Ich mag elf, zwölf Jahre alt gewesen sein, fünfte oder sechste, vielleicht siebte Klasse, Kepler-Gymnasium, Ulm. Mitte der Achtziger, die Zeit, als auch in der schwäbischen Provinz das Wissen ankam, dass es so etwas wie HIV gibt. Ich war elf, zwölf Jahre alt, und die Redaktion der Schülerzeitung Kepler-Kessel hatte eine Idee: Jedem Heft der aktuellen Ausgabe wurde ein Kondom beigelegt. Und damit es einen inhaltlichen Anknüpfungspunkt gab, wurde dazu ein Comic von Ralf König abgedruckt (mir wird gerade übrigens ganz anders, wenn ich an die damals sicher nicht abgeklärten Rechte denke). Es ging quasi um Sex aus der Sicht einer Gruppe Spermien: Die rasen im Moment der Ejakulation los, nur um gleich darauf gegen eine undurchdringliche Wand aus Gummi zu stoßen. Schock: Ein Kondom, Safer Sex. Und das ist der Comic dann auch schon, in einem letzten Bild wird angedeutet, dass die im Kondom gefangenen Spermien Mau-Mau-Karten ausgeben, und man sieht das zuvor wild vögelnde Paar eine Zigarette rauchen. Und weil es ein Ralf-König-Comic ist, sind das zwei Männer. Ich war elf, zwölf Jahre alt, ich war kurz irritiert, als ich das Heft in der Hand hielt, „Wie, Sex und zwei Männer?“ und dann, nach ein, zwei Sekunden: „Naja, werden halt schwul sein, warum auch nicht.“ Ich war elf, zwölf Jahre alt, und ich hatte kein Problem damit.
Wer ein Problem hatte, war die Schulleitung. Die ließ die Kepler-Kessel-Ausgabe kurz nach Verkaufsstart einsammeln und die Seiten mit dem Comic schwärzen. Und das Kondom durfte auch nicht mehr beigelegt werden. Am ganzen Gymnasium gab es nur wenige Schüler, die jünger waren als ich, egal, die Jugend musste geschützt werden. Bigotte, spießige, böse Menschen schützten die Jugend.
Und wenn ich jetzt sehe, wie, gerade in Baden-Württemberg aber auch anderswo, die gleichen bigotten, spießigen, bösen Menschen wieder aufstehen und Front machen, gegen den Bildungsplan Sexuelle Vielfalt, gegen Toleranz, gegen Sexualität, die mehr ist als heterosexuelle Monogamie, gegen alles Queere und gegen Spaß und Lust und Experimentierfreude, wenn ich sehe, wie sie kämpfen gegen das, was sie „Frühsexualisierung“ nennen … Ja. Dann ist mir zum Heulen.





