Der eine wagt, der andere vollendet | Xiu Xiu spielen die Musik aus „Twin Peaks“

Jamie Stewart ist künstlerisch gesehen der verlängerte Arm David Lynchs. Der Regisseur prägte mit „Twin Peaks“ eine ganze Generation, die die surrealen Bilder und absurden Elemente der Mysterykrimiserie bis heute nicht aus dem Kopf bekommt. Dabei romantisieren wir die TV-Show teilweise über alle Maße, vergessen dabei etwa, wie unglaublich dröge und zäh die zweite Staffel teilweise war, wie viele Fehler in Skript und Umsetzung sich Mark Frost und David Lynch leisteten. Letztlich war Lynch zudem auch doch immer Mainstream und kokettierte einfach gerne mit den surrealen Elementen und daraus erwachsenen Image des Enigmas.

Jamie Stewart hingegen wagt mit seiner Band Xiu Xiu künstlerisch weit mehr, er formuliert Avantgarde musikalisch aus. Wer jemals Xiu Xiu live sah, war irritiert, vielleicht vor den Kopf gestoßen, angestrengt und komplett distanzlos bei der Bewertung der atonalen Soundgewitter, dem überzogenen Drumschauspiel, dem wie ein Antichrist leidenden und kreischenden Stewart am Kreuz der Postmoderne. Schon kommt ein Klugscheißer um die Ecke und frohlockt: „Ja ja, genau das soll Kunst!“ Man konnte sich trotzdem nicht erlesen fühlen und damit prahlen, denn die fragwürdige Adelung seiner Arbeit durch die intellektuelle Elite hat Stewart bisher nicht erfahren. Auch das ist wahrscheinlich ein weiteres Merkmal wirklicher Kunst, bleib fern, lieber Klugscheißer. Ein Xiu-Xiu-Konzert ist fucking anstrengend, und trotzdem will man es immer wieder sehen und hören, warum auch immer.

Nun nimmt sich Xiu Xiu der Musik der Kultserie an, will sie aber nicht wie vermutet zerhauen und zerficken, denn sie sei „zu perfekt“, sagt Stewart, er möchte sie Ton für Ton nach den originalen Notenblättern Lynchs und des Komponisten Angelo Badalamenti nachspielen – nur eben im Xiu-Xiu-Arrangement. Als Vorgeschmack zeigt das bittersüße „Falling“ wie das klingen wird, wenn Stewarts zitternde Stimme das Säuseln Julee Cruises ersetzt. Das ist … Moment … ja, schön. Wann kann man das schon mal sagen von einem Xiu-Xiu-Lied? Und es damit nicht komplett beleidigen? Selten. Bevor also mit der in Produktion befindlichen dritten Staffel der TV-Serie der Mythos sehr wahrscheinlich weiter angekratzt wird, ist dies eine seltene Gelegenheit, sich noch einmal ungetrübt in (Xiu Xius Version von) „Twin Peaks“ zu verlaufen.

Wir nehmen euch zur Not auch an die Hand, wenn ihr euch nicht alleine in den Fiebertraum des verschlafenen Ortes und seiner musikalischen Geister traut. Zumindest aber schenken wir euch zwei Karten für die Aufführung auf Hamburgs Kult(ur)fabrik Kampnagel am Dienstag, 12. April. Schickt uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Xiu Xiu“ oder „Twin Peaks“ (es gibt immer zwei Wahrheiten, nicht wahr?) und eurem Namen darin an redaktion@lesflaneurs.de – bis zum Ende des Sonntags, 10. April, habt ihr Zeit dafür. Die Log Lady wird euch dann informieren, ob das Visum genehmigt und euer Name für die zwei Plätze auf der Gästeliste eingetragen wurde. Viel Glück!

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Michael Schock Verfasst von:

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