Was von der Schulfreundschaft übrig bleibt…

Foto: Ninia BiniasVor einigen Tagen rief mich meine beste Freundin an, um mich zu fragen, ob ich nächstes Jahr ihre Trauzeugin sein möchte. Das möchte ich natürlich. Und ich erwischte mich bei dem Gedanken „Jetzt ist es also so weit!“. Jetzt ist es also so weit. Wir sind gemeinsam alt geworden. Zumindest alt genug, um realistisch darüber zu sprechen, wann wir wen heiraten wollen und ob und wie viele Kinder wir haben. Wir kennen uns seit der fünften Klasse. Wir sind ein gutes Beispiel dafür, dass der Schulabschluss und, in unserem Fall, das anschließende Studium keine Gründe dafür sein müssen, dass man sich aus den Augen verliert. Trotzdem habe ich in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, wie das denn eigentlich war, damals. Und was jetzt, zehn Jahre nach unserem Abitur, aus unseren Freundschaften geworden ist.

Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die sich Großstadt nennen darf, aber in Wirklichkeit keine ist. Sie war zumindest so viel Großstadt, dass wir alle in verschiedenen Vierteln wohnten und es zu Teenie-Zeiten einer Weltreise glich, wenn ich von meinem Viertel mit Straßenbahn und Bus fast eine Stunde benötigte, um die Freundin zu besuchen. Wir gingen auf eines der Innenstadtgymnasien und mit der Zeit fanden wir uns sechst oder siebt zusammen und waren wohl das, was man in der Bravo eine Clique nannte. Und als der Sommer des Abiturs so plötzlich vorbei war, wie er gekommen war, war da etwas, was wir vorher nicht kannten. Wir wohnten plötzlich nicht mehr daheim. Wir brauchten plötzlich deutlich mehr als eine einstündige Reise mit dem Bus, um den anderen zu besuchen. Es war als wären wir Playmobilfiguren. Plötzlich in ein anderes Umfeld verfrachtet und jetzt erwartete man von uns, dass wir uns auch ohne einander zurecht finden.

Natürlich gibt es Telefone. Und natürlich gab es damals auch schon das Internet. Aber das war nicht das Gleiche. Diese Freunde, die jetzt alle in einer anderen Stadt wohnten, standen nicht mehr jeden Morgen im Raucherpavillon auf dem Schulhof. Diese Freunde konntest du beim Schulklingeln nicht mehr fragen, ob sie noch kurz das neue Konsolenspiel beim Media Markt ausprobieren wollen. Diese Freunde saßen jetzt genau wie du in einer eigenen Wohnung in einer fremden Stadt und versuchten neue Freunde zu finden.

Wie viel ist übrig geblieben, nachdem wir vor zehn Jahren in alle Windrichtungen davon zogen? Aus der Heimatstadt, die uns so geprägt hatte, wechselten wir in völlig unterschiedliche Städte. Von der kleinen, heimeligen Studentenstadt bis zur bunten, lauten Weltstadt war alles dabei. Wir versprachen uns für immer und ewig befreundet zu sein und uns immer zu besuchen. Und plötzlich war das erste Jahr vergangen und dann ein zweites und wir hatten neue Freunde gefunden. Freunde, die wir uns ausgesucht hatten, weil wir nicht mehr zusammengewürfelt in einer Schulklasse saßen und einfach den Sitznachbarn zum besten Freund ernannten.

Bei uns hat es funktioniert. Zumindest ein bisschen. Wir haben immer noch alle Kontakt. Manche mehr, mache weniger. Ich fiebere über hunderte Kilometer Entfernung mit, wenn der beste Freund von früher plötzlich selbst ein Baby bekommt. Und verdrücke heimlich ein paar Tränchen, wenn die beste Freundin von ihrem Heiratsantrag berichtet.

Die ersten zehn Jahre haben wir also geschafft. Und wenn eine Freundschaft, die in der Schule entstand ist, so viel Entfernung und neue Erfahrungen aushält, dann geht sie auch die nächsten zehn Jahre nicht kaputt. Die sollen mal ruhig alle in ihren Städten wohnen bleiben. So kann ich sie immer besuchen und gleichzeitig noch mehr Fremdstadtflair schnuppern.

Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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