Ich konnte nicht feststellen, woher die Stimme kam, bis der Mann in grell orangefarbener Funktionsjacke erneut fragte. „Wollt ihr zwei nicht ‘ne Runde mit mir drehen?“ Er stand neben seinem Fahrradrikscha und deutete auf die mit dunkelblauen Decken ausgelegte Bank für Fahrgäste.
„Nee“, antwortete ich ihm. „Danke.“
„Och, komm“, bettelte er. „Ich will auch gar kein Geld von euch haben. Ich brauch bloß ein bisschen Bewegung, damit ich nicht so friere.“ Es war in der Tat sehr kalt. Bei spätherbstlichen Minusgraden wehte uns von der Alster her eine Brise ins Gesicht, die kleine Flocken mit sich trug.
„Ihr könnt auch gern nur einmal Probe sitzen.“ Er ließ nicht locker.
„Na gut“, sagte meine Freundin. „Schaden kann’s ja nicht.“
Um jeden Ort ranken sich ganz eigene Mythen und Schauergeschichten: Wenn du in Lloret de Mar eine Uhr auf der Straße kaufst, wirst du wenige Stunden später an eine nordafrikanische Sklavenarmee verscherbelt. Ich wähnte mich auf der Spur einer anderen: Wenn du in Hamburg Probe in einem Fahrradrikscha sitzt, teilst du dein stillschweigendes Einverständnis mit, dem Fahrer eine monatliche Rente von mehreren hundert Euro bis an sein Lebensende zu zahlen. Und erhältst im Gegenzug einen kaputten Staubsauger. Kurz: Es war einer meiner ersten Besuche in Hamburg und ich war ungeheuer misstrauisch. Sollte der Kerl doch einfach so herumkurven, ohne dass wir in seiner Gewalt wären. Als ich mir das dachte, saß meine Freundin bereits in Decken gehüllt auf der Bank und winkte mich zu ihr. Ich konnte sie nicht allein zurücklassen. Vielleicht könnten wir uns seine Rente teilen.
Der Weg vom Jungfernstieg zum Starbucks am Rathausplatz ist bar jeder Anstrengung in drei langen Schritten zu absolvieren. Dennoch zeigte sich Christoph, der Rikschafahrer, glücklich, dass er uns fahren durfte. Ich lud ihn auf einen Kaffee ein. Geschenke sind mir noch suspekter als stillschweigende Rentenverträge. Wir tauschten noch einige nette Wörter aus. Ich weiß nicht mehr worüber. Zum Abschied schenkte er uns einen Block-House-Gutschein, der heute an unserem gemeinsamen Kühlschrank in Hamburg-Winterhude hängt.
Heute stehe ich wieder an der Stelle am Jungfernstieg. Dort sitzt immer derselbe Obdachlose. Ich habe ihm noch nie Geld gegeben, glaube ich. Aber ich dachte schon häufig darüber nach, ihn auch auf einen Kaffee einzuladen. Ich glaube, so geht es vielen. Wenn ich mich der Binnenalster nähere, freue ich mich auf die Sprenkler der Fontäne, die von ihrer Mitte bis an das Ufer stieben. Im Hochsommer ist das eines der schönsten Gefühle, die Hamburg seinen Besuchern und Bewohnern schenkt. Ich spaziere noch ein paar Meter durch die snobüberlaufenen Einbahnstraßen und lächle die Männer mit an den Schädel gegeltem Haar und die Frauen in engen Kostümchen an. Ich möchte herausfinden, ob hinter ihren glatten Gesichtern noch ein kleiner Mensch wohnt. Ich glaube, die halten mich für einen Drogenabhängigen und/oder Hippie. So haben wir beide unsere Vorurteile.
In der U3 sammelt mein Gedächtnis Postkartenmotive, als sie die Landungsbrücken passiert. Auf St. Pauli steigen zwei Frauen ein, auf deren Jeans am Hintern je eine güldene Krone prangt. Ihre Sprache ist so schnörkellos, wie man es von ihren Hosen erhoffen würde. An der U-Sternschanze reiße ich mühevoll an den Türöffnern. Manches Mal leisten sie erbitterten Widerstand. Ich finde es irgendwie charmant – wahrscheinlich trägt dieser Umstand dazu bei, dass ich die U3 als meine Lieblings-U-Bahnlinie bezeichne. (Erfahrungsgemäß schätzen die meisten Hamburger eher die U1. Sie ist um Welten komfortabler.)
