Ab in die Zukunft: Party-People statt Festival-Crowd?

Die Zeit der Sommerfestivals ist vorbei, mit Gedanken an Lieblingsauftritte und -momente wird dem Herbstwetter getrotzt und viele planen bereits die kommende Festivalsaison. Doch bei Sven und Enrico schleicht sich Unmut dazwischen. Unmut über feiernde Massen mit Bock auf alles – außer mal ein paar Minuten konzentriert der Musik zu folgen. Zeit, diese Gedanken rauszulassen.

Sven: Vor einigen Tagen hatte ich den Erinnerungs-Newsletter für das Kosmonaut.ZIP-Festival in meinem eMail-Briefkasten. Mit der Bestätigung drei neuer Acts. Und tatsächlich ertappte ich mich kurz bei dem Gedanken „Ach, das ist ja um die Ecke. Kannste doch mal hingucken“. Nicht aus professionellen Gründen, sondern rein privat. Auch wenn mich die auftretenden Künstler nur bedingt interessieren, ob ich sie nun kenne oder nicht. Das Ticket kostet schließlich nur um die 20 Euro. Dann der zweite Gedanke: „Äh, Moment! Mache ich damit nicht genau das, was ich kürzlich beim Lollapalooza Berlin einigen Besuchern hypothetisch vorgeworfen habe?“ Und einem Teil des Publikums von innerstädtischen Festivals im Allgemeinen. Touché!

Die Festivals.ZIP-Veranstalter wollen die großen Sommersausen auf jeweils einen „intensiven Abend“ komprimieren. „Wir bringen euch die schönsten Momente der Festivals Kosmonaut, Melt! und splash! mitten in die Stadt“, heißt es im Ankündigungstext. In die Inselparkhalle in Hamburg, ins E-Werk in Köln und in die Kleine Olympiahalle in München.

Ganz ehrlich: Muss eine solche Zweitverwertung sein? Gibt es nicht schon genügend Festivals? Und haben diese drei besonderen Musikfeste nicht auch deshalb ihre schönsten Momente, gerade weil sie in Ferropolis, der Stadt aus Eisen, stattfinden? Beziehungsweise am Stausee Rabenstein bei Chemnitz, der Heimatstadt von Kraftklub, die das Kosmonaut 2013 ins Leben gerufen haben. Jedenfalls nicht in einer x-beliebigen Mehrzweckhalle irgendwo in diesem Land.

Dies soll kein Pamphlet gegen innerstädtische Festivals werden. Was auch verlogen wäre, da ich in diesem Jahr selbst wieder mehrere besucht habe – und den einen oder anderen Vorteil ja durchaus erkenne. (So weiß ich es mittlerweile sehr zu schätzen, im eigenen Bett statt auf einer durchgelegenen Isomatte zu nächtigen.) Zudem sind die Festivals mitunter grundverschieden. Doch ein Gefühl werde ich einfach nicht los: das einer wachsenden Beliebigkeit. Es scheint, als wäre es einigen Leuten immer häufiger egal, wo sie da eigentlich gerade sind. Wer neben ihnen steht. Oder auf der Bühne. Das klingt zunächst ganz gut, es könnte ja verbindend wirken. Könnte, muss aber nicht.

Die Ressource Festival – oder besser: Paaaaaaarty! – ist (zu) einfach zu erschließen. Nämlich unmittelbar vor der Haustür. Also wird sie genutzt, auch wenn die Konsumenten an vielen Aspekten der kulturellen Großveranstaltung offenkundig so gar kein Interesse haben. An der Musik, den Künstlern, daran Neues kennenzulernen. Im Gegensatz zu manch anderem, der sehr viel mehr investiert hat, um die dargebotene Kunst zu genießen. Dem egal ist, ob er gesehen wird – live oder auf Instagram. Dann lasst den doch wenigstens. Es nervt – wenn die Festival-Crowd immer mehr zur Party-Crowd wird.

Was meinst du dazu, Enrico? Zum letzten Satz hast eigentlich du mich inspiriert. Du hast diesen Sommer ähnliche Erfahrungen gemacht.

Enrico: Wenn es nur dieser Sommer gewesen wäre. Ich werde das Gefühl nicht los, dass bei Großveranstaltungen immer öfter mit Spaß statt mit Musik/Künstlern et cetera geworben wird. Das findet sich stellenweise in Festival-Nachberichten wieder. Letztes Wochenende fand in Berlin die „Comic-Con“ statt – anderes Thema, aber ähnliche Reaktionen – nämlich dass viele Leute Bescheid wissen über das, was nicht funktioniert, aber am Ende vor ihrer eigenen Meinung zurückschrecken und sagen: „Aber hej, dafür hatte ich Spaß.“ Ebenso beim Michelberger Music Festival. Als ob Spaß die einzige Währung wäre, die zählt. Das sagt auch viel darüber aus, welchen Stellenwert die Musik für solche Menschen einnimmt. Sie muss nur da sein. Sie muss weder besonders gut klingen, noch ist es wichtig überhaupt in guter Hörweite zu stehen. Wichtig ist hingegen ob die Kamera gerade wieder überbelichtet und – oh nein! – das Bild wäre so gut geworden ohne das startende Stroboskopgewitter auf der Bühne, verdammt!

Beim Primavera fiel das besonders auf: Sigur Rós spielen wunderschöne Musik auf der Bühne – und neben mir werden die ganze Zeit Fotos gemacht oder Textnachrichten beantwortet, nur um am Ende des Songs zu klatschen und zu rufen „Please repeat!“. Sind das Auswirkungen zu starken Spotify-Konsums? Musik ist immer verfügbar, also wieso besonders drauf achten? Ich drücke eine Taste und es geht eh wieder von vorne los? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich bin kein Wissenschaftler und kann deren Gefühl nur mein eigenes entgegenstellen – dass Musik mehr verdient hätte als nebenbei runtergedudelt zu werden.

Ich habe deshalb vorerst mit Festivals abgeschlossen, egal ob klein oder groß, und konzentriere mich wieder mehr auf Einzelerlebnisse. Schöne Konzerte wie das der Bedroom Community im UT Connewitz letzte Woche. 10 Jahre Label-Tour. Der Sound hätte nicht besser sein können, das Publikum war aufmerksam und das Smartphonieren hielt sich sehr in Grenzen. Es war ein Abend so wie er sein sollte – auf die Musik fokussiert.

Titelbild: Enrico Seligmann

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Les Flaneurs Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. 4. Juni 2017
    Reply

    Hey,
    das ist ein sehr schöner und ehrlicher Beitrag. Bei vielem muss ich dir leider zustimmen. Dem gegenüber stehen allerdings Festivals, die ihr Line-up nicht zuvor veröffentlichen. Man soll das Festival nicht besuchen wegen dem einen Act sondern das gesamt Konzept genießen.
    Liebe Grüße,
    Jessi von Travel & Festival Stories icakgl.wordpress.com

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