Sookee und der Sexismus

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Foto: www.springstoff.de

Sookee ist die Quing of Berlin und macht HipHop auch für Menschen mit Gender Studies hörbar. Beim #aufschrei-Talk des Missy Magazines am 20. Mai im Hebbel am Ufer wird sie mit anderen Feministinnen diskutieren – ihre Anliegen hat sie uns schon mal verraten.

Sookee, wie hast du #aufschrei als queere Rapperin erlebt? Wo bist du zuerst darauf gestoßen?
Sookee: Ich bin etwas twitterfaul. Deswegen hab ich es nicht über Twitter mitbekommen, sondern über die einschlägigen Medien und über meine Facebookseite. Außerdem gab es schon andere Formate im Netz, wo Leute ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, Übergriffen und Sexismus dokumentieren konnten, deswegen kannte ich die Möglichkeit schon. Aber das war dann so eine kurzformatige Sache. Wenn Leute Twitter nutzen, dann überlegen sie sich meist ganz genau, was sie schreiben. Man hat halt nur diese 140 Zeichen. Zack. Und dann klatscht es.

Da war dieses Verbundenheitsgefühl, diese Erinnerung daran: Ah ja, deswegen machen wir Feminismus. Es war ein emotionaler Multiplikationseffekt.

Wenn sich das dann so versammelt, stapelt, so eine Dimension aufzeigt, … mich hat das ziemlich beeindruckt. Gerade auch diese Vielfalt. Wenn du versuchst, Leuten zu erklären, was Alltagssexismus denn heißt und wie er sich äußert, kommen immer so Allgemeinplätze: blöde Anmache, dumme Sprüche, Hände da wo sie nicht hingehören. Diese konkrete Füllung zu lesen, und das auch mit eigenen Erfahrungen abzugleichen, zu sagen: Alter, genau … Es hat mich auf jeden Fall in vielen Punkten sehr stark an meine Biografie erinnert. Da war dieses Verbundenheitsgefühl, diese Erinnerung daran: Ah ja, deswegen machen wir Feminismus. Es war ein emotionaler Multiplikationseffekt.

Das war zwischendurch auch ganz schön hart, wenn man das so gelesen hat …
Sookee: Ich bin eigentlich total das Sensibelchen und kann Sachen schwer aushalten, aber auf der anderen Seite befasse ich mich viel mit Internetpornografie, und ich komme aus dem HipHop. Deswegen kann ich so krasse Beispiele ganz gut wegstecken. Vor allem, wenn ich es schaffe, sie diskursiv in etwas einzubetten. Da geht es jetzt nicht um die einzelnen Leute, da geht es ums Große, um Machtverhältnisse, dann kann ich das ertragen.

Hat dir etwas gefehlt bei #aufschrei? Es kamen schnell Vorwürfe auf, es sei zu heteronormativ gewesen.
Sookee: Das ist eine ganz schwierige Thematik. Das ist so ein bisschen die Entscheidung zwischen Tiefe und Breite. Du musst halt versuchen, eine Diagonale anzulegen. Das eine Ende des Spektrums sind superverkürzte, springerkompatible „Das ist jetzt aber doof“-Haltungen, die keine Analyse anbieten oder Strukturen auzeigen. Das andere Extrem ist eine superdifferenzierte, nahezu allumfassende Kritik an allem Möglichen. Ich finde, manchmal ist es strategisch notwendig, sich auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren und von dort aus dann auszuzweigen.

Genau das wollt ihr beim #aufschrei-Talk von Missy mit Frauen wie Angela McRobbie und Anne Wizorek machen: die Diskussion fortführen und vielfältige Strategien gegen Sexismus aufzeigen. Was erwartest du dir von dieser Veranstaltung?
Sookee: Ich habe total Lust, über Formen von Kommunikation zu sprechen. Ich werde da sein, um meine Perspektive der #onebillionrising-Geschichte zu erzählen, für die ich einen Song gemacht habe. Ohne da jetzt groß in die Organisation involviert gewesen zu sein. Zum anderen werde ich da sein, um darüber zu sprechen, wie ich Musik als kulturelles Medium nutze, um Sexismus und Heteronormativität zu thematisieren. Ich werde auch aus meiner pädagogischen Erfahrung berichten, mit Jugendlichen, die definitiv noch nie etwas von beispielsweise Intersektionalität gehört haben, weil sie einfach noch zu jung sind, um sich in bestimmten politischen Kreisen zu bewegen, zu studieren, die vielleicht auch niemals studieren werden. Und weil ihre Lebensrealität nun mal andere Dinge hergibt, als antirassistische, feministische Blogs zu lesen. Ich werd davon erzählen, wie meine Kommunikation mit diesen Leuten aussieht.

Hinsichtlich #onebillionrising – was ist deine Meinung zu solch breiten- und medienwirksamen Aktionen? Wie wichtig sind sie, und für wie wirksam hältst du sie?
Sookee: Ich habe keine Patentrezepte. Aber ich finde es grundsätzlich immer schön, wenn es punktuell für Leute die Möglichkeit gibt, einzusteigen. Deswegen habe ich auch den ersten Slutwalk mitorganisiert, 2011, weil ich es wichtig finde, kollektive Begriffe und Erfahrungen zu schaffen, die Leuten eine Sprache geben, irgendeine Referenz schaffen, um von da aus weiter zu denken, weiter zu lernen und aktiv zu sein. Natürlich passieren da auch ganz viele Fehler. Das ist, wie wenn ich Gäste einlade und koche und es schmeckt halt nicht allen, aber wir sind wenigstens satt, und die anderen können sagen: Da musst du aber noch mal Salz dran machen. Ich stehe zu meiner Fehlerfreundlichkeit. Auch bei #onebillionrising: Das Tanzen war überhaupt nicht meins, aber ich habe halt einen Haufen kleiner Frauen getroffen, die 5, 6, 7, 8, 9 Jahre alt waren und die da ein Erlebnis hatten, von dem ich mir wünsche, dass es ein Impuls war.

