Gärtnern, Gießen, Zukunftspläne

Ninia BiniasZugegeben, Osnabrück ist nicht gerade die erste Stadt, an die man denkt, wenn es um Großstädte und urbane Trends geht… aber auch in den kleineren Städten gibt es schöne Gemeinschaftsprojekte, über die es sich zu berichten lohnt. Am Güterbahnhof in Osnabrück ist in den letzten Jahren der Freiraum Petersburg entstanden – eine Kulturlandschaft, in der KünstlerInnen, MusikerInnen und GärtnerInnen zusammen kommen. Ich war dort zu Besuch und habe mit den Marcia und Ingo, zwei Mitgliedern des Gemeinschaftsgartens des Kulturverein Petersburg e.V. ein Gespräch geführt.


Osnabrück als Vorbild für ein funktionierendes, urbanes Gemeinschaftsprojekt – ich hätte nicht damit gerechnet, hier so ein tolles Projekt zu entdecken. Wie ist euer Garten entstanden?

Anfäglich waren wir eine Gruppe, die sich mit der Frage beschäftigte, wie eine Stadt in der Zeit nach dem billigen Öl leben kann. Die Gruppe war eine Transition Town Initiative. Hier wurden unterschiedliche Themen beackert, Mobilität, Energie, Gesundheit, Bildung und auch Ernährung. Die Gruppe Ernährung wollte neben der Theorie ein praktisches Projekt starten, einen Gemeinschaftsgarten, der Industrieflächen wieder nutzbar macht. Da kam die Petersburg ins Spiel. Die Idee in den Kästen zu Pflanzen kam, als uns die ersten paar Kästen geschenkt wurden. Da wir in dem Boden vor Ort nichts pflanzen konnten und wollten, aufgrund der ungeeigneten Struktur und einer unbekannten Verunreinigung durch Altlasten, waren diese Containerbeete ein ideales Mittel. Zudem ist es eine Art Upcycling, ohne dass groß etwas daran verändert werden musste. Sie wurden lediglich mittig aufgeflext und so hatte man schon gleich zwei Hochbeete.
Wir starteten im ersten Jahr (2010) mit fünf Pflanzkästen und hatten sofort viele begeisterte GärtnerInnen, die mitmachten und werkelten. Bald wuchs der Garten auf mittlerweile gut 40 Containerbeete und Pflasterstein-Trockenmauern.

Wer kann bei eurem Garten mitmachen?

JedeR kann mitmachen! Wir pflanzen alle gemeinschaftlich nach einem gemeinsam erstellten Pflanzplan in die Kästen. Auch geerntet wird gemeinsam und dann oft auch zusammen gekocht. Einmal die Woche treffen wir uns zum gemeinsamen Gärtnern, Gießen, Absprechen und Zukunftspläne schmieden. Über einen Infoverteiler berichten wir den interessierten Gärtnerinnen und Gärtnern über zusätzliche Treffen und interessante Neuigkeiten.
Dabei ist es wichtig, Informationen transparent und Material möglichst für alle zugänglich zu halten, was nicht immer einfach ist. Das ist aber auch für uns ein Lernprozess.

Wie finanziert ihr den Gemeinschaftsgarten?

Ein paar Mal im Jahr haben wir Veranstaltungen, bei denen wir Spanden sammeln, wie z.B. das Sommerfest im Garten oder, wie letztens, ein Poetry Slam. Große Ausgaben haben wir selten. Wir versuchen viele Dinge zu recyceln und umzufunktionieren. Außer Gartengeräten und Saatgut, fallen wenig Kosten an. Wobei die Saatgutbestellung auch jedes Jahr kleiner ausfällt. Hier und da bekommt jemand privat etwas geschenkt, aber vor allem sammeln wir unser eigenes Saatgut im Herbst und Winter.

Jetzt wurde das gesamte Gelände verkauft und auf dem neuen Grundriss seid ihr nicht mehr vorgesehen? Was soll mit dem Gelände passieren und wie wehrt ihr euch gegen eine Vertreibung?

Wir haben schon lange mit der Entwicklung gerechnet. Daher wurde 2011 Der Kulturverein Petersburg e.V. gegründet, unter dem sich alle aktiven Gruppen im Freiraum Petersburg vereinen, so auch der Gemeinschaftsgarten. Wir machen zusammen seit längerem öffentliche Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit. Wir hoffen, zunehmend Menschen von dem Wert dieses Ortes zu überzeugen. Zusätzlich haben wir noch einmal vermehrt Kontakt zu PolitikerInnen aufgenommen, um eine Unterstützung einzufordern.Ninia Binias

Warum, glaubt ihr, ist ein Projekt wie die Petersburg oder der Gemeinschaftsgarten wichtig für eine Stadt?

Die Petersburg stellt einen Freiraum dar, der Menschen mit Ideen und Kreativität  anspricht. Hier ist unheimlich viel Platz für freie unabhängige Kunst und Kultur, Ideen können sich noch entfalten, wenig ist vorgegeben. Es ist ein Ort der für Vielfalt steht, niedrigschwellig erreichbar und gestaltbar ist, unabhängig von Geld und geltendem Mainstream.

Wie geht es mit euch weiter, wenn ihr das Gelände tatsächlich verliert?

Darüber denken wir nicht nach, denn ein Garten lässt sich schwer verpflanzen. Zwar lassen sich die Container verschieben, aber nicht das darum gewobene soziale Netzwerk, die vielfältige Atmosphäre und die Menschen der Petersburg.
Es kann an einem anderen Ort ein neuer Garten entstehen, aber für das Querbeet wäre es erst einmal das Ende. Deshalb stehen wir für diesen Ort ein.

 

Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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