Das brutale Erbstück

Ninia BiniasWenn ich in meiner Heimatstadt Hannover Besuch bekomme, muss ich zuerst das Vorurteil ausräumen, Hannover wäre so hässlich. Fast jede Stadt ist rund um ihren Hauptbahnhof hässlich (Bremen, Trier, Frankfurt, Braunschweig…). Ja, Hannover hat tatsächlich auch schöne Ecken und ist sogar die grünste Stadt Deutschlands. Darauf bilden wir uns etwas ein und erzählen es allen, die es hören wollen oder nicht. Wenn mich der Besuch dann allerdings fragt, was man sich in Hannover unbedingt anschauen sollte, dann sage ich nicht „den schrägen Aufzug im Rathaus“, „die Herrenhäuser Gärten“ oder „die Altstadt“ (ja, sowas haben wir wirklich). Nein, dann schicke ich den Besuch nach Linden, zu meinem Lieblingsgebäudekomplex – zum Ihme-Zentrum.

Schon immer gemoppt

Das Ihme-Zentrum ist der architektonische Außenseiter. Seitdem es existiert, wird es gemoppt. Ein Opfer der großen Modernisierungs- und Zukunftsgedanken der 60er und 70er Jahre. Und ich habe dieses Gebäude ins Herz geschlossen. Sollte es einst eine Stadt in der Stadt sein, ist es heute ein brutal in die Natur gesetzter Riesenkomplex. Balkon reiht sich an Balkon, die Türme des Gebäudes durchstoßen fast die Wolken und wer sich nachts durch die dunklen Gänge im Erdgeschoss traut, muss schon einigen Mumm haben.

Ninia BiniasApropos brutal, der Stil, in dem das Gebäude gebaut wurde, nennt sich tatsächlich Brutalismus. Steht man davor, kann man das auch gut nachempfinden. Es gibt kein anderes Wort, das besser beschreiben könnte, was man da sieht. Die einzelnen Komplexe wirken verwinkelt, monströs und unübersichtlich.

In den 60er Jahren wurde das Ihme-Zentrum geplant – der Innenstadtkern sollte wohntechnisch entlastet werden. Damit die neuen BewohnerInnen sich wohl fühlen, wurde im unteren Bereich des Zentrums eine Einkaufspassage geplant. Wohnen, Einkaufen und Leben, ohne weit laufen zu müssen. Tatsächlich wurde der Gesamtkomplex in einem Stück gebaut. Das kann man sich heute kaum vorstellen. Sogar an einen möglichen U-Bahn-Tunnel wurde gedacht. Den es natürlich bis heute nicht gibt.
1975 wurde das Zentrum fertiggestellt. Die Geschäfte in der unteren Ladenzeile hielten sich alle nicht lange. Von Anfang an wurde das Zentrum als „Stadt in der Stadt“ nicht akzeptiert. Es begann ein fröhliches Ein- und Ausziehen von großen und kleinen Geschäften. Als der letzte Publikumsmagnet seine Pforten schließen musste, wurde es auch für die kleineren Geschäfte sehr schwer.

Zukunft hängt am seidenen Faden

Inzwischen mieten die Stadt Hannover und die Stadtwerke zwei der Hochhäuser als Verwaltungsgebäude. Alle anderen ehemaligen Geschäfte stehen leer. Seit den 2000er Jahren übernahmen immer neue Investoren das Ihme-Zentrum – jedes Mal mit dem Plan, den gesamten Komplex zu sanieren und neu zu eröffnen. Durch die Finanzkrise kam es im Januar 2009 zu einem Baustopp, der bis heute anhält.

Ninia BiniasAktuelles Problem: Die Wohn- und Gewerbebereiche sollen rechtlich stärker voneinander getrennt werden. Dafür wären aber die Unterschriften aller WohnungsbesitzerInnen nötig. Bis heute fehlen noch etwa 10 Prozent – das wiederum hält mögliche Investor-Firmen ab, sich einzubringen. Das kann auch ein Grund dafür sein, dass die jüngsten Verhandlungen mit der Landesbank Berlin gescheitert sind. Die Zukunft des Ihme-Zentrums hängt jetzt also wieder am seidenen Faden. Viele StadtpolitikerInnen und BewohnerInnen fordern ein stärkeres Engagement der Stadt für das heimliche Wahrzeichen Hannovers. Doch ist es Aufgabe einer Stadt finanziell für die Privatwirtschaft in die Bresche zu springen?

Wie es sich anfühlt, im Ihme-Zentrum zu wohnen, weiß Nils Wintering. Der Besitzer des Theater am Küchengarten lebt seit einigen Jahren in Ihme 1 – direkt gegenüber vom Theater. Mit ihm habe ich über das Leben mitten im Brutalismus gesprochen.