Ich finde es wichtig, kollektive Begriffe und Erfahrungen zu schaffen, die Leuten eine Sprache geben, irgendeine Referenz schaffen, um von da aus weiter zu denken, weiter zu lernen und aktiv zu sein.

Gerade den Aspekt des „Gemeinsam weiter Lernens“ finde ich sehr wichtig. Das hat man auch bei Aufschrei gemerkt: Es gab wahnsinnig viele Diskussionen in meinem Bekanntenkreis, die uns gemeinsam weiter gebracht haben. Mit Leuten, mit denen Sexismus vorher nie ein Thema war.
Sookee: Es liefert halt eine Sprache. Das macht Diskursivität aus. Dass Dinge, die gefühlt eine Relevanz haben, irgendwie existieren, über eine Versprachlichung zu einem richtigen Thema werden und Leute sich aus der Sprachlosigkeit herausbegeben können. Und sagen können: Das ist übrigens mein #aufschrei, auch wenn sexualisierte Gewalt als Begriff irgendwie zu groß wäre, eine Anmache aber zu klein wäre als Benennung.

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Wie empfindlich müssen und wie empfindlich dürfen wir sein gegenüber Sexismen im Alltag?
Sookee: Also das hängt von der Tagesform ab. Es gibt Tage, an denen ich sagen kann: Schatzi, ach ganz ehrlich, gähn. Und es gibt Tage, an denen ich da sitze und denke waaaaaaarg und nichts sagen kann und manchmal sage ich: Dummer Wichser, verpiss dich, ich sehe nicht so aus, aber ich geb dir gleich eine. Das ist total unterschiedlich. Ich finde, das Wichtigste ist, sich selbst nicht zu überfordern und sich selbst nicht in Zwänge zu packen: Jetzt müsste ich reagieren, scheiße, jetzt hab ich nicht reagiert, und jetzt ärgere ich mich und hätte ich doch was gesagt. Weil dann bist du doppelt gefrustet. Dass da überhaupt ein Reaktionszwang mit drin ist, finde ich überhaupt das größte Problem. Du erwartest von dir selber stark zu sein und zu reagieren. Es ist wichtig, sich selbst gegenüber solidarisch zu sein – aber auch zu gucken, wieviele Kapazitäten wir freiräumen können, um uns gegenseitig zu unterstützen.

Ein Argument, das bezüglich #aufschrei öfter auftauchte, war, dass Frauen sich damit freiwillig in eine Opferrolle begeben würden. Ich sehe das nicht so, weil es für viele eine Befreiung und Ermächtigung war, Dinge auszusprechen. Wie siehst du das?
Sookee: Es ist sehr schwierig. Aber, na klar, wir sind Betroffene. Und ein anderer Begriff dafür ist halt Opfer. Nur wirkt Opfersein immer so passiv. Manchmal bin ich aber tatsächlich ein Opfer von etwas. Und manchmal kann ich das ein bisschen empowern, indem ich mich als Betroffene bezeichne. Und manchmal kann ich daraus auch unglaublich viel Kraft schöpfen.

Jede Demo ist ein Ventil, jedes Gespräch ist ein Ventil, jeder Tagtraum ist ein Ventil, jeder Blogpost … das können alles Ventile sein. Deshalb will ich gar nicht erklären müssen, ob ich mich jetzt zum Opfer mache oder nicht.

Ich hatte gerade eine Anfrage von einer großen Wochenzeitung, die wollten mit einem bekannten Rapper und mir ein Streitgespräch initiieren: Der hat erst zugesagt und dann wieder abgesagt. Seine Begründung: Er möchte mir keine Credibility darüber geben, dass er sich mit mir auf ein Gespräch einlässt. Ich saß im Zug, und dachte so: Du dummer dummer Mensch, was fällt dir ein, was interessiert mich deine scheiß Credibility, ich brauch überhaupt keine Credibilitiy! Ich war so sauer, und dann habe ich angefangen zu schreiben – und es ist ein voll geiler Text dabei herausgekommen, den ich gestern aufgenommen habe.

Du hast halt auch dein Ventil gefunden.
Sookee: Aber Aufschrei ist auch ein Ventil. Jede Demo ist ein Ventil, jedes Gespräch ist ein Ventil, jeder Tagtraum ist ein Ventil, jeder Blogpost … das können alles Ventile sein. Deshalb will ich gar nicht erklären müssen, ob ich mich jetzt zum Opfer mache oder nicht. Ja, manchmal schon, manchmal nicht. Manchmal ist es eine hochgradig politische Angelegenheit. Es ist sehr unterschiedlich, für wen muss ich mich denn da festlegen?

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MISS NO MISSY: „There is more to sexism than meets the eye“
Diskussionsabend mit Angela McRobbie (Kulturtheoretikerin, Goldsmiths University London), Anne Wizorek (Initiatorin #Aufschrei), Sookee, Nana Adusei-Poku (Theoretikerin der Visual Culture & Postcolonial Studies), Jasmin Mittag (Gründerin „Wer braucht Feminismus?“) und Margarita Tsomou (Missy Magazine-Herausgeberin) und Konzert von Zucker! / Hebbel am Ufer 2, Hallesches Ufer 32 / 10963 Berlin / 20. Mai 2013, Einlass & Abendkasse: 19 Uhr,
Beginn: 20 Uhr / Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.
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Flâneurin Ninia LaGrande hat bereits mit Jasmin Mittag, der Gründerin von „Wer braucht Feminismus?“ gesprochen.

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Kathrin Kaufmann Verfasst von:

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