Alltag du Sau (17): Über die Prenzlbergisierung Neuköllns

Ich bin vor zwei Jahren nach Neukölln gezogen. Kreuzkölln wie manche so schön sagen. Und bevor ich anfange, gebe ich offen zu, dass ich damals selbst zur Gentrifizierung beigetragen habe. Als plötzlich alle nach Neukölln gezogen sind, habe ich mitgemacht. Aber der Hype hat nun einen unsympathischen Twist bekommen.

Im Herbst hatte ich Berlin den Rücken gekehrt und mir Paris als temporären Lebensmittelpunkt ausgesucht. In meinem Stadtteil im Osten der französischen Museumsstadt habe ich mich schnell wie zu Hause gefühlt: Hundehaufen soweit das Auge reicht, Sperrmüll auf den Straßen, Menschen aus aller Herren Länder und immer Trubel auf den Boulevards. Nicht romantisch-pittoresk, aber ungekünstelt bodenständig. Als ich im Frühling wieder an die Spree kam, ist mir allerdings aufgefallen, wie sehr sich Neukölln verändert hat. Nicht nur in den letzten sieben Monaten, sondern überhaupt.

Neukölln scheißt zurück
Neukölln scheißt zurück

In meinem Hausflur stehen zu Stoßzeiten mittlerweile fünf Kinderwagen. Früher war es einer, maximal zwei. Die Soja-Latte-Mamis verstreuen sich nun auch entlang der Sonnenallee. Und weil in meinem Bezirk so viele Kinderwagendiebe unterwegs sind, werden die unförmigen Dinger nun am Treppengeländer festgekettet, damit ja kein Fahrrad mehr vorbei in den Hof passt. Seit wann klaut man in Neukölln keine Fahrräder mehr, sondern Kinderwagen?

Außerdem: Neukölln ist sauberer geworden. Ich musste lange keinen Ausfallschritt wegen eines Hundehaufens mehr machen. Müllsäcke oder Kühlschränke vegetieren nur noch selten am Straßenrand. Dafür aber mehr spanische Touristen. Befremdlich, aber wer beschwert sich schon wegen zu wenig Müll?

Schwäbisches Exil am Hermannplatz

In meinem Bezirk hat während meiner Abwesenheit ein Restaurant namens „Schwabylon“ neu eröffnet. Ein „Spätzle Exil“. Ernsthaft? Wurden die Schwaben nun schon vom Kollwitzplatz verjagt und müssen an den Hermannplatz migrieren? Eine Straße weiter hängen jetzt Holzeisenbahnen und Fair-Trade-Strampler im Fenster eines Spielwarengeschäfts aus. Gegenüber einer meiner Lieblingsbars, in der man aber nicht mit dem Laptop am Fenster arbeiten darf – wegen des Images. Die Cocktails sind trotzdem gut. Das Internetcafé, in dem ich immer meine Pakete abgeholt habe, hat dicht gemacht. Der Döner an der Ecke ist jetzt eine Pizzeria. Und nebenan kocht eine Handvoll Jungs nun bayerisch-österreichische Hausmannskost.

Neukölln wird zum neuen Prenzlauer Berg. Die ersten Hipster gründen Familien, wollen ihren Bezirk nicht verlassen, spotten vielleicht über die Öko-Eltern nördlich der Spree und wollen doch viel alternativer sein. Ich sehe allerdings keinen Unterschied. In meiner Lieblingseisdiele bin ich oft die einzige in der Schlange, die ohne Kind ansteht. Gegenüber liegt ein Spielplatz, der tagtäglich überbevölkert ist. Sowohl Finn als auch Leonie haben schulterlange blonde Haare, Pony und eine Kette um den Hals. Genderneutrale Erziehung.

Aber wenn in den Sommernächten die Luft auf der Sonnenallee süßlich nach Shisha riecht, der türkische Supermarkt im Fastenmonat kurz vor Sonnenuntergang fast leer gekauft ist und der Späti sein eigenes EM-Studio aufmacht, denke ich: Vielleicht kriegt man Neukölln doch nicht aus Neukölln raus.

Fotos: flickr.com –  LCRadkau und nachholer – unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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Lisa Ksienrzyk Verfasst von:

2 Kommentare

  1. A.Goldammer
    30. August 2016
    Antworten

    Schöner Text. Ich hoffe das für Neukölln. Na die FHainer haben es vorgemacht – aus ihrem Bezirk sollte auch ein zweites Prenzlauer Berg werden. Nun ist es eine Tourihochburg 😉 Ich hoffe das auch diese Zukunft an Neukölln vorbei zieht.

  2. […] Neukölln hat sich in den vergangenen Jahren sichtlich verändert, aber eine Konstante lässt seit mittlerweile 60 Jahren den Kiez aufblühen: ein altberliner, […]

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