Ho Ho!! Manchmal kann man über Nazis nur lachen, aber es ist ein entsetztes Lachen. (Foto: Falk Schreiber)

Ho Ho!! Manchmal kann man über Nazis nur lachen, aber es ist ein entsetztes Lachen. (Foto: Falk Schreiber)

Der deutsche Feierabendnazi rennt nicht ununterbrochen mit dem Baseballschläger durch Vorpommern. Der deutsche Feierabendnazi spricht. Und zwar nicht ausschließlich darüber, dass die „Ausländer raus!“ sollen, er versucht auch, Argumente zu anderen Themen zu finden. Inhaltlich erkennt man den deutschen Feierabendnazi da nicht sofort, aber an bestimmten Formulierungen wird doch recht schnell klar, wes Geistes Kind er ist: Häufig rutscht ihm zum Beispiel ein „Gutmensch“ raus. Wenn man so was hört, dann weiß man schon: Hier lohnt es nicht, weiterzudiskutieren, am Besten, man dreht sich einfach um und geht weg.

Das vorliegende Glossar soll die gebräuchlichsten Naziphrasen auflisten, Phrasen, die die ganz Rechten anschlussfähig machen für Konservative, für Liberale, sogar für Linke, wenn sie geschickt vorgehen. Und, schwupps, steckt man in einem rechten Diskurs, in den man eigentlich gar nicht passt. Auf Links zu Beispielsätzen wurde verzichtet, damit die Rechten nicht noch mehr Reichweite bekommen, wen es interessiert, der findet die Argumentationsstrukturen recht schnell per Google – auf Hassseiten wie Politically Incorrect, im Kommentarbereich von Spiegel Online, Welt und taz, im Politikressort doofer aber reichweitenstarker Foren wie Gutefrage.net. Das Glossar ist natürlich nicht abgeschlossen – wenn es gut läuft, wird es hier in den Kommentaren weitergeschrieben.

EUdSSR Der Feierabendnazi lebt in der „Europäischen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken“, einer sozialistischen Diktatur, die den Willen des einfachen Menschen missachtet. -> Merkel: eine Sozialistin. Cameron: ein Sozialist. Hollande: ein Sozialist (naja, dem Namen nach ist der das ja wirklich). Links von den deutschen Feierabendfaschisten ist nur der kommunistische Gulag, rechts ist die Wand. (Dass man auch als Linker die EU kritisch sehen kann, steht auf einem anderen Blatt.)

Freunde Israel, wenn es als Bollwerk gegen die Palästinenser, also gegen den Islam gebraucht wird (ansonsten ist der deutsche Feierabendnazi gerne mal klassisch antisemitisch). Die USA, aber bitte nur Texas und die umliegenden Bundesstaaten, die liberale Westküste wie auch alles was mit Barack Obama zu tun hat, wird zutiefst verachtet (man kann auch gute Gründe gegen Obama nennen, ohne ein Rechter zu sein, schon klar). Das Russland Wladimir Putins, weil … Äh, ja, weswegen eigentlich? Auf jeden Fall scheinen alle deutschen Rechten glühende Putin-Fans zu sein.

Freunde, schwule Der deutsche Feierabendnazi hat schwule Freunde. Die erzählen ihm, dass sie den CSD für ein doofes Zurschaustellen von Sexualpraktiken hielten, und dass sie selbst der Meinung seien, eine defizitäre Sexualität zu haben, weil sie keine Kinder zeugen können, obwohl sie das doch so gerne täten. Was sie ihm nicht erzählen: dass er homophoben Müll schreibt. Tolle Freunde.

Genderwahn Mal ehrlich: Der deutsche Feierabendnazi versteht nichts von Gender Studies. Rein gar nichts. Irgendwas mit den -> Gutmenschen hat das zu tun, glaubt er. Deswegen ficht er gegen Schatten: gegen „Gender Mainstreaming“ (er hat keine Ahnung, was das sein soll), gegen Feminismus (mit Alice Schwarzer hätte er eine prominente Feministin an seiner Seite, aber das kapiert er nicht), gegen alles, was sein Weltbild in Frage stellt. Selten wirken die Rechten so lächerlich wie bei diesem Kampf.

Gutmensch Im Grunde haben die „Gutmenschen“ die Macht, dem Rest der Welt ihre Weltsicht aufzuzwingen. Und die ist -> linksgrün und naiv: Die Menschen seien im Grunde gute Wesen, denen man nur vorurteilsfrei und voller Sympathie gegenüber treten müsse, dann hätten sich alle lieb. Die Rechten lachen darüber nur hässlich. Aber sie haben auch unrecht: Niemand denkt, dass die Menschen im Grunde gut seien, man muss doch nur die Rechten anschauen, dann kapiert man, wie 1.) blöde 2.) unattraktiv und 3.) grundböse viele Menschen sind. Der „Gutmensch“ ist eine Schimäre – aber er ist nicht totzukriegen. Immerhin, die Dorftrottel-und-stolz-drauf-Band Frei.Wild zeigte mit ihrem Hit „Gutmenschen und Moralapostel“ recht eindeutig, was von ihren Beteuerungen, nicht rechts zu sein, zu halten ist: nix.

linksgrün ist praktisch jeder, der nicht straight auf rechter Linie agiert. Ein Begriff, der einen monolithischen Block auf der gegenüberliegenden Seite verortet, keinen Politdiskurs, der sich widersprechen mag. Wird gerne im Zusammenhang mit -> Gutmenschen verwendet.