Ein alter Mann mit Kapitänsmütze und Schifferklavier, Pfeife im Mund und grauem Rauschebart kommt mir in der Schanzenstraße entgegen. Er reckt sein ledernes Gesicht gegen die Sonne. Ich bin ihm bereits häufiger begegnet und erinnere mich, dass er mir bei unserer ersten Begegnung wie ein Mann aus einer anderen Zeit vorkam.
Immer wieder klingeln Fahrradfahrer Fußgänger aus ihrem Weg. Die Verkehrssituation in der Schanze wäre vielleicht entspannter, wenn die Smiths in ihrem Video zu „There is a light that never goes out“ einfach entspannt durch die Nachbarschaft spaziert wären.
Dieser Ort bedarf in vielerlei Hinsicht einiger Gewöhnung – aber ich schätze viele der hier ansässigen Geschäfte und Lokale sehr. Mir imponieren die Menschen hier, die ihrem Broterwerb mit einer gehörigen Portion Passion nachgehen. Zum Beispiel in der Pizzeria „Slim Jim’s“. Ich esse eine Pizza. Vor dem „Kaffee Stark“ treffe ich eine alte Freundin. Wir begrüßen einander, betreten das gut besuchte Lokal. Die Luft ist stickig, aber wir können einen Platz am Fenster erringen. Draußen dämmert es. Auf der kleinen Bühne stehen Verstärker und Instrumente. Wir trinken Moscow Mule – versuch das mal in meiner Kieler Heimat serviert zu bekommen! (Bitte widerlegt mich. Ich bin immer noch häufig zu Besuch.) Abwechselnd zupft ein bärtiger Mann an den Saiten seiner Gitarre und dreht an den Knöpfen des Verstärkers. Zwischen uns und der Bühne sitzen heitere Persönchen, die einen ungeheuren Lärm verursachen, während sie auf Schößen sitzend aneinander herumfriemeln. Ich schätze Hamburg, wenn es flüstert. Aber vielleicht mag ich auch einfach keine Friemelnden. In der Öffentlichkeit vermute ich hierin immer überkompensierend Freigeistiges. Ich finde ja, man sollte sich nicht aus seiner Komfortzone herauspeitschen.
Die Bedienung bringt unsere Drinks. Sie lächelt und zwinkert, während sie uns die Gläser auf den Tisch stellt. Das hilft bestimmt beim Trinkgeld: Der Gast findet sich in der unsicheren Schwebe wieder, ob die liebreizende Bardame nun mit ihm geflirtet hat oder nicht. Ich werde das recherchieren.
Ein Mann mit Violinenkasten und ein Rotschopf mit Mikrofon steigen zum Gitarristen auf die Bühne. Sie beginnen zu spielen: „Little Wing“. Das ist mein Lieblingslied und sie covern es wirklich schön. Besonders euphorisch nehme ich die Fidelei auf. Anschließend spielen sie „Knockin’ on heaven’s door“. Kurz darauf verlassen wir das Kaffee Stark. Nicht dass wir es nicht mochten – aber die Sängerin erzählt immer wieder irgendwas von Hippies und formt mit ihren Fingern das Peace-Zeichen.
Wir laufen die Wohlwillstraße zurück, passieren den Grünen Jäger und vernehmen HipHop-Beats. Wir stellen uns zu einer Gruppe. Man trinkt Bier, unterhält sich. In der Luft liegt der Duft von Marihuana. Mir wird ein Bier angeboten. Wir teilen es uns. Neben mir steht ein Hühne in einer ausgeblichenen Jeansjacke mit Aufnähern. Er trägt – wie rund die Hälfte der männlichen Anwesenden – ein Baseballcap. Gedankenverloren bewegt er seine Lippen zu „Excursions“, das aus dem Ghettoblaster in unsere Gehörgänge lustwandelt. Die Musik stammt vom iPhone, das auf den Slot im Ghettoblaster gesteckt wurde. Diese Party ist so seltsam wie das Gerät. Ich frage den Typen mit Kangolmütze (Die Dinger gibt’s noch? Jackie Brown ist über 15 Jahre her.) und Miles-Davis-Sonnenbrille, was wir hier eigentlich feiern würden. Er lacht.
„Weiß ich jetzt auch nicht“, antwortet er und grinst. „Corner ist Corner.“ Dann zeigt er mir eine der Raketen, die er aus Styrodur gebastelt hat. Styrodur ist wie Styropor – nur sind die Poren feiner.



Ein Kommentar
Andreas says:
Okt 11, 2013
Wunderschöner Text. Und ja… Die U3 ist die schönste Bahn in Hamburg. Alleine wegen der Menschen.