Alle 5 Jahre wieder: Wahlzeit in Berlin!

Nach 5 Jahren Politikgetümmel werden die Karten im Berliner Abgeordnetenhaus heute wieder neu gemischt. Wie sehr wird die turbulente Zeit in Kreuzberg die Grünen als Ganzes treffen? Wird die SPD nachträglich für Wowereits Verhalten im Fall der Milliardengrube BER abgestraft? Und werden die Piraten direkt wieder ihre Segel streichen müssen, nachdem Galionsfiguren wie Marina Weisband abgewandert sind? Und welchen Stellenwert wird die AfD im multikulturellen Berlin einnehmen? Fragen über Fragen, die niemand von uns beantworten kann.

Daher lohnt es sich, mal im eigenen Kiez zu schauen. Wir haben das interaktive Tool des Tagesspiegels genutzt, um dort nachzuschauen welche Parteien 2011 in unserem jetzigen Stimmbezirk erfolgreich waren. Gefällt uns das? Wollen wir das wieder? Unsere Berliner Flâneuranten berichten. Und gehen heute wählen – denn nur so funktioniert Demokratie.

 

Lisa – Nord-Neukölln

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Die CDU hat in meinem Kiez schlechte Karten. Hier übernehmen die Grünen und die SPD.

Mein Kiez wählt scheinbar mehrheitlich grün, obwohl der Bezirk Neukölln seit zehn Jahren in SPD-Hand ist. Das mag daran liegen, dass meine Ecke in den vergangenen Jahren gentrifiziert wurde wie eh und je und nun mehr junge Studenten als Einwanderer in den Altbauwohnungen leben, allerdings war das bei der letzten Wahl vor sechs Jahren noch nicht so krass ausgeprägt. Heinz Buschkowsky hat sich als Dauerbürgermeister von Neukölln einen Namen gemacht, wenn auch nicht gerade positiv. Seine junge Nachfolgerin Franziska Giffey muss nun alles ausbaden, geht allerdings optimistischer an die Probleme im Bezirk heran. Für die CDU hat sich ein junger Kurde als Direktkandidat vorgestellt und wurde dafür als gläubiger Muslim von mehreren Seiten attackiert: Seine Autoreifen wurden zerstochen. Er wurde als Nazi beschimpft. Neukölln war und ist schon immer ein Problembezirk. Viele Bürger haben keinen deutschen Pass und können nicht wählen gehen. Ob rot oder grün, in die richtige Richtung geht das schon mal.

 

Enrico – Charlottenburg-Nord

Wahlergebnisse 2011 Enrico
Fast 2/3 Rot-Grün – sicher nicht die schlechteste Mischung in Charlottenburg-Nord

Ich wohne seit knapp zwei Jahren in meinem Kiez, den ich bisher immer als angenehm gemischt empfunden habe. Junge Leute, alte Leute, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule, zur Kneipe oder zur Shisha-Bar. Die Wahlergebnisse von 2011 drücken das gut aus. SPD und Grüne fast gleich auf, die Piraten nur ganz knapp hinter der CDU, dazu Die Linke und sonst alle raus. So sehr ich mich darüber freuen würde, wenn auch anderen Kleinparteien ein Einstieg ins Abgeordnetenhaus ermöglicht werden würde – immerhin werden die Piraten sehr wahrscheinlich direkt wieder rausfliegen (nicht zu Unrecht!) – die Mischung der großen etablierten Parteien ist voll okay. Die Grünen sind hier im Kiez sehr aktiv was Radwege und Infrastruktur betrifft, die SPD hat ein Büro in meiner Straße. Man merkt also, die sind wirklich nah dran. Ich hoffe nur, dass die Wahl der Piraten damals keine Protestwahl war und diese Leute nun teilweise zur AfD abwandern.

 

Pia – Zentral-Friedrichshain

Zentral - Friedrichshain
Die Piraten: 2011 noch Hoffnungsträger für neues politisches Territorium

Der Vergleich der politischen Spielstände seit 1990 in meinem Kiez um den Boxhagener Platz zeigt vor allem das plötzliche Einkrachen der Linken seit 2006, und das beständige Ansteigen der Grünen Prozente seit 2001. Gerade diese Wahl wird zeigen, wie zufrieden die Kreuzberg-Friedrichshainer mit ihrer grünen Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann sind. Mein Gefühl sagt: nicht allzu zufrieden. Dennoch, die Verantwortung für diese beiden mal spielerisch, mal ernster miteinander rivalisierenden Geschwisterbezirke zu übernehmen, kann einem schon das ein oder andere graue Haar bescheren. Ich stelle mir vor, wie ich Frau Hermann in ihrem Büro auf der Frankfurter Allee besuche, und ihr berichte, wie anstrengend ich die Simon-Dach Straße mit ihren gröhlenden Touris finde, die mir auf meiner Feierabendtour nach Hause aus voller Alkoholfahne Popsongs entgegenbrüllen. Dass ich das RAW Gelände mehr als meide, und jeden Gang über die Warschauer Brücke als Spießrutenlauf empfinde. Vielleicht würde sie mir zustimmen, oder empfehlen, den Kiez zu wechseln. Und ich würd ihr dann sagen, dass ich mich auf merkwürdige Art und Weise dennoch hier zu Hause fühle und wieder Grün wählen werde. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Für diese Wahl bin ich gespannt, wo die ehemaligen Stimmen für die Piraten hinwandern werden. So orange wie 2011 wird der Kiez sicherlich nie wieder sein.

Foto: tumblr.com – abbilder – unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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