Die kritische Masse

Langsam schiebt sich die Masse durch die Straßen. Manche stoßen sich mit einem Bein voran, andere versuchen auf dem Rad zu bleiben und zuckeln stoßweise nach vorne. Sie ist erreicht – die kritische Masse. Es ist wieder der letzte Freitag des Monats, Zeit für die „Critical Mass“ in Berlin und anderen Städten. Kurz die Fakten abhaken: Wenn mehr als 16 Fahrradfahrer zusammen unterwegs sind, gelten sie als ein Gefährt, dürfen die ganze Straßenbreite nutzen und über Rot fahren, denn sie gelten ja als gemeinsames Gefährt und das muss eben erstmal rüber. Dies macht sich die „Critical Mass“ zunutze, um sich 1x im Monat den öffentlichen Raum zurückzuerobern und gemeinsam durch die Straßen zu ziehen.

Ich habe keine Ahnung die wievielte CM dies für mich war, ich weiß nur eines: Es war die letzte. Als ich zum ersten Mal dabei war, wurde mein Körper geflutet von Glückshormonen. Die Masse war groß, aber nicht zu groß – sie rollte. Und als ich damals als einer der ersten in den Kreisverkehr am Moritzplatz einbog und wir dort unsere Runden drehten, während mehr und mehr Radler in den Kreisverkehr stießen – das hatte etwas Magisches. Selbiges passierte später im Halbdunkeln am Großen Stern. Eine Masse an Fahrrädern, eine Masse an Platz, und das Gefühl, kurz frei sein zu können von all den Vorschriften, die einen im Straßenverkehr binden. Diese Erfahrung war so euphorisierend, dass ich mir eine Weile lang keine Gedanken zur CM machte.
Doch mit der Zeit kamen die Zweifel. Besonders im Herbst und Winter, wenn es einsam wurde auf Berlins Radwegen. Seit mehr als 5 Jahren fahre ich nun schon alles was geht per Rad, nur bei dickem Schneefall bleibt das Rad stehen. Und immer wieder ist der Ablauf gleich: Mit den ersten Sonnenstrahlen füllen sich die Straßen im Frühling, während sie sich ab Herbst merklich leeren. Dann hängen die Singlespeeds und Fixies in der Wand und es wird vom Sofa aus über fehlende Infrastruktur für den Fahrradverkehr lamentiert. Mir stellte sich dann nur eine Frage: Wäre die aktive Nutzung der gegebenen Möglichkeiten nicht die beste Möglichkeit um zu zeigen, dass der Ausbau des Radnetzes wichtig ist? Was bringen all die Sonnenscheinfahrten, wenn die Radwege im Winter brachliegen und diese Flächen nicht benutzt werden?
Mit den Jahren wurde auch der verbissene Grabenkampf immer schlimmer. Dabei lernt jeder Mensch da draussen vor allem eines: Alle sind scheiße. Fußgänger, Autofahrer, Radfahrer, Drohnenpiloten – alle. Es gibt weder DIE bösen Autofahrer, genauso wie DIE bösen Radfahrer eine Begrifflichkeit von Kurzdenkern und Ignoranten ist. Ich sehe Radfahrer die trotz vorhandenen und intakten Radstreifen über Fußgängerwege jagen. Ich sehe Autofahrer, besonders Taxifahrer, die mehr als nur knapp überholen und vorbeirasen. Ich sehe Fußgänger, die gedankenlos auf dem Fahrradweg laufen oder gleich ganz stehenbleiben. Ich sehe alle Fehler machen.
Deswegen können Änderungen nicht durch halbherziges Fordern herbeigeführt werden – es braucht die richtige Form von Druck und die wird vor allem durch Präsenz und Achtsamkeit erzeugt. Sprecht nicht nur davon, dass ihr die bessere Alternative zum motorisierten Verkehr seid – lebt diese Überzeugung! Fahrt so oft ihr könnt und so achtsam, wie auch auf euch geachtet werden soll. Das Vergnügen eines Geschwindigkeitsrausches ist ein schönes, aber es darf nicht über die Sicherheit aller anderen Verkehrsteilnehmer gehen. Seid die erste Masse, die auch kritisch zu sich selbst ist.
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Enrico Seligmann Verfasst von:

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