Primavera Sound 2016 Barcelona | Sigur Rós, Sonne und Sponsoren

Traumhafte Sonnenuntergänge über dem Parc del Fòrum, massenhaftes Menschenpingpong zwischen den Hauptbühnen, feierwütige Fiesta-People: Nachdem sich die Eindrücke vom Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona nun einige Tage setzen konnten, trafen sich Michael und Enrico wieder, um ihren verschiedenen Eindrücken nachzuspüren.

Sicht von einer der Hauptbühnen des Primavera Sound Festivals 2016 im Parc del Fòrum. Foto: Eric Pamies
Sicht von einer der Hauptbühnen des Primavera Sound Festivals 2016 im Parc del Fòrum. Foto: Eric Pamies

E: Puh, ich bin ja immer noch sehr beeindruckt – von Barcelona. Das Festival wurde da glatt zur Randerscheinung.

M: Oha, hat’s dir denn nicht gefallen?

E: Mir haben viele kleine Einzelmomente gefallen, etwa als ich am Meer saß während du bei PJ Harvey warst und ich nach den ersten herüberwehenden Klängen schon wusste, wieso du dort unbedingt hinwolltest und unweigerlich schmunzeln musste – nur um dir eine halbe Stunde später zu folgen. Aber das Festival als Ganzes, nein, keinen Eindruck.

M: Krass. Mir hat es sehr gefallen. Es war ein wenig wie ein “würdevolles Indiefestival”, das mit großen Namen aufwartet, ohne direkt ein typisches deutsches Massenevent zu werden. Mir gefiel zum Beispiel der Parc del Fòrum sehr von der Aufteilung, dass dort in den verschiedenen Winkeln und Ebenen am Meer so viele Bühnen Platz fanden. Nur, dass es im Grunde eine langgezogene Betonwüste ist, war etwas schade. Mehr Grün!

Am Eingang des Primavera-Geländes: Dachkonstrunktion mit vielen Solarzellen im Parc del Fòrum. Foto: Dani Canto
Am Eingang des Primavera-Geländes: Dachkonstrunktion mit vielen Solarzellen im Parc del Fòrum. Foto: Dani Canto

E: Die Bühnen haben sie wirklich gut untergebracht und für ordentliche Laufwege gesorgt, sodass sich selten der Verkehr staute. Mich hat die Betonfläche nicht gestört, vor allem da es immer mal Alternativrouten am Wasser entlang gab, ebenso wie die faszinierende Dachkonstruktion, die auch auf den Bildern zu sehen ist. Rein von der Besucherzahl her und was einem geboten wurde, war es einem “typischen deutschen Massenevent” doch aber sehr ähnlich – oder wo siehst du hier die feinen Unterschiede?

M: Der feine Unterschied ist etwa, dass eine Band wie Explosions In The Sky zur besten Zeit auf einer der Hauptbühnen spielen durfte, oder auch Daughter. Dazu Beirut, PJ Harvey, Sigur Rós, das sind einfach große Indienamen, die in der Zusammensetzung auf keinem deutschen Festival passieren würden. Dazu die Highlights spät nachts noch mal (für die ich immer zu groggy war), das war einfach nett, ein Indie-Best-of. Auch das Konzept mit den zwei gegenüberliegenden Hauptbühnen fand ich toll. Während eine umgebaut wurde, fing zehn Minuten später direkt gegenüber schon das nächste Konzert an. Publikumspingpong quasi, irgendwie cool.

E: Ich habe mir am Flughafen die dem Pressematerial beigelegte Musikzeitschrift “Loud & Quiet” durchgelesen, in der sehr viele Werbeanzeigen anderer Festivals stehen. Klar taucht das Line-up des Primavera so nirgendwo noch einmal auf, aber fast alle Bands spielen auf mehreren anderen Festivals diesen Sommer, teilweise auch auf den selben. Sonst könntest du ja jedem Festival eine besondere Stellung zusprechen, nur weil das exakt selbe Line-up nicht zweimal auftaucht. Ich mochte die Zusammenstellung, ich mochte auch viele der Konzerte, aber es gab keinen Wow-Effekt. Bei dir echt?

