Diese Stadt gleicht einem Zauberwürfel, den die Hitze zu einem unförmigen Klumpen zusammengeschmolzen hat. Die Farben mögen intakt sein, aber es wird schwierig werden, das Rätsel jetzt noch zu lösen.
– Don DeLillo

Das alles begann, oder beginnt (über die zeitliche Dimension lässt sich durchaus diskutieren), als ich an einem der ersten Frühlingstage nach Nürnberg zurückkehrte, und vor dem Bahnhof mit meinem Rollkoffer über einen Lebkuchen fuhr, der aus einem überfüllten Mülleimer gefallen und von der Sonne nahezu aufgeweicht worden war. Ich beschloss, den Koffer in einem Schließfach zu belassen, da ich mich ein wenig in der Innenstadt umtun wollte, womöglich um zu sehen, was die ersten seriösen Sonnenstrahlen des Jahres während meiner Abwesenheit mit dieser Stadt angestellt hatten – erst da bemerkte ich die braune, schmierige Spur, die von meinem Spind wegführte, aber ich konnte keine Verbindung herstellen und versuchte es auch gar nicht erst.
Es war warm, fast schon sommerlich, nur die Bäume und Sträucher schauten kahl und unmotiviert drein, als seien sie nicht restlos überzeugt von der Idee, dass jetzt Frühling sein sollte. Menschen und Fotoapparate pilgerten auf dem Weg zum Burgberg über den Hauptmarkt, Mütter, Väter, umherirrende Kinder. Rentner, traditionell camoufliert in gedämpften Farben, bildeten Halbkreise auf dem weitläufigen Platz, um bessere Sicht auf die jeweiligen Stadtführerinnen haben zu können. Ein Mädchen mit Kopfhörern zählte leise vor sich hin murmelnd die zertretenen Kaugummis auf dem Pflaster, es war erst bei dreiundvierzig angekommen.
Oben dann, als ich im Schatten des Sinwellturms meinen Blick über die Altstadt schweifen ließ, stellte sich ein Gefühl von Land und Sonntagsausflug ein – die gleichmäßig in satten Farben gestrichenen Fensterläden, die karmesinroten Gemäuer, die Kutschraddekorationen im Biergarten vor dem Tor – der ganze Tag erschien mir wie die arrangierte Kulisse für ein sorgsam ausgeleuchtetes Bild, dessen Motiv wieder und wieder aufs Neue nachgefragt wird, weil es sich immer schon bewährt hatte.
Ich suchte ein wenig nach Unschärfen. Im Geäst eines Baumes blinkte eine Autofelge silbern in der Sonne. Ein Bernhardiner schlabberte eine zerlaufene Eiskugel vom Boden, wahrscheinlich After Eight, der Farbe nach zu urteilen. Auf dem Tablett einer Bedienung spiegelten sich die verschlungenen Überresten einer Wursthaut im Fett der verbliebenen Sauce. Vor allem aber fiel mir der Flaschensammler auf, der in einem Muster, welches ihm von hier oben aus gesehen die Mülleimer vorgaben, zwischen den schlendernden Touristen kreuzte. Als ich das Muster in meinen Gedanken rekonstruierte, nahm es die Umrisse eines Nachtfalters an, dem man einen Flügel herausgerissen hatte.
Ich traf den Flaschensammler kurz darauf in ein einem gewundenen Gang wieder, der aus der Burg hinaus führte. Vor den in der Wand eingelassenen Leuchtstoffröhren pappten Aufkleber, halb abgekratzt schon, Club-Liebkundungen, AntiFü und Unleserliches, sie dämpften das ohnehin spärliche Licht. Der Flaschensammler war vor einer Einbuchtung in der Wand stehen geblieben, aus der ein umgedrehter, rostiger Wasserhahn ragte. Er nickte mir lächelnd zu, dann nestelte er in seiner Manteltasche herum und holte ein Einweckglas voller schwarzer Murmeln hervor, von denen er eine vorsichtig in die Öffnung des Wasserhahns schob.
Ein leises Plonken war zu vernehmen, während die Murmel scheinbar lange Zeit abwärts rollte und schließlich nur noch in Echos kommunizierte. Hier, flüsterte der Flaschensammler und drückte mir eine weitere Murmel in die Hand, für den Fall. Er verstaute das Einweckglas wieder in seinem Mantel und streunte davon in Richtung Tageslicht. Ich blieb noch einen Moment unschlüssig im Gang stehen und betrachtete die Murmel; sie war vollkommen schwarz und glänzte matt. Als ich ihm schließlich nach draußen folgte, war er bereits in einer Menge Englisch sprechender Touristen verschwunden, die von der Rückseite her die Burg erklommen.
Später, am frühen Abend vor den Eingang des Instituts, bemühte ich mich, mit einer Yorma’s-Serviette den Lebkuchenkadaver zu entfernen, der noch in den Speichen des linken Rads meines Rollkoffers eingeklemmt war. Dabei fiel mir die Murmel aus der Tasche und rollte eilig davon, ich fing sie ein, ehe sie zwischen den Rippen eines Gullideckels zu verschwinden drohte. Man kann ja nie wissen, dachte ich, und schob die Murmel in meine Hosentasche zurück.
to be continued…


Schreibe den ersten Kommentar