Der Dom und ich

Vor Jahren überhörte meine Mutter ein Gespräch unter Kölnern. “Dann lass uns doch an der Bahnhofskapelle treffen”, sagte einer. “Bahnhofskapelle?” fragte der andere. “Ja klar!” sagte der erste wieder. “Die Bahnhofskapelle, kennst du doch!”

Die Bahnhofskapelle kennt jeder, nicht nur in Köln. Man sieht sie, wenn man im Zug über die Hohenzollernbrücke in den Kölner Hauptbahnhof ruckelt oder, wenn man über eine der der vielen Rheinbrücken von der falschen Rheinseite auf die richtige fährt. (Was natürlich Unfug ist, es gibt überhaupt keine falsche Rheinseite. Ich muss das wissen, ich hab da gewohnt.) Man sieht sie, wenn man von Westen kommend über die A59 in die Stadt reingondelt, oder auch einfach, wenn man in der Kölner Innenstadt durch die Straßen läuft. Die Bahnhofskapelle ist überall. Die Bahnhofskapelle ist der Kölner Dom.

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Bei der Sendung “Unsere Besten – Die Lieblingsorte der Deutschen” im ZDF landete der Kölner Dom auf Platz 1, noch vor dem Brandenburger Tor (Platz 2), dem Hofbräuhaus (Platz 7) oder dem Hamburger Hafen (Platz 8). Dabei ist Köln nur die viertgrößte Stadt Deutschlands, windet sich seit Jahren um eine Million Einwohner rum. Berliner, Hamburger, Münchener, sie alle hätten es schaffen können, ihr eigenes Stadtwahrzeichen auf den ersten Platz zu bringen, rein einwohnertechnisch zumindest. Sie hätten sich nur auf etwas einigen müssen.

Wir Kölner aber, wir müssen uns nicht einigen. Wir sind bereits geeinigt, nämlich durch den Dom. Es ist überhaupt keine Frage, welches der schönste Ort von Köln und damit von Deutschland und der ganzen Welt ist. Es ist selbstverständlich der Dom, denn nichts ist so sehr Symbol für unsere Stadt wie dieses Bauwerk mit seinen zwei Spitzen, die immer wieder hervorluken, egal wo man ist. Nichts bewegt uns so sehr, wie den Dom zu sehen, von ganz nah oder ganz weit. Mit Stolz präsentierten Freunde uns das Badezimmer ihrer ersten Wohnung in Köln, irgendwo in Lindenthal. “Mit Fenster!” hieß es, aber vor allem: “MIT BLICK AUF DEN DOM!” Und tatsächlich: Wenn man auf der Toilette saß, hatte man einen 1A-Blick nach Osten und irgendwo in der Ferne blitzten zwei dunkle Spitzen auf. Der Dom! Vom Klo aus! Wer würde da nicht vor Neid platzen!

Wie viel Heimat der Dom für den Kölner bedeutet, habe ich auch erst mit den Jahren begriffen. Vor allem mit den Jahren, die ich nicht mehr hier wohne. Es gibt diese Formulierung, dass einem bei irgendetwas “das Herz aufgeht”, eine etwas abgelutschte, kitschige und irgendwie arg metaphorische Redewendung, die lustigerweise aber genau das beschreibt, was passiert, wenn ich den Dom sehe: Mir geht auf maximal kitschige Art und Weise mein Herz auf. In mir sagt alles “Aaah!” und “Ooooh!” und “So schön!” und ich ertappe mich selber dabei, wie ich leicht debil grinse.

Mein Begeisterungsgrad für Architektur ist ja prinzipiell eher im Mittelfeld anzusiedeln. Ich finde Gebäude durchaus interessant, spannend, pompös, imposant, wunderschön, abgefahren, und was einem sonst so für Adjektive einfallen könnten. Ich gucke mir das gerne an, laufe drumrum oder rein, staune und lobe. Das hat aber alles nichts damit zu tun, warum ich den Dom so toll finde. Natürlich ist der auch architektonisch total super, man sollte ihn unbedingt sowohl von außen als auch von innen besichtigen und am besten dann noch auf die Spitze klettern. Ich empfehle das durchaus. Aber es ist eben nicht das Gebäude. Es ist, das wofür er steht.