Explosions In The Sky live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Explosions In The Sky live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

M: Nun, dass für mich eine geballte Ladung absoluter Lieblingsbands spielte, tut da seinen Teil dazu. Das sind Bands, die ich seit bis zu 15 Jahren verfolge und die einfach zu großen Namen geworden sind. Also ja, es gab eine Menge Wow-Effekte für mich. Beirut habe ich schon einige Jahre nicht mehr live gesehen und fand das Set hervorragend, mit einigem EP-Material dabei. Radiohead live zu sehen, ist inzwischen auch nicht mehr so einfach, und ihr Set war einfach grandios – nur leider waren die (sehr sehr schönen) neuen Songs nicht Festival-geeignet, oder eher das Publikum nicht geeignet dafür. Es wurde so viel gelabert und sich durch die Reihen gequetscht, das hat es mir fast versaut, zumal hier die einzige Soundkritik des Festivals griff: Radiohead kamen einfach zu leise aus den Boxen. Aber als dann alle, einfach alle komplett “Karma Police” mitsangen, das war ein großer, großartiger Moment.

Radiohead live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Radiohead live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

E: “I lost myself, I lost myseeeeelf!” Ja, das bekam ich von weiter hinten mit und wurde etwas milder in meinem (Vor)Urteil über das Publikum. Denn es wurde wirklich sehr, sehr viel gelabert, was in krassem Kontrast zu dem vermeintlichen Genießen des Songs steht. Als neben mir eine Spanierin während des Auftritts von Sigur Rós einen Song lang durchquatschte, nur um sich am Ende glücklich zur Bühne zu drehen und zu rufen “Rewind, rewind!”, da dachte ich mir nur: Wie kannst du auch nur überhaupt irgendwas mitbekommen haben? Einem Song seinen Raum geben hat ja nix mit Multitasking zu tun, das ist nix was man nebenbei mal machen kann. Dementsprechend habe ich für solche Leute echt kein Verständnis. Aber so ist das Primavera eben auch Event-Festival.

M: Stimmt, selten habe ich so viele Frauen mit Zigaretten wedelnd und Handys in der Hand herumfuchteln und dabei nöhlen und den Helikopter machen sehen. Da kommt vielleicht der ‚grumpy old man‘ in mir durch, aber dieses spanische Temperament passt gut zu Partys und Fiestas, aber nicht so sehr zu Musikfestivals mit Acts, die das Zuhören gebieten. Ein Spanier, mit dem ich sprach, hat das auch nicht verstanden, als ich sagte, dass ich schon zum Festival gehe, um die Musik zu hören, und nicht um mich lautstark zu unterhalten und Selfies zu machen. Er fand mich dann “boring”. Ich mag in dem Fall boring und merkte, wie deutsch ich bin, offensichtlich nicht als Transnationalist geboren. Ich mag Rücksicht und Höflichkeit, auch wenn es mal eng und chaotisch wird.

Intensive Show: Die U.S. Girls live beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Dani Canto
Intensive Show: Die U.S. Girls live beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Dani Canto

E: So ähnlich ist es bei großen deutschen Festivals nun ja leider auch. Vielleicht liegt es aber auch speziell an den Festivals die in trendigen Städten wie Barcelona oder Berlin stattfinden. Ich frage mich manchmal, ob es an der Größe liegt, ob alles besser wäre, wenn es kleiner wäre. Weniger Bands, kleinere Fläche, im besten Fall auch weniger Sponsoring. Denn wie sagte es Meghan Remy von den U.S. Girls so schön bei ihrem Auftritt auf der *Schuhmarke*-Bühne? “You twitter their name and they don’t give you shit.” Nicht, dass Schuhe in die Runde werfen die Lösung wäre, aber sie spricht da schon einen Punkt an, den auch ich fragwürdig finde. Die großen Festivals werden alle immer gleicher, weil sie sich immer gleicher gestalten beziehungsweise gestalten müssen durch Sponsorenkraft. Kurz gesagt: Mich würde da mehr Transparenz freuen: Geht es da nur um möglichst hohen Profit oder ist solch ein Festival ohne fette Sponsorennamen überall nicht mehr zu stemmen?

M: Na ich weiß nicht, “trendige Städte”, was soll das sein, finde ich ein weirdes Argument. Sowohl beim Berlin Festival als auch beim Iceland Airwaves in ‚Trendhochburg‘ Reykjavík haben die Leute wesentlich aufmerksamer zugehört. Aber klar, du hast immer die besoffene Briten dazwischen – das lässt sich kaum leugnen, die fallen immer raus – und sonstige Deppen, die sich selbst feiern wollen anstatt die Musik. Das mit den Bühnen ist mir aber auch negativ aufgefallen. Dass die Bühnen nun *Biermarke*-, *Sonnenbrillen*- oder *Massenmodeausstatter*-Bühne heißen mussten, nun ja, ziemlich doof. An Einnahmen sollte es ihnen nicht gemangelt haben, waren doch wohl insgesamt 165.000 Leute da, rund 55.000 pro Tag, die mehr als 200 Euro Eintritt gezahlt haben. Manche sogar bedeutend mehr für eines der “VIP-Tickets”. Das fiel mir besonders negativ auf: Vor PJ Harvey und Brian Wilson hatten sie einen riesigen Bereich links direkt vor der Bühne zur “VIP-Area” gemacht, was nicht nur mir, sondern vielen negativ aufstieß. Aber davon ab war PJ Harvey mein absolutes Highlight. Die pompöse Show, das großartige Set, das Feuerwerk irgendwo in der Ferne am Strand bei „To Bring You My Love“, hach. Wer gefiel dir denn nun am besten?

