Auf ins Seichte. Kein Wortspiel. (Foto: Falk Schreiber)

Auf ins Seichte. Kein Wortspiel. (Foto: Falk Schreiber)

Es gibt da Gerüchte. Die Süddeutsche Zeitung leistet sich mit die besten Theaterkritiker der Republik, Till Briegleb, Christine Dössel, Leute, die einen tollen Blick fürs Theater haben, Leute, die über Inszenierungen schreiben können, dass man sich fühlt, als ob man dabei gewesen wäre. Online, auf sueddeutsche.de, liest man keinen Text von ihnen. Gerade, am 5. 4. 2014 um 17 Uhr, findet man dort im Ressort „Kultur“: drei Filmkritiken. Zwei Texte zum Todestag Kurt Cobains. Eine kulturpolitische Zusammenfassung über die Ungeheuerlichkeiten beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie. Keinen einzigen Text über Theater. Vielleicht ist im Theater auch gerade nichts los, könnte ja sein. Es könnte aber auch etwas anderes sein: dass die Süddeutsche ihre in der Printversion sehr wohl gedruckten Theaterkritiken nicht online stellt. Weil sich die beste Tageszeitung dieses Landes ihrer schämt. Weil Theater uncool ist, weil Theater klickgeiles Publikum abschreckt, weil Werbekunden keine Anzeigen schalten auf Seiten, auf denen Theater ein Thema ist. Könnte sein, wie gesagt, es gibt da Gerüchte.

Am späten Freitagabend zeigte der WDR einen Dokumentarfilm. „Es werde Stadt“ von Dominik Graf, einen ungewöhnlichen Film, der die alljährliche Verleihung der Grimmepreise mit dem langsamen Niedergang des Verleihungsortes, der Ruhrgebietsstadt Marl, kurzschloss. Die Grimmepreise, das zeigte „Es werde Stadt“ recht schonungslos, sind die wichtigsten Preise für Qualitätsfernsehen in Deutschland, und sie sind mittlerweile so bedeutungslos, wie Qualitätsfernsehen hierzulande nun einmal ist. Früher, so sagt eine altgediente Fernsehredakteurin in Grafs Film, habe man noch damit argumentieren können, dass ein bestimmtes Programm zwar keine besonders gute Quote aufweise, aber immerhin einen Grimmepreis bekommen habe. Heute sei es so, dass der Preis den Entscheidern in den Gremien vollkommen egal sei. Qualität interessiere nicht mehr, im Gegenteil: Wenn ein Programm den Grimmepreis bekomme, dann sei das mittlerweile sogar schädlich. Die Gremien schämen sich für Qualität. (Sehr schön, sehr traurig beschrieb Stefan Niggemeier den Film aus der Sicht des Fernsehkritikers.)

Dieser Wertewandel wird von Graf parallel zum Wandel der Stadt Marl gezeigt. Marl, das war nach 1945 die Neuerfindung des Konzepts „Stadt“, das deutsche Brasília mit zur Hochzeit fast 100000 Einwohnern. Eine Stadt, die dank sprudelnder Kohleeinnahmen ein ehrgeiziges Städtebauprogramm durchziehen konnte, mit Architektur, die das Selbstbewusstsein einer demokratischen Kultur demonstrierte, mit der avantgardistischen Scharoun-Schule, einem für die Größe der Stadt beeindruckenden Kulturangebot, menschenwürdigem Wohnraum: Stadt als Qualität. Heute, nach Schließung der Zechen, ist Marl eine sterbende Stadt, die Einwohnerzahl sinkt, die modernen Gebäude verfallen, vieles wird gleich abgerissen. Dass die Architektur, dass die Anlage der Stadt eine Qualität aufweist, die über die eigentlichen Gebäude hinausweist – egal. 2006 wurde das Wohnhochhaus Goliath gesprengt, unter dem Jubel der Bevölkerung. An seiner Stelle steht jetzt ein Saturn-Elektromarkt, das Gegenteil von Qualität. (Um noch einmal das Beispiel Brasílias zu bringen: Ein Blick in die Geschichte zweigt, wo es hinführt, wenn die Qualität demokratischen Städtebaus nicht mehr geschätzt wird. In die Brasilianische Militärdiktatur von 1964 bis 85, in der die Hauptstadt Brasília mit ihrer utopischen Architektur geschmäht wurde, wo es ging.)

Man muss ein Hochhaus wie den Goliath nicht mögen. Man muss auch kein Theaterfan sein, man muss die Filme Dominik Grafs nicht gut finden. Aber dass man nicht einmal mehr über Qualität spricht, das erschreckt dann doch. In „Es werde Stadt“ sieht man zwei junge Menschen, die an einer der in NRW aus dem Boden schießenden Medienhochschulen studieren, sie sprechen übers Fernsehen. RTL, Sat1 – sind scheiße. Pro7 geht so. Und die öffentlich-rechtlichen Sender? Werden nicht wahrgenommen. Es findet nicht einmal mehr Kritik statt, konsequent wurde eine Fernsehkultur in die Irrelevanz verschoben. Und wenn man sich die Kommentare zur Besprechung von „Es werde Stadt“ auf Spiegel Online durchliest, dann versteht man auch, wie diese Verschiebung funktionierte: „Solange noch Geld da ist um überschätzte Möchtegerns wie Graf mit durchzuschleppen kann es dem deutschen Fernsehen nicht so furchtbar schlecht gehen …“ schreibt „GyrosPita“ da, „Alles, was die Welt nicht braucht. Der Mensch kann sich den obengenannten Ermahnungsfilm alljährlich in seinen gentrifizierten Tatort der pädagogischen Sharoun-Architektur schieben“, schreibt „mxdoc“. „Die Trauer eines Beamten um seine Zuständigkeiten“, schreibt „Olaf“. So werden Stimmen mundtot gemacht.

Und Opa erzählt vom Krieg. Aber früher, da war es ja tatsächlich noch so, dass man über Theater reden konnte, man konnte über Theater auch streiten. Heute ist das nicht mehr so, heute schämt man sich dafür, dass man ins Theater geht. Und, nein, schön finde ich eine Welt nicht, in der das die Regel ist.

Weiterführender Link:
Auf Drop the thought schreibt Helga über das Geschlechterverhältnis beim Grimme-Preis und wie sie den Graf-Film fand.

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