Ein Geduldsspiel – das Michelberger Music Festival

Mehr als 80 KünstlerInnen von Justin Vernon (Bon Iver) über Lisa Hannigan bis Yoann Lemoine (Woodkid) versammelten sich eine Woche lang freundschaftlich in Berlin und luden danach zu einem Experiment ins Funkhaus Berlin. Kein Zeitplan, keine festen Bands – alles geht mit dem Flow. Zu schön, um wahr zu sein? Janine und Enrico waren dabei.

E: Du bist am Sonntag länger geblieben als ich. Meine Geduld hat nur bis zum späten Nachmittag gereicht. Wie war der Abend noch?

J: Eigentlich hat es richtig gut begonnen. Nach 20 Minuten Warten konnte ich endlich in eins der Studios reinschauen, wo gerade Ragnar Kjartansson altertümliche deutsche Musik im edlen Frack darbot. Und anschließend gab es sogar mit einer Poliça-Stargaze-Performance ein richtiges Highlight in Saal 1. Leider war die Euphorie nur von kurzer Dauer, denn das Programm wiederholte sich wenig später erneut auf der Hauptbühne.

E: Apropos Wiederholung: Von vielen war zu lesen, dass sie eine bestimmte Performance mehrmals gesehen haben und, obwohl sie beispielsweise große Fans von Lisa Hannigan waren, gerne mal jemand anderem gelauscht hätten. Was halb so wild gewesen wäre, wenn man nicht vorher teils eine Stunde angestanden hätte. Am Sonntag war es glücklicherweise sonnig und der gute Erlend Øye hat sich mit Gitarre in die Warteschlange gestellt und für viele glückliche Gesichter gesorgt. Meines verging mir nach dem darauffolgenden mauen Gig von Woodkid aber wieder. Er gab in einem kleinen Studio ohne Mikro, dafür mit Piano-Begleitung, ein paar Stücke zum Besten. Leider ist seine Stimme nicht gerade für Akustik-Gigs gemacht. Von daher war für mich danach Schluss. Dabei war der Tag zumindest besser als Samstag.

Das Warten hat kein Ende...
Das Warten hat kein Ende…

J: Da sagst du was. Lass es uns einfach auf den Punkt bringen: Das Konzept war genial, die Umsetzung grauenvoll. Irgendwie konnte man es eh nicht ganz glauben: Da kommen deine Lieblingskünstler zusammen, sperren sich in einem alten geschichtsträchtigen Aufnahmestudio ein, um ihre Kreativität auszuleben und anschließend den Fans ihre Errungenschaften in kleinen intimen Sessions preiszugeben. Schon allein bei der Besucheranzahl hätte man aber stutzig werden können. Mit 5000 Menschen stellt man es sich schwierig vor, eine intime Atmosphäre zu schaffen. Vermutlich sind auch die Veranstalter in ihrer romantischen Vorstellung etwas naiv gewesen. Der Plan war, neben einer Hauptbühne, die für alle zugänglich war, mittels Zuteilung in Gruppen und Timeslots kleinere Sessions auf die Beine zu stellen und darüber hinaus jeweils eine gefühlte Handvoll Leute in die noch kleineren Studioräume des Funkhauses zu bitten. Klingt super. Blöd nur, wenn alle 5000 Leute Interesse haben, genau diesen so sehr angepriesenen intimen Sessions zuzuhören. Leider resultierte der erste Tag in einem Potpourri aus frustrierten Gesichtern, langen Warteschlangen vor den Studioräumen und dem permanent unangenehmen Gefühl “Was verpasse ich wohl gerade?”.

E: Ich fand den Grundgedanken ja schön, mal nicht nach bekannten Namen zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und Musik zu entdecken. Dass sowas nötig ist, zeigte sich schon an den vielen Nachfragen auf der Event-Seite, wann denn genau Bon Iver spielen würden – als ob nur diese Band gute Musik machen würde. Doof nur, wenn gar keine Möglichkeit war, sich treiben zu lassen. Ständig irgendwelche Schlangen, Megafon-Durchsagen wer wann wo zu sein hat und nie die Möglichkeit, Musik mal wirken und sacken zu lassen. Denn schon wurde man wieder aus dem Raum rausgeschickt. Am Samstag standen wir auch 30 Minuten an für einen Studiobesuch, wurden in eine bereits gestartete Performance geschickt, die aber 15 Minuten später schon wieder rum war. Frustrierend! Da war nix von dem entspannten Flow, mit dem geworben wurde. Und du hast es schon geschrieben – bei 5000 verkauften Tickets muss doch klar sein, dass das alles eine gewisse Ordnung braucht. Da bringt einem so ein Hippie-Spirit à la alles locker und unverbindlich nichts, wenn einfachste Hausaufgaben nicht gemacht werden. War denn für dich etwas sehr gut am ersten Tag?

Endlich mal Gruppenpower auf der Hauptbühne!
Endlich mal Gruppenpower auf der Hauptbühne!

