Tanz mir Heidenau!

Glitsch und Pose. Nicht in die Kamera gucken. Mehr Glitsch, mehr Pose, aber NICHT in die Kamera gucken. Xenia, gespielt von Anastasia Gubareva, versteht nicht, wie ihr geschieht, sie findet sich in einer Art Gameshow der Vergebung wieder, in der sich ein genial fuchtelnder Till Wonka als gegelter, kamerageiler Moderator über die Bühne des Gorki Studios ejakuliert. Aus blauen Plastikflaschen spritzt er eine sämig weiße Masse über drei Meter Entfernung auf die verwirrte Xenia. Eigentlich wollte sie doch nur zu einem Casting für politischen Tanz in der postmigrantischen Gesellschaft, plötzlich findet sie sich hier wieder, mit der Plastikflasche verzweifelt auf Kasim einschlagend. „Tanz mir Heidenau!“ schreit sie, und Mehmet Yılmaz mit Jesusgedächtnisfrisur versucht sein Bestes, dass es nach allen Seiten nur so spritzt. Vom YouTube-Tagebuch bis zum Topthema Flüchtlinge wird alles durch den Glitsch gezogen. Das Niveau rutscht dabei oft nah am Abgrund entlang – doch der Glitsch-Gott triumphiert. Erdacht hat sich das schleimige Treiben Gerasimos Bekas, inszeniert hat es Sapir Heller. Mit „Glitsch-Gott die Erlösung“ liefern sie eines der drei Kurzstücke, die an diesem Abend im Rahmen von „New Voices: The Judgement Day“ im Studio Я als Uraufführungen zu sehen sind.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Nicolas Streit in „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ (Foto: © Stefan Löber)

Die Reihe „New Voices“ gibt jungen Talenten eine Bühne, um Experimente zu wagen und neue Blickwinkel einzunehmen. In der ersten Premiere der Spielzeit im Studio Я hinterfragen sie die Zukunft vor dem Schatten der Gegenwart, erzählen von globalen und privaten Krisen. Letzteren widmet sich „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ von Jayrôme C. Robinet, der sich selbst als „gender fluid mit Variationshintergrund“ bezeichnet. Er skizziert die Geschichte einer Frau, die ihren Eltern zum ersten Mal als Mann entgegentreten wird. Der Autor und Spoken-Word-Künstler schickt an diesem Abend Schauspieler Nicolas Streit vor, die Anekdoten von Wut und Angst und Identität zu erzählen. Auf einer 13-stündigen-Zugfahrt bleibt genug Zeit dafür. Auch für die unangenehmen Fragen, die das Publikum eher zaghaft beantwortet. Pınar Karabulut lässt Nicolas Streit amüsant über die Bühne funkeln. Das zweite Stück des Abends geht jedoch im Vergleich zu der Lautstärke des Glitsch-Gottes und der Gewalt des Gerichtshofes ein wenig unter.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Ein Chor klagt an. (Foto: © Stefan Löber)

Das stärkste und zugleich verstörendste Bild schafft das erste Stück des Abends: „Ein Requiem deutscher Gerichtssprachen“. Schwere Vorwürfe liegen in der Luft, während Paragraphen unter dem kalten Licht der Neonröhren schwirren. Zurechnungsfähigkeit. Begehungsdelikte. Garantenstellung. Ketten-Ingerenz. In wilder Wortaneinanderreihung fliegen juristische Vokabeln als endloser Schwall bedeutungsverheißender Rhetorik durch die Luft, werden gehört und doch nicht begriffen, lassen die nachfolgende Stille wie eine Erlösung wirken – und sei es nur für einen Sekundenbruchteil. Der Zuschauer ist ausgeliefert, allein gegenüber einem Chor, unmächtig und ohnmächtig seiner Stärke gegenüber. Versteckt unter weißblonden Rokokoperücken lauern die Ankläger und Verteidiger. Die schrille Stimmenüberlagerung des Chores treibt das Unbehagen voran, die Musik von Max Andrzejewski liefert die treibenden Klänge dazu. Auf kluge Art demonstriert der Text von Thomaspeter Goergen das Paradox einer anderen Sprache, die Konstitution einer anderen Perspektive auf die Welt. Ersan Mondtag wählt ein gewaltig schlichtes, statisches Setting, das dem Chor und dem Text seinen Raum lässt. Im Dickicht der juristischen Unverständlichkeit klammert sich das Ohr des Laien an bekannte Worte. Flüchtlingspolitik. Sterben an den Grenzen. Aberkennung des Menschenrechtes. Frontex. Die Bundesanwaltschaft bringt die Verbrechen der Gegenwart vor Gericht, während die Verteidigung das laienhafte Verständnis der Gerechtigkeit anklagt. In einer perfiden Rhetorik der Verallgemeinerung nehmen die Verteidiger jedem Nicht-Juristen die Grundlage, zu urteilen. Rechtsempfinden habe schließlich nichts mit Recht zu tun. Der Zuschauer bleibt machtlos und entkräftet zurück. Ein anstrengend wie geniales Stück.

Das Studio Я verspricht für die Spielzeit einen radikalen Blickwinkel auf Themen wie Class, Race und Gender. Mit „New Voices: The Judgement Day“ ist ein experimentierfreudiger Einstieg gelungen.

Katharina Röben Verfasst von:

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