Wir starten an einem Punkt. Abitur. Unsere Wünsche sind groß, die Pläne lang und auf Platz eins steht bei fast allen: Die Stadt verlassen. Nicht, weil man sich mit ihr überworfen hätte, sondern weil man einfach mal etwas anderes sehen will, andere Luft riechen, andere Menschen sehen.
Einige von uns machen ihren Traum wahr: Sie verschwinden. Für lange Zeit oder immer. Sie reisen, bleiben hängen und entdecken die Welt. Andere fangen an zu studieren, suchen sich eine Uni, die möglichst weit weg von zuhause ist und beginnen ein anderes Leben. Es ist die Chance, noch einmal jemand anders zu sein. Neu zu sein. Und der Rest? Der geht in die nächst größere Unistadt oder bleibt gleich ganz daheim. Nach dem Studium oder der Ausbildung kommst du zurück in deine Stadt. Du verliebst dich, heiratest, baust ein Haus, bekommst zwei Kinder und lebst das Leben, das dir vorgelebt wurde. Und ich sitze irgendwo in der Welt und frage mich, wieso du das tust. Wieso du vom Flüchten geträumt hast und jetzt doch wieder dort sitzt, wo alles angefangen hat. Welches Gefühl mir fehlt, das du anscheinend immer in dir hattest. Dass dich nach Hause gebracht hat. Dass dir sagt, dass das jetzt Heimat ist.
Es ist schön. Ich mag das so, sagst du. Und gehst in die Küche, um dem Kaffeevollautomaten den nächsten Befehl zu geben. Ich versuche währenddessen herauszufinden, ob das Neid oder Unverständnis ist, was ich spüre. Dort, wo wir aufgewachsen sind, bin ich immer nur zu Besuch. Ich könnte dir vorwerfen, dass du wenig von der Welt gesehen hast. Dass du gar nicht weißt, ob es dir woanders besser gefällt. Und du könntest antworten, dass dir das so reicht und mir sagen, dass ich rastlos bin. Und wir hätten beide Recht.
Warum gehen so viele Menschen zurück in den von ihnen sonst so verschmähten Heimatort? Warum bauen sie gar ihr Häuschen neben das der eigenen Eltern, ziehen ihre Kinder genauso auf, wie sie selbst aufgewachsen sind und gehen die schon asphaltierten Wege? Vielleicht weil es einfach ist. Vielleicht aber auch, weil es ihnen einfach gefällt. Ich suche die Antwort noch.
Nach meinem Abitur habe ich die Stadt getauscht. Ich habe immer mehr Städte getauscht und immer neue Dinge gelernt. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich heute nicht die gleiche wäre, hätte ich die eine Stadt niemals verlassen. Inzwischen habe ich gut reden. Ich wohne gar nicht so weit weg von der alten Heimat. Ich lebe ein geregeltes Leben, ohne Risiken, ohne große Überraschungen. Und das ist ok. Weil es mir gefällt. Dass das mein Leben ist, weiß ich aber erst, seitdem ich gelernt habe. Seitdem ich weiß, wie das geht, mit dem Wohnen in fremden Städten. Seitdem ich auskundschaften kann, Umzugswagen ein- und ausräume, mich völlig verlaufe und immer wieder den einen Punkt erwische, an dem es heißt: Jetzt weiterziehen. Ich kriege immer Sehnsuchtssucht. Ich will wieder weg und neu beginnen. Und dann frage ich mich, ob du diese Zweifel nie hast? Und wenn du sie hast, wie du sie besiegst. Oder, ob wir beide auf der Suche nach dem gleichen Ziel sind. Nur auf verschiedenen Wegen.


3 Kommentare
Electra says:
Jul 20, 2013
Total schöner, nachdenkenswerter Text. Vielen Dank!
Judyta says:
Jul 20, 2013
Und was ist, wenn Du wieder nach Hause möchtest und plötzlich ist keiner mehr dort, weil sich alle auf die Suche nach Abenteuer gemacht haben, nur zu einem späteren Zeitpunkt als Du?
Schöner Text.
NaLos_MehrBlick says:
Jul 20, 2013
Heimat – mein Herzens-Thema. Vielleicht deswegen, weil viel zu weit von ihr entfernt bin?! Als ich noch da wohnte, wohin ich heute zurück will, wusste ich es nicht schätzen. Und dann kam das Abitur, das Studium in einer anderen, 4 Stunden Autofahrt entfernten, Stadt. Heute wohne ich fast 7 Autostunden entfernt in der Stadt, in die damals als Teenie immer wollte. Es ist schön hier, ja. Aber Heimat? Nein! Heimat ist die Küste, das Meer.
Und wenn es irgendwann passt, möchte ich dahin zurück. Nicht um ein Haus neben dem meiner Eltern zu bauen oder einen vorasphaltierten Weg zu gehen. Viel mehr um zu meinen Wurzeln zurückzukehren, dorthin, wo ich mich DAHEIM fühle… Um endlich anzukommen.
Danke dir für den Denk- und Emotionsanstoß!