Die Macht der Literatur #2 : Die Lettrétage Berlin wird 10!

Als es Moritz Malsch, Tom Bresemann und Katharina Deloglu vor zehn Jahren möglich wurde, die Lettrétage zu gründen, konnten sie noch nicht wissen, dass sie damit ihre Leidenschaft für die Literatur aus der Ehrenamtlichkeit herausheben und zukünftig hauptberuflich weiterführen würden.

Nun an diesem Punkt angekommen, resümieren die drei Gründer des Jungen Literaturhauses Berlin Lettrétage ihre ursprünglichen und zukünftigen Erwartungen an das gemeinsame Projekt. Ich habe sie auf ein Gespräch getroffen.

 

Tom, Katharina und Moritz vor dem Eingang der Lettrétage am Mehringdamm.
Tom, Katharina und Moritz vor dem Eingang der Lettrétage am Mehringdamm 61.

 

Über Literatur und Politik, Mauerblümchen und die Kraft der Sprache

Zu dieser Artikelserie hat mich vor allem die Frage inspiriert, inwiefern Literatur eine politische Dimension annehmen kann und Orte, an denen Literatur diskutiert wird, ein revolutionäres Potential entfalten können. Wo würdet ihr die Lettrétage hier verorten?

Moritz: Das ist ein total interessantes Thema weil meiner Ansicht nach eigentlich genau das Gegenteil der Fall ist. Es ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit in der Literaturszene oder in der Autorenszene, zu sagen, Literatur sei per se etwas, das politisch Stellung nimmt oder einen gesellschaftlichen Einfluss hat. Wir hatten jetzt gerade erst wieder den Fall, dass es völlig selbstverständlich ist für die Theatersparte ein Manifest zur Abgeordnetenhauswahl gegen die AfD zu publizieren. In der Literatur würde man davon vielleicht eher die Hände lassen, so eine direkte politische Stellungnahme zu verfassen. Ich denke das oft, dass Literatur oder das Buch früher ein leitendes Diskursmedium war, das mittlerweile eigentlich total marginalisiert ist. Die ganze Literaturszene führt so ein Mauerblümchendasein, also ist überhaupt nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit präsent.

Tom: Seit Günter Grass tot ist, gibt es keinen politischen Autor mehr. (lacht)

Moritz: Genau. (lacht auch)

Tom: Man müsste in Bezug auf Literatur erstmal klären: Was ist denn Politik? Geht es dabei wirklich um irgendwelche Manifeste oder ähnliches? Was mich interessiert – und das wäre jetzt einen Schritt vor dem Buch: Vor dem Buch steht ja eigentlich noch die Literatur. Jedes Buch ist ja eigentlich nur eine Begrenzung von dem, was eigentlich möglich ist. Daher ganz unabhängig vom Buch: Wenn Literatur als politisches Instrument interessant sein soll, dann weil sie zu einer offenen Öffentlichkeit beitragen kann. Und in Bezug auf die Lettrétage: Wenn wir als Ort zu dieser Art literarischem Diskurs beitragen können, wäre ich sehr froh.

Moritz: Das interessante an der ganzen Geschichte ist ja auch, wenn man das jetzt zuspitzen will: Unser Medium ist die Sprache und die Sprache ist gleichzeitig auch das Medium, in dem der ganze Diskurs stattfindet und in dem man differenziert mit der Wirklichkeit umgehen kann. Und das schaffen viele von den Leuten, die ständig rumschreien auf Facebook oder wo auch immer, eben gerade nicht. Und darum liegt in der Sprache etwas Politisches: Dass man auf virtuose Weise die Wirklichkeit in allen Verästelungen beschreiben kann. Das Eigenartige ist ja, dass Literatur in Diktaturen immer plötzlich total politisch oder gesellschaftlich wird.

Tom: Ja und auch total wichtig. Weil je demokratischer die Gesellschaft ist, umso weniger Leute lesen Lyrik. Also leben wir scheinbar in der besten aller möglichen Welten, weil ja keiner Gedichte liest. (schmunzelt) Und je restriktiver die Gesellschaft ist, umso wichtiger ist das, was zwischen den Zeilen steht.

(Katharina kommt hinzu.)

 

Die drei Gründer vor der Lettrétage.
Die drei Gründer vor der Lettrétage.

