Vor einigen Jahren führte mein Arbeitsweg immer an einer kleinen Currywurstbude vorbei. Dort stand abends oft ein Typ, der mich merkwürdig anstarrte und etwas zu sagen schien. Da ich jedoch Kopfhörer trug und kein großes Interesse hatte, an diesem Bahnhofseck lange innezuhalten, ging ich weiter. An einem Tag kam ich jedoch ohne Stöpsel im Ohr an der Bude vorbei und hörte zum ersten Mal seine Worte: „Lächel doch mal.“ Ich ging irritiert weiter, fragte mich erst ob ich wirklich so grimmig dreinschaue und mehr lächeln sollte. Daraus wurde später Wut darüber, dass mir jemand eine Reaktion abringen wollte, die ich in diesem Moment nicht zeigen wollte.

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Skeptik im Straßenverkehr – Wann kommt der nächste Spruch?

Dieser eine Moment ist kaum ein Vergleich zu den Belästigungen, denen Frauen tagtäglich auf der Straße ausgesetzt sind. Die Organisation ihollaback sammelt weltweit Erfahrungsberichte und ließ mich an die geschilderte Situation zurückdenken, als sie vor wenigen Tagen das Video mit dem Namen 10 Hours of Walking in NYC as a woman veröffentlichte. In 2 Minuten wird gezeigt, was ein Tag in New York schon für verbale Angriffe mit sich bringt. Sie soll lächeln wird ihr da gesagt. Wieso? Sie soll es gut finden, wenn ihr jemand ein Kompliment macht. Wieso? Sie soll eine Nummer entgegennehmen. Wieso? Sie soll mit einem Typen sprechen, der einfach nur wortlos neben ihr herläuft. Wieso? Diese simple Frage stellt sich keiner dieser Männer, denn keiner von ihnen sieht sie als Mensch. „Die Taille und die Hüfte, und die Brüste und die Ärsche! Seht ihr etwa von weitem schon die inneren Werte? Nein!“ So sang es mal Samy Deluxe ganz nonchalant und liefert eine der Top-Ausreden der wütenden Männerscharen, die sich nun in den Kommentarbereichen von Youtube & Co. über ihr hartes Schicksal äußern. Von „Hey sorry, wir können nicht anders“ über „Ist nur ein Kompliment, muss doch erlaubt sein. sowas“ bis zu „Am Ende mögt ihr die Blicke doch!“ ist alles dabei.

Eine offene Frage von Mann zu Mann: Seid ihr wirklich so bescheuert? Euer Sexismus ist euer Problem! Ihr müsst natürlich nicht von weitem die inneren Werte sehen, aber ihr müsst Frauen zugestehen, welche zu haben. Innere Werte, die sich nicht nur darum drehen euch zu gefallen oder den Tag zu versüßen. Damit ist nicht gemeint, dass ihr keine Frau mehr attraktiv finden dürft, wie oft behauptet. Aber ist es denn so schlimm, beim Ansprechen einen Grundrespekt zu wahren? Wer soll denn auf „Hey Süße“ reagieren? Und vor allem wie? Dazu gab es ein kleines Experiment, bei dem eine Frau auf solche Ansprachen antwortete und nachfragte. Die Antwort in den meisten Fällen: Gestammel, Verwirrung, Rückzug. Denn natürlich funktioniert euer unterdrückendes und aufdringliches Verhalten nur, wenn alles bleibt wie es ist: euer Paradies. Ihr müsst euch nicht um eure Kleidung Gedanken machen, nach dem Feiern den am hellsten ausgeleuchteten Weg zur U-Bahn finden oder euch mit Freunden zusammenschließen, um mit einem sicheren Gefühl nach Hause zu kommen. Ihr seid die Könige der Straße – weil sie bisher niemand beansprucht. Ihr habt Macht – und in dem Moment, in dem euch jemand anspricht, bröckelt diese. Damit könnt ihr nicht umgehen. Aber es ist nicht Job der Frauen darauf warten zu müssen, dass ihr mehr Gleichberechtigung zulassen könnt. Sie fordern Quoten für Aufsichtsräte, Gleichberechtigung und ein Ende des umfassenden Sexismus nicht um euch zu ärgern, sondern weil es ihr gutes und zutiefst menschliches Recht ist. Wer darauf weiter mit Stammtisch-Pöbeleien reagieren will – bitte schön, aber wundert euch nicht wenn sich eben nur der Stammtisch darüber freut.

Das Video war ein Weckruf für einige und ein Warnruf für viele andere Männer. Es ist an der Zeit, dass nicht nur Frauen, sondern vor allem Männer die Stimme erheben. Denn am Ende ist Feminismus und der damit verbundene Kampf gegen Sexismus eine Frage nach Menschlichkeit und somit eine Chance für alle. Platte Machoattitüden werden überflüssig, wo sich Frau und Mann als gleichberechtigte Lebewesen treffen. Dafür wird es MEHR Stimmen, MEHR Unterstützung und MEHR Videos brauchen. Besonders Videos, die nicht nur Latinos und Schwarze als Absender von sexistischer Kackscheiße zeigen. Aber auch das wird noch kommen. Immerhin haben mit dem “White men walking in New York”-Video, welches keine Verlinkung verdient, schon einige weiße Männer gezeigt, dass sie nicht besser sind. Da gibt es zu einem wichtigen Thema endlich ein aufmerksamkeitsstarkes Video und schon wird die Idee von klickheischenden Idioten kopiert. Am Ende ist wichtig, dass Sexismus in jeder erdenklichen Form vorkommt – von sehr offen bis zu sehr versteckt, aber immer dumm. Zeit für Aufschrei 2.0.

 Titelbild unter CreativeCommons-Lizenz: Gay Pride Canal Parade 2012 – flickr.com – Amsterdamize

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