Zum Einstieg eine Anekdote: Als Gisèle Freund 1937 für die Weltausstellung alle Bibliotheken in Paris fotografieren sollte, sei sie mit ihrer handlichen Leica-Kamera losgezogen. Die Bibliotheksdirektoren aber hätten der Starfotografin die Tür gewiesen: So ein kleiner Fotoapparat sei unprofessionell, sie solle mit einem richtigen Gerät wiederkommen. Worauf sich Freund einen alten Apparat besorgt habe, um mit diesem in den Bibliotheken herumzufuhrwerken – und hinterher heimlich ihre Reportagefotos mit der Leica zu knipsen. Gelächter, Applaus, Kultursenatorin Barbara Kisseler macht eine zufriedene Pause: der humorige Einstieg zur Eröffnung der Ausstellung „Augen auf! Hundert Jahre Leica Fotografie“ in den Hamburger Deichtorhallen kam an.
1914 wurde in Wetzlar die Leica erfunden, eine handliche Kamera, günstig, leicht zu bedienen, diskret einsetzbar. Mit anderen Worten: eine Revolution in der Fotografie. Von diesem Moment an war Fotografie etwas, das aus der Situation heraus entstehen konnte – man benötigte keine große Vorbereitung mehr, keine aufwändigen Beleuchtungskonstruktionen, keine unbeweglichen Motive. Der Schnappschuss war geboren und ermöglichte einerseits eine ganz neue Unmittelbarkeit im Bildjournalismus, andererseits die Emanzipation des weiblichen Blicks, der bis dato von der handwerklich orientierten Fotokunst mehr oder weniger ausgeschlossen war (zumindest Kisseler sprach diesen Aspekt in ihrer Eröffnung an, in der Ausstellung selbst ist er dann aber kein Thema mehr). Zudem ermöglichte sie etwas, das im Katalog kurz Flaneursfotografie genannt wird, analog zur Flaneursliteratur. Ha!

Hans Silvester: Stahlgerüstmontage, ca. Ende der 1950er Jahre. Silbergelatine, Vintage Print. © Hans Silvester/Leica AG
Tatsächlich zeigt die Schau 100 Jahre, in der die Leica die Fotokunst prägte, mit der deutlichen Zäsur der Farbfotografie ab den 1970ern. Man sieht bekannte Bilder wie Robert Capas „Tod eines Soldaten“, Nick Úts „Napalm-Angriff in Vietnam“ und Alberto Kordas „Che“, man sieht eigenartig beiläufig wirkende Bilder, man sieht Fotografien, die weniger ausgefeilte Komposition sind als vielmehr unsicheres Tasten, Ausprobieren der ungewohnten Technik. Vor allem sieht man, wie die Leica nach und nach in immer mehr Bereiche vordringt, am Ende auch zur Modefotografie, die lange Jahre das aufwändige Setting bevorzugt hatte und der Schnappschuss-Ästhetik misstraute. Was man nicht sieht: abstrakte Arbeiten. Nahezu alles ist hier gegenständlich, wenn abstrakte Strukturen auftauchen, wie in Hans Silvesters „Stahlgerüstmontage“, dann eher zufällig oder als Ornament, das unterstützend wirkt. Die Ausstellung thematisiert das nicht, sie setzt einfach Fotografie als gegenständliche Kunst, und man weiß nicht, ob man das in Ordnung finden soll – zumal bei einer Ausstellung, die schon alleine durch ihren Umfang den Anspruch erhebt, einen Gesamtüberblick zu bieten.
Und dann hört die Ausstellung einfach auf. Sie bricht nicht wirklich ab, es gibt Exponate bis in die Gegenwart, aber sie verliert ihre Spannung, ungefähr um die Jahrtausendwende. Erst versteht man nicht, was da passiert ist, aber dann fällt einem wie Schuppen von den Augen: Die Geschichte einer Kamera, mit der man heimlich die Pariser Bibliotheken fotografieren konnte, ist zu Ende, von nun an übernimmt die Digitalfotografie, von nun an übernehmen die Handykameras. „Augen auf!“, das ist ein Abgesang.
„Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie“, bis 11. Januar, Deichtorhallen, Hamburg