 

Über Gründungsimpulse, DJ Bobo sowie die Authentizität des Moments und das Filtern

Ein weiterer Anlass unseres Gesprächs ist ja vor allem eure Zehnjahresfeier am 1.10.2016. Wenn ihr nun einmal zehn Jahre zurückblickt, mit welchen Erwartungen seid ihr damals in das Projekt Lettrétage eingestiegen, inwiefern haben sie sich erfüllt und wo soll es noch hingehen?

Moritz: Die Gründung der Lettrétage war keine planvolle Tat zur Rettung der Literatur, sondern das haben wir damals angefangen, weil sich die Gelegenheit ergab, weil wir Lust dazu hatten. Das hat sich mehr oder weniger einfach so entwickelt, ohne dass wir auch nur mit dem Gedanken spielten, dass daraus irgendwann mal ein Beruf werden würde. Diese Unmittelbarkeit, dass man letztendlich dort tun kann, was man will, auch relativ spontan, das gefällt uns allen bis heute sehr gut und das findet auch weiterhin so statt, eigentlich fast wie am ersten Tag. Was dazugekommen ist und was die Sache größer und aufwendiger gemacht hat, sind die immer größer werdenden Projekte. Zugleich ist das Alte vom ersten Tag an fast unverändert geblieben, das Gastgeber-Sein, das heißt, man schließt eine Tür auf, und mal kommen drei Leute und mal 30 oder 50.

Katharina: Im Frühjahr 2017 kam noch ein Freund von mir hinzu, der Schauspieler ist: Denis Abrahams. Er ist jetzt seit neuneinhalb Jahren auch mit dabei, hat immer wieder gelesen und ist aus unserem Programm nicht mehr wegzudenken. Lettrétage war für mich lange Hobby, dann Nebenberuf und ist in den letzten zwei Jahren durch unser internationales CROWD Projekt zum Hauptberuf geworden… tja, leider ist der noch prekär… und da kommen wir auch zu den Zielen. Zu einem zumindest: aus diesem Prekariat rauszukommen, einfach generell eine bessere finanzielle Struktur zu schaffen.
Mir gefällt es sehr, dass wir eine Ankerposition der freien Literaturszene sind. Das heißt für mich eben vor allem, auch Türen zu öffnen, Leute in den Raum zu lassen, und zu sagen: Macht euer Ding – und sich überraschen zu lassen. Wir schauen natürlich drauf, ob das generell passt. Im Grunde bedeutet das für mich, eine Offenheit zu haben gegenüber dem, was kommt. Man kann nicht alles kontrollieren. Die Kehrseite ist natürlich, dass ein gewisses Risiko mit dabei ist. Diese Vielfalt im Programm zu haben, heißt, verschiedene Literaturvorstellungen und literarische Ansätze aufeinander prallen zu lassen. Leute einzubinden, die mit ihren eigenen neuen Ideen kommen. Damit das Gesamtkonstrukt Lettrétage frisch bleiben kann.
Was mir besonders großen Spaß macht? Die Suche nach neuen Formaten der Literaturveranstaltungen. Außerdem möchte ich gerne weiterhin international arbeiten – das europäische Kooperationsprojekt CROWD macht mir momentan großen Spaß. Und ich möchte auch gerne weiterhin gucken, dass wir Ankerposition nach innen hin bleiben, also aufmerksam für die Bedürfnisse der freien Literaturszenen in Berlin sind. Und, nicht zuletzt, dass wir hoffentlich dafür auch irgendwann eine dauerhafte Finanzierung bekommen.

"Neue Empfindsamkeit": Toms Lyrikempfehlung – Unterhaltungsessays von Mathias Traxler
Neue Empfindsamkeit: Toms Lyrikempfehlung – Unterhaltungsessays von Mathias Traxler

Tom: Am Beginn stand für mich erstmal das Veranstalten von Literatur. Literatur dabei als Kommunikationsmittel zu verstehen, als Gesprächsanlass, als Anlass zu Begegnungen von Menschen. Statt: „Ich les mein Buch zu Hause und das ist Literatur“, vielmehr: „Es gibt Texte und sie sind Anlass dafür, dass ich Menschen begegne.“ Für die nächsten zehn Jahre wäre es für mich wichtig zu überlegen: Wie kann man die Beziehung zwischen administrativen Strukturen und infrastrukturellen Tätigkeiten zu diesem initialen Impuls des Aufschließens und des Gastgebens in eine sinnvolle Balance setzen? Sodass es seriös ist und und trotzdem diese Abenteuerlust und dieses “Wir schließen heute Abend auf und wissen nicht so richtig was passiert“ seinen Raum findet.