Als Kölner kommt man um den Dom nicht herum. Es geht einfach nicht. Man kann nicht in die Stadt fahren, ohne an ihm vorbeizulaufen. Man kann nicht am Rhein entlang spazieren, ohne Domspitzen zu sehen. Denn der Dom steht mittendrin in Köln. Das ist schon touristenservicetechnisch kaum zu überbieten. Man muss gar nicht lange suchen, nur aus dem Bahnhof rausfallen und da ist er schon. Es bedeutet aber vor allem, dass der Dom zum ständigen Begleiter wird, wenn man in dieser Stadt aufwächst, zum unhinterfragten Symbol einer Stadt und dem Gefühl, hier zu Hause zu sein.

 

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Ich kenne mich nur bedingt in anderen Städten aus, deswegen mag die folgende Behauptung durchaus anfechtbar sein (ich habe immerhin unrepräsentative Studien auf Twitter und Facebook durchgeführt, um hier keinen kompletten Unsinn zu schreiben), aber: Ich glaube, in kaum einer anderen Stadt Deutschlands, ist die Frage nach dem einen Bild, das diese Stadt repräsentiert, so eindeutig zu beantworten wie in Köln. In München streiten sich womöglich das Hofbräuhaus, die Liebfrauenkirche, die Allianz Arena oder gar das Oktoberfest. In Hamburg weiß man nicht, ob es eher Hafen, Fischmarkt, der Hamburger Michel oder doch die Elbphilharmonie sein soll. Und in Berlin könnte es der Alex, das Brandenburger Tor oder möglicherweise doch der Reichstag sein. In Köln aber ist es klar: Es kann nur der Kölner Dom sein! Etwas anderes wäre undenkbar, nicht akzeptabel, schlichtweg Heimatblasphemie!

“Ihr Kölner seid komisch”, sagte eine Berliner Freundin, als ich bei einem Spaziergang durch Köln mal wieder vor Begeisterung quiekte, weil irgendwo ein Stück Dom zu sehen war. “So schön ist der Kölner Dom doch gar nicht.” Nee, denke ich, so richtig schön ist er nicht, aber darum geht es ja auch gar nicht. Vor allem ist er nämlich eins: Ganz viel Kölngefühl, ganz viel Heimat.

Aber das versteht man vielleicht wirklich nur, wenn man von hier kommt.

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Les Flaneurs Verfasst von:

5 Kommentare

  1. 23. Juli 2013
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    Zum Anfang: Ist das ein aus dem Englischen direkt übersetzter Text? „overhear“ heißt ja dort tatsächlich „mithören“ und bei uns bedeutet die 1:1-Übersetzung „überhören“ eher „nicht mitbekommen“ oder „zwar hören, aber bewusst ignorieren“. Oder liege ich da falsch?

  2. Anne Schüßler
    23. Juli 2013
    Antworten

    Ich glaube, da hat sich einfach ein kleiner Anglizismus eingeschlichen. Übersetzt ist da nichts, ich lese und höre wohl einfach oft genug Englisch, dass sich das manchmal auch im Deutschen auf seltsame Art bemerkbar macht.

  3. 27. Juli 2013
    Antworten

    Als Süddeutsche ne Weile im Norden gelebt, zog ich also in die Mitte, in die Mitte von Wald und Hügel. Und was war der erste hilfreiche Tipp der Einheimischen? Gehen Sie auf diesen Turm da und dann können Sie den Kölner Dom sehen, bei klarem Wetter. Sie haben nie gesagt, schauen Sie sich kilometerweit unsere Wälder , Täler und Wiesen an.
    Nein, da hinten, da isser, der Dom. Sonst zählte nichts.
    Nun war ich mittlerweile schon oft auf dem Aussichtsturm. Man sieht vieles da, aber den Dom, nein, den sieht man nicht.
    Obwohl, wenn man ganz lange hinschaut, ist er da, irgendwie.

  4. 24. September 2013
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    Ach, Anne, wie schön du das beschrieben hast, dieses Dom-Gefühl. Ich liege ja mit einigem in meiner Stadt verquer, aber der Dom, der hat was. Ich mag vor allem das bunte Fenster von Richter, das ist eine Offenbarung. Und ich mag es, wenn der Dom immer anders aussieht, vor allem bei schlechtem Wetter verstärkt sich seine Dramatik.
    Meine Tochter brachte es aber, zirka 3-jährig auf den Punkt, als wir auf der A4 von Osten kommend, die zwei Türme erblickten: „Meine Kölner Dom!“

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