J: Das Fountain of Youth Coconut Water! Okay, Scherz beiseite. (Obwohl, es war wirklich lecker!) Ich mochte tatsächlich unsere zweite Session an dem Tag mit Justin Vernon, Erlend Oye, Damien Rice, Ragnar Kjartansson und dem Rest des „Folk-Circle“. Aber auch nur, weil ich das Gefühl hatte, hier sehe ich nun endlich mal ein paar der Namen. Enttäuschend war hingegen, dass sie statt zu zeigen, was diese Singer-Songwriter-Masterminds sich die vergangenen Tage so ausgedacht haben, ihre Lieblingssongs spielten. Das war zwar unterhaltend, aber dennoch hinterließ es einen bitteren Beigeschmack – ganz offenbar hatten die Künstler eine supertolle Woche, aber der Besucher, der ihm diese Woche finanziert hat, bekommt nicht viel davon mit. Außer einen Song von Damien Rice, in dem er über sein Geschlechtsteil singt.

E: Ja, an vielen bunten Kollaborationen hat es gemangelt. Gerade das war es doch, was sich viele erhofft hatten. Und wenn es solch ein Zusammenspiel gab, dann bekam den nur eine Gruppe zu sehen, oder – mit Glück – alle, wie gestern Abend. Dabei wäre gerade der Abendslot perfekt gewesen für mehr solcher Konzerte. Denn ab 21 Uhr wurden die Studios zugemacht und nur noch Musik auf der Hauptbühne gespielt. Da wurde am Samstag gerappt, später noch der Bass hochgedreht bei “Mouse on Mars”, aber der Auftritt wurde schon richtig kommentiert: Das ist Musik, die sowieso schon ständig in Berlin läuft. Wirklich schön war nur der Auftritt von Poliça am Samstag und die Tanzperformance-Truppe aufgrund der starken Musik. Sehen konnten diese Truppe nämlich leider wieder nur ein paar Hundert, die um die kleine Bühne herum Platz fanden. Ich merke schon, immer wenn mir etwas Positives einfällt, prasseln direkt wieder mehrere negative Erinnerungen auf mich ein. Sooooo viel verschenktes Potenzial. Wie viel hättest du für das, was du gesehen hast, eigentlich höchstens bezahlt?

J: Fragt derjenige, der für sein Ticket ein Bier und eine Mahlzeit ausgeben musste… aber im Ernst, es ist eine etwas fiese Frage. Hätte ich gewusst, was ich auf dem Festival erleben darf, dann hätte ich mich für ein ruhiges Wochenende zuhause und mit Netflix entschieden. Wäre allerdings die Planung etwas besser verlaufen und hätte man nur halb so viele Tickets verkauft, dann wäre es die 88 Euro durchaus Wert gewesen. Allerdings funktioniert das nur, wenn man als Gast nicht das Gefühl hat, andere Gäste bekommen etwas besseres geboten als ich. So kommen wir wieder zu dem von dir angesprochenen Problem, dass manche Leute dieselben Acts drei Mal sahen, dafür andere gar nicht.

E: Das sollte doch keiner wissen! Aber ja, ein High Five an den freundlichen Chris, der mir sein zweites Ticket für eine Mahlzeit und zwei Bier gegeben hat. Dadurch konnte ich einen Teil der Probleme mit Galgenhumor nehmen. Aber wo ich schon beim Thema bin: Bei sieben Euro für eine kleine Schüssel Reis mit Gemüse und Nüssen, sowie Bierpreisen die dem Oktoberfest Konkurrenz machten, von fairen Preisen zu sprechen, ist ebenfalls dreist. Ja, angeblich haben die KünstlerInnen alle kein Geld bekommen und der Ticketpreis ging einzig und allein ins Drumherum, aber dann muss eben an der einen oder anderen Stelle was gedreht werden, wenn die Rechnung sonst nicht aufgeht. Ein großer Teil der Festivalbesucher hat sich anderweitig beholfen und die nahegelegene Shell-Tankstelle in Beschlag genommen. Oder wie es ein Besucher so schön formulierte: das Mishellberger Music Festival besucht. Der Galgenhumor ging also auch bei anderen um. Mein Fazit: tolle Idee, aber sehr schlechte bis mittelmäßige Umsetzung.

J: Dem kann ich nichts entgegensetzen. Anstatt, dass mich die Muse der Musik-Inspiration geküsst hat, habe ich gelernt, was es heißt, sich in Geduld zu üben. Außerdem konnte ich mal wieder meine Beinmuskeln stärken bei dem langen Anstehen. Obwohl, nach dem Coconut Water werde ich demnächst mal Ausschau halten.

E: Da hat das Marketing ja alles richtig gemacht, haha. Danke fürs – im wahrsten Sinne des Wortes – Mitdurchstehen der Veranstaltung.

Fotorechte: Janine Freudenberg (Artikelbilder)  und Enrico Seligmann (Titelbild)

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