Dreams & Pieces – eine filmische Suche

Dreams & Pieces

Theresia Reinhold ist durch verschiedene Städte der USA gefahren und hat ihn gesucht – den amerikanischen Traum. In ihrer Dokumentation „Dreams Pieces“ redet sie mit vielen Menschen und spricht mit ihnen über das, was vom amerikanischen Traum übrig geblieben ist, ob es ihn überhaupt noch gibt und wie sehr dieses Konzept durchwebt ist von Rassismus und anderen Diskriminierungen. Flâneurin Ninia hat den Film gesehen und Theresia ein paar Fragen gestellt.

Theresia, du bist für deinen Film durch die USA gereist und hast mit verschiedenen Menschen über den „American Dream“ gesprochen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Die Idee zu „Dreams&Pieces“ entstand schon vor einigen Jahren, als ein us-amerikanischer Freund von mir und ich überlegten, irgendwann mal einen Roadtrip von der Ost- zur Westküste der USA zu unternehmen. Damals fand ich die Vorstellung toll, das Ganze zu filmen. Zu diesem Trip kam es jedoch nie, aber die grobe Idee blieb erhalten.
Als ich dann im Oktober 2012 den Dokumentarfilm „Uncle Bob“ sehen und mit dem Filmemacher sprechen konnte, war dies ein wichtiger Moment für das noch vage Projekt und mich. Denn auch „Uncle Bob“ ist eine low- bzw. no-Budget Produktion, die dank ganz viel Leidenschaft für das Thema von Robert Oppel umgesetzt wurde. Zwei Tage später buchte ich den Flug und entschied mich endgültig dafür, den Film zu drehen.
Das Thema war jedoch noch um einiges weniger konkret, woher auch der Arbeitstitel „Show me your Homeland“ rührte. Aber nach einigen Tagen und Gesprächen in den USA wurde sehr schnell klar, dass es viele, auch junge, Menschen gibt, die sich mit dem Konzept des „American Dream“ befassen und der Frage, wie sehr Rassismus und andere Diskriminierungsformen diesen beeinflussen, bzw. es für viele Personen unmöglich machen, diesen Traum zu erreichen. Über Rassismus wird nach wie vor zu wenig gesprochen. Wer nicht offen rechts lebt, kann ja kein_e Rassist_in sein – lautet das Vorurteil. Aber Alltagsrassismus muss besprochen werden, damit sensibilisiert werden kann. Und das ist nicht nur die Aufgabe von wenigen, sondern von vielen.

Die geführten Gespräche und Debatten verlaufen oft und leider sehr exklusiv und auf einer Ebene, der nicht jede*r einfach so folgen kann. Aus unterschiedlichsten Gründen haben viele Menschen bisher kaum Sensibilisierung erfahren und diese Personen werden oft nicht erreicht, ähnlich wie beim Sprechen über andere Diskriminierungsformen. Ich glaube, und hoffe, dass „Dreams&Pieces“ dies erreichen kann, dass es Sinn ergibt niedrigschwellig anzusetzen und auch eine Sprache zu verwenden, die verständlich ist.

In den Antworten kristallisiert sich schnell heraus, dass zwar jede_r etwas anderes mit dem „American Dream“ verbindet, aber alle sind sich einig, dass dieses Konzept durchwebt ist von Rassismus und anderen Diskriminierungen. Wenn du das zusammenfassen müsstest – welches waren die Hauptpunkte?
In einem Satz würde ich sagen „Der „American Dream“ ist ein Konzept, welches für weiße, mittelständische US-amerikanische Staatsbürger funktioniert.“ (Staatsbürger gendere ich hier bewusst nicht.)

Auch wenn die USA als „Schmelztiegel“ gelten, lehrt uns die Gegenwart, wie auch schon die Geschichte, dass Schwarze Menschen und People of Color nach wie vor einem starken Rassismus ausgesetzt sind – das kennen wir aber auch aus anderen Staaten. Denn der „American Dream“ ist kein rein US-amerikanisches Konstrukt, er existiert überall dort, wo Besitz und die dadurch entstehende, angebliche, Freiheit das Ideal der Gesellschaft sind.
Der „American Dream“ baut darauf, dass du alles schaffen und werden kannst, wenn du nur hart dafür arbeitest. Wenn du jedoch von Rassismus, Sexismus, Homo- oder Transpobie, Ableismus, Klassismus oder intersektionalen / Mehrfachdiskriminierungen betroffen bist, ist es schwierig, überhaupt den Punkt zu erreichen, an dem diese „Arbeit“ (Lohnarbeit) möglich ist. Es ist der Traum einer mehrheitlich männlichen, „weißen“, sogenannten Mittelschicht, aber viele Menschen, auch außerhalb der USA lebende, sitzen ihm auf.

Du bist durch verschiedene Städte gereist? Welches waren deine Stationen? Und gab es unterschiedliche Meinungen von Stadt zu Stadt?
Der Trip umfasste rund 8.000 Meilen, also knappe 12.000 km.

Er begann in Chicago und führte mich zuerst nach Columbus in Ohio, nach Milwaukee (Wisconsin), Bloomington-Normal (Illinois), St. Louis (Missouri), Memphis (Tennessee), New Orleans (Louisiana), Houston, Austin (Texas), Alberqueque (New Mexico), Phoenix (Arizona), San Francisco, Sacramento (Californien), Reno (Nevada), Salt Lake City (Utah), Denver (Colorado), Indianapolis (Indiana), Pittsburgh, Harrisburg, Philadelphia (Pennsylvania), Camden (New Jersey), New York, Washington D.C.

