikleben gerufenen Festivals auf dem Tempelhofer Feld seine Premiere. Der zwangsläufige Umzug nach Alt-Treptow sorgte für Proteste seitens der Anwohner, erst vor wenigen Tagen erteilten das Straßen- und Grünflächenamt und die Untere Denkmalschutzbehörde dennoch eine Ausnahmegenehmigung für das Event am 10. und 11. September. Die Veranstalter kalkulieren mit 70.000 Zuschauern – täglich.

Mit Kidzapalooza, dem Grünen Kiez zum Thema Nachhaltigkeit, der Lolla Fun Fair und Art At The Park will das Lollapalooza Berlin mehr sein als nur ein Musikfest. Nämlich „ein Schmelztiegel der internationalen Kunst- und Kulturszene“, sagt Festivalleiterin Fruzsina Szép, „eine Art begehbare Galerie, in der Kunst, Theater und Akrobatik zu erleben sind“.

Ich bin immer noch gespannt wie ein Flitzebogen bei Olympia, wo zwischen den Bäumen denn die 45 Acts auf den vier Bühnen stehen werden. Und ich habe überlegt, wen ich unbedingt sehen will. Hier meine persönliche Top Five:

Platz 5: Catfish and the Bottlemen

Geradliniger Indierock aus Wales, das klingt nach mächtig Spaß. Meine Kenntnisse über das Quartett sind zwar rudimentär, das Interesse ist dafür umso größer. 2014 wurde die Band beim BBC Music Award als „Best Newcomer“ ausgezeichnet. Ob sie diesen Titel auch bei mir einheimsen kann?

Catfish and the Bottlemen – Indiepoprocker aus Wales. (Copyright: Label)
Catfish and the Bottlemen – Indiepoprocker aus Wales. (Copyright: Label)

Platz 4: Kings of Leon

Auf die Gefahr hin, dass ich hier vielleicht als Mainstream-Onkel gelte: Der einzige Deutschland-Gig der Familie Followill in diesem Jahr gehört unbedingt auf meine Liste. Vielleicht spielt sie ja Bandklassiker wie „Molly’s Chambers“, „Four Kicks“, „Charmer“ oder „Crawl“? Mit einem Ausblick auf das im Oktober erscheinende siebte Album „Walls“ rechne ich indes fest. Und damit, dass mich die Kings of Leon mit dem pathetischen „Pyro“ in die Berliner Nacht entlassen, Stadionrock hin oder her.

Zwischen Scheune und Stadion – die Kings of Leon. (Copyright: Label)
Zwischen Scheune und Stadion – die Kings of Leon. (Copyright: Label)

Platz 3: Dubioza Kolektiv

Auf die Jungs habe ich richtig Lust. Im vergangenen Jahr habe ich sie als Support von Faith No More gesehen. Obwohl alle sehnsüchtig auf die Crossover-Recken gewartet haben, hat es die Band aus Bosnien geschafft, das Publikum zu begeistern. Mit ihrer wilden Soundmixtur aus Balkanfolklore, Ska, Punk, Dub, Elektro, Rock, Reggae und Hip-Hop und einer extrem energiegeladenen Show. Mal gucken, ob es dem exzentrischen Kollektiv auch gelingt, mich schon am Samstagmittag vor der großen Festivalbühne zum Springen zu bewegen. Wer sich vor dem Festival noch einen umfassenderen Höreindruck verschaffen möchte, kann auf der Band-Homepage unter anderem das aktuelle Album „Happy Machine“ runterladen – for free.

Balkan-Band mit Hang zur Anarchie: das Dubioza Kolektiv. (Copyright: Goran Lizdek)
Balkan-Band mit Hang zur Anarchie: das Dubioza Kolektiv. (Copyright: Goran Lizdek)

Platz 2: Beginner

Das versteht sich eigentlich von selbst. Obacht, Exkurs! Es folgt eine kurze Kritik des jüngst erschienenen Albums „Advanced Chemistry“. Wer kein Interesse hat an „Rap & fette Bässe“, scrollt einfach bis „Trotzdem (…)“ weiter. Ansonsten: Die beiden großartigen Vorab-Singles „Ahnma“ und „Es war einmal …“ haben nicht nur bei mir große Erwartungen geweckt. Doch so wie Gwyneth Paltrow nach ihrem ersten Kuss in der filmischen Adaption des gleichnamigen Charles-Dickens-Romans Ethan Hawke enttäuscht zurücklässt, so lassen die Hamburger Hip-Hop-Füchse Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad mich mit ihrem ersten Longplayer seit 13 Jahren etwas in der Luft hängen. Ich kann sie nicht wirklich im Hier und Heute verorten. Natürlich ist es schön, in Erinnerungen zu schwelgen und diese im Beginner-typischen Stil serviert zu bekommen: in Form kreativer Wortschöpfungen und Sprachbilder, unterlegt mit feinen Beats und Bässen. Das macht schon Laune. Doch irgendwann ist es eben auch mal gut mit den selbstreferentiellen Erzählungen von den Anfängen des Deutschraps. Nur was bleibt dann? Ganz ehrlich, eine Nummer wie „Kater“ braucht kein Mensch (mehr). „Meine Posse“ mit Samy Deluxe zählt zu den besseren Songs, Dendemann kann es definitiv besser als bei „So schön“, Haftbefehl wirkt wie ein Fremdkörper, anders als Megaloh beim Track „Thomas Anders“, bei dessen Refrain aber zu sehr Jan Delay & Disko No. 1 durchklingen. Nicht das einzige Mal. Allerdings: Neben Reggae lassen die Beginner auch mal einen Trap-Beat einfließen, „Rambo No. 5“ erinnert an eine Deickind’sche Elektro-Party. Das ist schön – und auch gut. Für ein Comeback-Album, wenn man es denn so nennen will, jedoch nicht hammerhart genug. Aber vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu derbe?
Trotzdem werde ich mir die drei Veteranen von der Reeperbahn angucken. Jedenfalls bis ich zu Radiohead rüber muss.

Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad aka die Beginner. (Copyright: Buback Konzerte I Paul Ripke)
Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad aka die Beginner. (Copyright: Buback Konzerte I Paul Ripke)

Platz 1: Radiohead

Was soll ich sagen. Das letzte Mal habe ich die Band 2003 auf der „Hail to the Thief“-Tour gesehen. Damals war die o2-… äh… die Barclaycard-Arena in Hamburg noch nach einer norwegischen Reederei benannt und man konnte ein Radiohead-Album unangestrengt am Stück durchhören; bevor sich die fünf Briten allzu sehr in eklektischem Kunstrock-Gefrickel und Thom Yorks Falsettgesang verloren haben. Obwohl ich damals nichts geraucht und außer Bier nichts geschluckt hatte, bin ich irgendwann beseelt durch Zeit und Halle geschwebt. Nach dem neuen großartigen Studiowerk „A Moon Shaped Pool“ und Michaels Erzählung vom Auftritt beim diesjährigen Primavera Sound in Barcelona erwarte ich vom Lollapalooza-Gig nicht weniger.

Radiohead, die Indierock-Ikonen aus Oxford. (Copyright: Label)
Radiohead, die Indierock-Ikonen aus Oxford. (Copyright: Label)

Wie sich meine Top Five wohl nach dem Festival zusammensetzt?

(Titelbild – Copyright: Jakubaszek/Redferns)

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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