Moritz: Eigentlich ist es eine Umkehrung von dem traditionellen Literaturhausmodell. Vielleicht war es vor 30 Jahren auch noch viel notwendiger, eine Filterinstanz zu haben. Es war ja viel schwieriger, sich einen Überblick zu verschaffen, und da ist es toll, wenn einem jemand, der von morgens bis abends liest und alle wichtigen Neuerscheinungen geprüft hat, dann sagt: Das ist gut und das ist schlecht. Heute weiß ich als ‚Literaturendverbraucher‘ schon viel genauer, was ich will, und muss eigentlich eher dazu gebracht werden, diese Gewissheit wieder aufzugeben. Eigentlich ist das unsere Aufgabe hier, jetzt, heute. Eine weitere Erfahrung ist, dass es Literatur gibt die wenn ich sie lesen würde, total peinlich wäre und wenn du den Autor dann hörst, dann kann sie eine Authentizität oder eine Kraft haben, die vielleicht auch gerade in der Peinlichkeit liegt.

Tom: Mich erinnert das wirklich total an folgendes Beispiel: Vor drei Jahren war ich auf einem DJ Bobo Konzert – ein Freund aus der Schweiz hatte mir das Ticket besorgt – und war da in einem Saal mit 5000 Menschen und merkte, dass die eine gute Zeit haben, dass das eine total echte, ehrliche Erfahrung für sie ist. Und wozu wär ich denn dann da, wenn ich mich nicht anstecken lassen könnte von diesem echten Moment? Und das ist auch eine spannende Frage in Bezug auf das, was Literatur in Veranstaltungen kann, nämlich echte Momente zu erzeugen. Und das unbefriedigendste ist genau das Gegenteil davon, wenn du aus einer Veranstaltung rausgehst und denkst: Kann man machen, muss man aber auch nicht.

Das heißt dieses Nicht-Richten über gute oder schlechte Literatur erzeugt auch einen gewissen Freiraum?

Katharina: Na, zumal ja dieses Richten über Literatur auch voraussetzt, dass der Richter nicht gerichtet wird und das ist das Problem an der Sache. Man müsste, wenn man es ganz korrekt machen wollte, erstmal seine Kriterien darlegen, sie sachlich begründen und dann sagen, wieso man auf dieser Grundlage zu dem Urteil über den Text von Autor X kommt. Und da liegt das Problem, weshalb ich auch auf Autorität als Instanz erstmal wenig Lust habe. Ich halte dieses ungerichtete Richten für grundverkehrt, denn Kunst ist nunmal ein Gegenstand, an dem sich glücklicherweise die Geister scheiden. Wenn sie es nicht täten, dann langweilten wir uns die ganze Zeit. Und damit etwas ehrlicher umzugehen, würde bedeuten, zuzugeben, dass es am Ende individuelle subjektive Geschmäcker sind, mit denen wir es zu tun haben. Es ärgert mich sehr häufig, weil mit diesem Richten auch eine gewisse Selbstzufriedenheit verbunden ist. Sich selbst da kritisch zu überprüfen, auch wirklich eine Selbsthinterfragung mal aktiv anzugehen, das halte ich für ganz wichtig. Sonst zementiert man da was zu.

Jetzt schon sein Lieblingsbuch: Moritz empfiehlt Der König, Die Sonne, Der Tod von Yuri Herrera
Jetzt schon sein neues Lieblingsbuch: Moritz empfiehlt Der König, Die Sonne, Der Tod von Yuri Herrera

Über Literaturaktivismus, DIE Feier und Lesungen in Bordellen

Ich bin vor allem bei eurem CROWD Projekt über den Begriff des Literaturaktivismus gestolpert. Was versteht ihr darunter und würdet ihr euch selbst als Literaturaktivisten bezeichnen?

Tom: Das ist natürlich ein Kampfbegriff, natürlich rückt man damit kulturelles Engagement in die Nähe des Politischen. Wir haben versucht, ein paar Kriterien zu entwickeln: Es muss einen Impuls geben, eine Leidenschaft geben. Es muss aber auf der anderen Seite auch der Zug zur Nachhaltigkeit vorhanden sein, das Bedürfnis, Rahmenbedingungen zu verbessern und diesem Bedürfnis in der täglichen Arbeit nachzugehen.