Die gesamte Zeit über, konnte ich bei Couchsurfern übernachten, wodurch ein sehr enger Kontakt möglich wurde, sowohl mit dem Personen, die ich interviewte, als auch mit denen, die nicht vor die Kamera wollten / konnten. Aber das half mir sehr, noch viel mehr verstehen zu lernen. Auch mit den interviewten Personen verbrachte ich vorher Stunden bis mehrere Tage, bevor das „eigentliche“ Interview stattfand. Das führte häufig dazu, dass sie sehr persönliche und intime Dinge erzählten. Das habe ich natürlich nicht im Film verwendet.

Die Meinungen unterschieden sich zwar stärker von Person zu Person und wurden durch die persönliche Geschichte und das, was andere im eigenen Umfeld erlebt haben, beeinflusst, aber es gab durchaus auch Interviews und Erzählungen, bei denen die Stadt eine maßgebliche Rolle spielte.
Das eingängigste Beispiel dafür war die Geschichte, die Ruth aus Camden, New Jersey erzählte. Camden, welches mit dem Bus nur wenige Minuten von Philadelphia entfernt liegt wurde von dem Journalisten Chris Hedges und dem Illustrator Joe Sacco in ihrem letzten Buch „Days of Destruction, Days of Revolt“ als „Sacrified Zones“, also geopferte Region beschrieben. Damit meinen sie Regionen in den USA, welche scheinbar vergessen wurde, vergessen in ihrer wirtschaftlichen und sozio-ökonomischen Entwicklung. Es gibt kaum bis keine Subventionen und selbst Grundnahrungsmittel wie Gemüse und Obst sind nicht zu finden. Ruth erzählte, dass sie an dem Tag, als wir uns kennen lernten, Gemüse kaufen wollte und in 30 Minuten 5 verschiedene Läden durchsucht hatte – alles was sie fand war eine Zwiebel.
Camden ist die ärmste Stadt der USA und gleichzeitig auch die gewalttätigste. Die Menschen dort kämpfen mit einem ganz anderen Alltag. Aber was in der Außenwahrnehumg vergessen wird: „Wer Armut erfährt, erfährt zu einem großen Teil Ungleichheit und das führt zu Gewalt.“ (Ruth)

Nach deiner Reise – glaubst du, dass es so etwas wie den „American Dream“ noch gibt? Und dass Menschen noch daran glauben?
Sicher gibt es noch Menschen die daran glauben, vermutlich sogar ziemlich viele in vielen verschiedenen Ländern. Aber gleichzeitig ist es kein großes Geheimnis, dass die Vorstellung des amerikanischen Traumes ein Mythos ist. Im Gegensatz zu den großen Siedlungsbewegungen im 18. Jahrhundert ist der „American Dream“ aber nunmehr ein vor allem im Kapitalismus und Neoliberalismus angesiedeltes Konzept. Denn nicht nur Menschen in den USA sagen: „Wenn du hart arbeitest, wirst du auch jemand.“ – Was im Umkehrschluss fast immer auch bedeutet: „Tja, selbst Schuld, wenn du faul bist.“

Dieses Konzept ist gefährlich und ungerecht, denn es geht von einer Chancengleichheit aus, die nicht gegeben ist, in den USA nicht und in keinem Land der Welt, auch wenn einige Staaten näher dran sind, als andere. Menschen werden überall diskriminiert und das muss aufhören. Hätte schon längst aufhören müssen.
Ich finde das gesamte Konzept des „American Dream“ gefährlich! Entweder führt er zu einem Individualismus, der für die Gesellschaft nicht gesund ist, oder er wirkt als Opium. Leider ist das Thema zu groß und zu umfangreich für jetzt, aber vielleicht widme ich mich dem auch nochmal umfangreicher an anderer Stelle.

Das heißt, du hast du weitere Projekte geplant?
Oh ja. Die nächsten beiden Projekte werden schon geplant, aber mittlerweile sind wir ein Team und wollen mit anderen Teams kooperieren, was sehr sehr schön ist. Einen Film alleine zu drehen, ist auch eine tolle Erfahrung, aber ich bin sehr froh darüber, nun Menschen zu haben, die ähnliche Vorstellungen davon haben, was gute (also vor allem moralisch gute) Dokumentarfilme sind. Die Problematik beginnt ja bereits vor dem Thema oder dessen Umsetzung. Und zwar damit, dass allein die verwendete Technik einer rassistischen Tradition folgt. Wir beschäftigen uns also auch viel mit der Frage, welche Bildhaftigkeiten möglich sind, um keinen Film zu produzieren, der „über“ etwas berichtet, sondern, der ein Thema berichten lässt.

Deshalb fehlt in „Dreams&Pieces“ auch das B-Roll Material, also die Bilder, die sonst immer über die Interviews gelegt werden. Ich wollte, dass das Publikum den Menschen zusieht. Das nicht mehr über sie gesprochen wird, sondern dass sie sprechen. Das bricht mit Sehgewohnheiten und tut vielleicht auch weh, weil es anstrengend ist. Aber ich halte es für eine Möglichkeit, eine legitime Möglichkeit.
Über die anderen Projekte möchte ich an dieser Stelle nicht so viel verraten, außer, dass es zwei Dokumentarfilme zu sozialpolitisch wichtigen Themen werden. Zur Abwechslung wird aber auch ein Musikvideo gedreht und ich plane einen Kurzfilm, der einfach nur schön werden soll.

Das ist der Trailer zum Film:

Trailer: Dreams & Pieces from Zitter Art on Vimeo.

Theresia Reinhold
Theresia Reinhold

Theresia Reinhold lebt in Berlin, dreht Filme und Videos am Schnittpunkt zwischen Kunst und Journalismus, versucht ihr Studium der Zeitgeschichte abzuschließen und ist ganz hibbelig, weil sie erst im Januar erfährt, ob ihr Film „Dreams&Pieces“ bei der Berlinale angenommen wird.

Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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