Kirche Von der hält der durchschnittliche Feierabendnazi wenig, zu weich sind ihm die Kirchenmänner, zu liberal, und überhaupt vertreten sie Thesen aus -> Märchenbüchern. Aber wo es um den Islam geht, ist der Feierabendnazi dann plötzlich sehr kirchennah. „Bevor in Duisburg eine Moschee gebaut wird, soll die Türkei erstmal christliche Kirchen bauen!“, blökt er dann. Ohne zu wissen, dass in der Türkei durchaus christliche Kirchen gebaut werden. Interessiert ihn aber eigentlich auch gar nicht.

Märchenbücher „Die Bibel ist ein Märchenbuch. Und es ist gut, dass die Bibel bei uns Privatsache ist, das wurde in langen Kämpfen erreicht. Heute aber muss man aufpassen, dass der Islam diesen historischen Fortschritt nicht zunichte macht.“ So oder so ähnlich argumentieren die Feierabendnazis: Sie legen einem dem Arm um die Schultern, behaupten, Rechte wie Linke hätten im Dienste der Aufklärung gemeinsam die christliche Religion zurückgedrängt, die jetzt allerdings vom Islam ersetzt werden würde. Eine lächerliche Behauptung: Der Islam hat hierzulande keinerlei politische Macht, während die christlichen Kirchen immer noch in Schulen, Kultur und sozialen Einrichtungen sitzen. Falls die Rechten also tatsächlich gegen das Christentum gekämpft haben sollten, haben sie nicht besonders gut gekämpft. Aber in Wahrheit geht es ihnen ohnehin nur darum, den Samen der Islamophobie in linke Hirne zu pflanzen, im Zweifel kommen sie gut mit der -> Kirche aus.

Merkel Die deutsche Bundeskanzlerin ist zwar in der CDU und müsste deswegen doch eigentlich eine Verbündete der Rechten sein, aber, nein: Merkel weigert sich, SPD-Wähler an die Wand zu stellen, also ist sie wahrscheinlich ein sozialistisches U-Boot. Merkel bezeichnet die EU als eine gute Sache, also ist sie wahrscheinlich ein sozialistisches U-Boot. Merkel ist in der DDR aufgewachsen, also ist sie wahrscheinlich ein sozialistisches U-Boot. (Häufige -> Spitznamen: IM Erika, Erichs Rache). Eng verknüpft ist diese gefühlte Linksverschiebung Merkels mit der Idee der -> EUdSSR.

Nazi, kein Recht häufiges Argumentationsmuster: Sätze anfangen zu lassen mit „Ich bin kein Nazi“, und darauf ein „aber“ folgen zu lassen. Es geht darum, das Gegenüber einzulullen mit der Behauptung, man habe es mit einem Gesinnungsgenossen zu tun, nur um dem dann klassisches Nazigedankengut unterzujubeln: „… wir haben in Deutschland einfach zu viele Ausländer“, „… die Bundesrepublik Deutschland ist kein souveräner Staat“, „… Schwule finde ich einfach abartig.“ Der Trugschluss ist, dass angenommen wird, man könne solche Thesen vertreten, ohne Nazi zu sein.

Spitznamen Politiker werden gerne mit verballhornten Namen genannt, das ist erstens diffamierend und soll zweitens volksnah klingen. Beispiel: „Lügilanti“ statt der ehemaligen hessischen SPD-Ministerpräsidentenkandidatin Andrea Ypsilanti. Oder „Murksel“ für Bundeskanzlerin Angela -> Merkel.

Systemmedien (auch: Systempresse) Sind im Grunde alle Medien, sofern sie auch nur andeutungsweise schreiben, dass nicht alle Ausländer von übel sind. Selbst im Kommentarbereich der stockkonservativen Welt wird dieselbe als „Systempresse“ oder „links“ beschimpft, wahrscheinlich findet man ähnliche Aussagen auch über die Junge Freiheit oder die Nationalzeitung. Liefert eine hübsche Erklärung dafür, weswegen Rechte bei Wahlen in der Bundesrepublik nie so richtig einen Fuß auf den Boden bekamen, obwohl doch eigentlich die große Mehrheit des Volkes rechts denkt: Die „Systemmedien“ haben eine „beispiellose Kampagne“ gegen die einzig richtige Partei gefahren. (Zuletzt wurde so argumentiert, als die wohlstandschauvinistische AfD bei der Bundestagswahl 2013 knapp den Einzug ins Parlament verpasste.)

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