Katharina: Wobei man aber auch sagen muss, dass wir den Begriff Literaturaktivist – so wie wir ihn hier in der CROWD benutzt haben – als Sammelbegriff verstehen: nicht nur für Literaturveranstalter, sondern auch für Übersetzer, Autoren, Literaturzeitschriftenmacher und Leute, die interessante literarische Blogs machen. Also auch solche, die Öffentlichkeit für Literatur herstellen. All das sind ja Literaturaktivsten.

Moritz: Ja und nein – einerseits sind wir natürlich schon Betriebshammel geworden, die einen sehr großen Tanker aufgebaut haben. Wir sind schon sehr professionalisiert. Und auf der anderen Seite sind wir Aktivisten, weil wir hauptsächlich über Einzelprojekte arbeiten und darüber Impulse geben wollen.

Wie werdet ihr denn eurer Zehnjähriges gebührend feiern?

Tom: Wir haben eine Sprechinstallation, die zeigen soll, was wir in den letzten zehn Jahren als Idee von Literaturvermittlung immer wieder hin und her werfen, dass heißt also es wird eine nicht klassische Literatur-Live-Situation geben, gestaltet vom wunderbaren Lyriker Mathias Traxler und unserem Gründungsmitglied und Lieblingsrezitator Denis Abrahams. Darüber hinaus wird es viel gute Laune geben. Für uns ist auch ein wichtiges Element dabei, einfach nochmal klar zu machen, dass zwar wir drei die Lettrétage gegründet haben, aber ein sehr großes Stück der Lettrétage eben die vielen PraktikantInnen und MitarbeiterInnen der letzten zehn Jahre, die vielen ehrenamtlichen Helfer, das Publikum und die vielen AutorInnen sind. Wir alle sind die Lettrétage, wir alle glauben an die Literatur als Kommunikationsmittel, als Anlaß zur offenen, hierachiefreien und abenteuerlich wundersamen Begegnung!

Erst vorletztes Wochenende hat die 2. Späti-Biennale um den Berliner Mariannenplatz stattgefunden, bei der verschiedene Kunstprojekte, Dokumentarfilme und Lesungen in Spätis verlagert wurden. An welchen Orten wolltet ihr schon immer mal eine Literaturveranstaltung initiieren?

Tom: Ich finde es immer noch sehr spannend, das Prinzip Lyriktaxi zu verfolgen. Also in der Stadt unterwegs zu sein und während man fährt, etwas vorgelesen zu bekommen – und dann auch sehr intim weil nur zwei Leute reinpassen. Das wären für mich spannende Elemente. Oder Lesungen in Bordellen, einfach weil es eine super ungewohnte Atmosphäre erzeugen würde.

Literatur in Echtzeit: Katharina ist treue Leserin des lateinamerikanischen Literaturmagazins ALBA
Literatur in Echtzeit: Katharina ist treue Leserin des lateinamerikanischen Literaturmagazins ALBA

Moritz: Tom möchte im Taxi lesen, ich möchte mal eine Veranstaltung im Olympiastadion machen. Ich finde, ein Veranstaltungsort ist erstmal egal; er wird erst in dem Augenblick interessant, wenn das, was du da machst, und der Ort nicht mehr 100 Prozent kongruent sind.

Katharina: Tempelhof! Als Transitraum, als Übergangsort. Aber am Ende macht es sich nicht am Ort fest, sondern ist es wirklich dieses „Dinge aufbrechen“. Möglicherweise auch in einer Bank, wo jeder komplette Seriosität und Uniformität erwartet und man am besten dagegen geht. Irgendwo, wo der Code sehr klar und sehr uniform ist und man eine entsprechend gute Angriffsfläche hat.

 

 

 

Ich sage herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch und möchte alle noch einmal dazu einladen, mit der Lettrétage am 1.10.2016 die Literatur in all ihren Formen und Möglichkeiten zu feiern und immer mal wieder einen Blick auf das Programm dieses Literaturhauses zu werfen – insbesondere in die Entwicklungen des internationalen CROWD-Projekts. Happy Birthday und alles Liebe!

 

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Pia Gralki Verfasst von:

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