Die Königin des Primavera Sound: PJ Harvey! Foto: Eric Pamies
Die Königin des Primavera Sound: PJ Harvey! Foto: Eric Pamies

E: Obwohl ich den größten Teil nur aus der Ferne gehört habe, stimme ich dir da gerne zu. PJ Harvey war überraschend opulent, temporeich und mit einer ganz eigenen Majestätik ausgestattet. Schön war zudem das italienische Grüppchen Sycamore Age, das auf einer der kleineren Bühnen rumpligen und ebenso launigen Folk-Rock-Pop spielte. Und meine Liebe für die U.S. Girls soll hier nicht unerwähnt bleiben – schade, dass sie noch ohne Band touren. Oha, und die Altherren von Tortoise nicht vergessen! Sie gelten nicht zu Unrecht als Mitbegründer des Post-Rocks und spielten ihr Set mit einer erstaunlichen Ruhe und Gelassenheit. Rein von den Bands her gab es echt nichts zu meckern, meine Kritik am Primavera bezieht sich da voll auf’s Umfeld, auf die Gigantonomie im Hintergrund. Du würdest also wieder hinfliegen?

M: Ich hatte einfach diese Momente, die wirklich perfekt waren. Etwa, als die Sonne unterging bei Daughter, die ich nicht mal sehr mag, aber wie alles wirkte und sich die würfelartigen Gebäude neben dem Fòrum in Orange tränkten. Dann der perfekte Platz bei PJ Harvey vorne, ohne Laberleute drumrum, und ein so grandioses kraftvolles Set, bei dem sie zwar leider nicht selbst zur Gitarre griff, dafür aber stimmlich besser klang als je zuvor. Und auch bei Sigur Rós hatte ich viele Momente, in denen ich mich ganz in die Musik fallen lassen konnte. Massenfestivals sind und werden nicht meins, aber ich habe dank dieser großartigen Minuten einfach tolle Erinnerungen. Und noch ein Lob: Die Akustik der Bühnen war echt nahezu perfekt, und zwar jeder, groß oder klein, egal ob man nah dran stand oder weit weg, das war ein Genuss!

Beirut live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Beirut live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

E: Das war wirklich ein riesiges Plus. Ich erinnere mich an die vielen Probleme beim Berlin Festival in Sachen Akustik und auch von anderen Festivals hört man selten sehr viel Gutes über den Sound, außer dass er ordentlich wummste. Hier stimmte alles – weshalb mich PJ Harvey aus mehreren hundert Metern Entfernung in den Bann ziehen konnte. Ich gehe also mit guten und schlechten Gedanken aus dem Primavera Sound raus.

M: Lass uns Noten geben, ich mag das immer! Also: Sound: 1, Line-up: 2+, Publikum 4-, Organisation: 2, Atmosphäre: 2.

E: Okay, bei mir sieht es so aus: Sound: 1, Line-Up: 2, Publikum: 4, Organisation: 2-, Atmosphäre: 3.

M: Na schau, so weit liegen wir ja doch nicht auseinander! Also sind wir quasi einer Meinung: Primavera Sound kann man sich auf alle Fälle mal geben. Oder?

E:  Wenn einem das Line-up wirklich -sehr- zusagen sollte, dann ja. Ansonsten empfehle ich lieber einen intensiveren Aufenthalt in Barcelona selbst. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Es waren schöne Tage!

In den nächsten Tagen folgen noch Berichte von Michael und Enrico aus der katalanischen Metropole.

Sicht von einer der Hauptbühnen zur anderen gegenüber beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Sicht von einer der Hauptbühnen zur anderen gegenüber beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
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Ein Kommentar

  1. […] Studiowerk „A Moon Shaped Pool“ und Michaels Erzählung vom Auftritt beim diesjährigen Primavera Sound in Barcelona erwarte ich vom Lollapalooza-Gig nicht […]

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