„Die Stadt sollte sich um das Image bemühen.“

Wie ist es im Ihmezentrum zu wohnen? War das Zufall, dass du dort eingezogen bist und hast du gezielt nach einer Wohnung/WG dort gesucht?

Ich wohne sehr gerne im Ihme-Zentrum. Ich lebe im 11. Stock, also 68m über dem Boden, und habe eine großartige Sicht auf den Deister. Das können nicht viele behaupten. Ich bin damals in eine renovierte 70 qm Wohnung eingezogen und bin ein Fan von minimalistischer Inneneinrichtung. Dies und die zentrale Lage ist aber nicht der Punkt warum ich gerne in der „Stadt in der Stadt“ wohne, zumal der Mietpreis nicht günstig ist. Vielmehr ist es der Charakter dieses Brutalbaus, der mich anzieht. Jeder hegt eine Abscheu gegen dieses Gebäude, es leben viele schräge Menschen dort. Aber der Großteil sind hart arbeitende Menschen. Auch Kreative leben dort. Und alle sind sehr freundlich, wenn auch manchmal verschlossen. Klar, hin und wieder kommt die Polizei und nimmt ein paar Kiffer hoch. Aber da alleine im Ihme 1 ca. 140 Personen leben, halte ich das für normal. Es sind gerade diese verschiedenen Menschen in einer so verschachtelten, dichten Umgebung die den Reiz ausmachen. Lieber 20 Jahre Ihmezentrum als 4 Stunden genormtes Reihenhaus.
Ich bin damals nicht gezielt ins Ihmezentrum gezogen. Ich bin mit meiner damaligen Freundin zusammen gezogen. Sie ist Architektin und fand so was einfach nur „geil“. Ich hatte dazu erst gar keine Meinung. Aber als ich die die Aussicht erlebte, bin ich da geblieben – sie ist irgendwann gegangen… worden.

Beeinflussen dich die Diskussionen um die Investoren in irgendeiner Form?

Nein. In keiner Weise. Ich verfolge das gelegentlich, aber letztendlich ist die Gebäudeverwaltung mein Ansprechpartner. Selbst wenn jetzt ein neuer Investor kommt, bin ich mir sicher, dass ein Wandel länger dauern wird. Zumal die Wohnmodule von der Organisation komplett von den Geschäftsbereichen getrennt sind, nach meinen Information zumindest.

Meinst du, die Stadt sollte mehr Verantwortung für den Gebäudekomplex übernehmen oder sollen das die möglichen Investoren und Wohnungsbesitzer unter sich ausmachen?

Meiner Meinung sollte sich die Stadt um das Image des Ihmezentrums bemühen und damit Verantwortung übernehmen. Es gibt irre große Maisonette-Wohnungen dort. Im entferntesten Sinne ist das Ding Baukunst. Und es gibt keinen Leerstand. – Das sind doch positive Dinge. Es ist aber immer noch so, das wenn ich irgendwo meine Adresse nenne, schief angesehen werde. Wenn die Stadt sich zum Ihmezentrum bekennen würde und einfach ein bisschen „Fassadenarbeit“ betreiben würde! Das würde den Bewohnern helfen und keine Investoren abschrecken. Ein neuer Investor hat derzeit nicht nur das Problem eine geeignete Nutzung zu finden, er muss auch noch dem „Schandfleck von Hannover“ ein neues Image verpassen. Ein Mammutprojekt.

Charme sollte erhalten bleiben

Ein Mammutprojekt, absolut. Linden ohne das Ihme-Zentrum kann sich in Hannover niemand vorstellen. So richtig lieb gewonnen haben den Bau aber nur wenige. Nils und ich gehören dazu. Die Geschichte um Sanierung und Investoren wird sich sicherlich noch einige Jahre hinziehen. Und: Eine Rundumsanierung würde auch bedeuten, dass Mieten steigen oder BewohnerInnen gegebenenfalls sogar ausziehen müssen. Gerade das leicht Verfallene und Grobe macht für mich den Charme der Häuser aus. Ich hoffe, dass zukünftige Investoren genau diesen Charme erhalten können und ich nicht irgendwann auf moderne Glasfassaden starren muss, deren Wohnungen für meine FreundInnen nicht mehr erschwinglich sind.

Fun-Fact: In den siebziger Jahren befand sich im Ihme-Zentrum eine konspirative Wohnung der RAF. Intern nannten die Mitglieder den Bau „Klotz“. Sehr kreativ.

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Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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