Nahebare Nachbarschaft

Großstadt. Dieser sagenumwobene Ort, in dessen anonymem Untermiets- und WG-Wirrwar sich lauter Egozentriker verstecken, denen das Wort Nachbarschaftshilfe nur über die Lippen kommt, wenn es darum geht die freiwerdende Wohnung im Stock drüber – mit Balkon und Stuck an der Decke! – abzugreifen. Anders ist es im beschaulichen Dorf, man kennt und grüßt sich, redet miteinander und übereinander, ja, man zeigt eben Interesse am Leben der Anderen. Sie brauchen ein Ei? Ach, nehmen sie doch gleich eine ganze Packung und grüßen sie die Familie recht schön. So das Vorurteil.

Doch neben Klischee-Kabbeleien sind in der Großstadt verschiedenste Wege der nachbarschaftlichen Hilfe und Zusammenkunft entstanden. Besonders schön läuft es bei Ninia ab, die im Ihme-Zentrum in der Hannover Innenstadt sesshaft geworden ist: „Als ich mit Mann in die jetzige Wohnung in Hannover gezogen bin, wurden wir sehr herzlich begrüßt. Ich war komplett überfordert damit. In meinem alten Haus wohnten über einhundert Parteien, niemand kannte irgendwen und man hat auch außer einem geflüsterten „Hallo“ nicht miteinander gesprochen. Das ist jetzt anders. Man kümmert sich. Nicht zu aufdringlich, aber schön. Das Beste ist unsere Kellerparty. Da treffen sich alle im Keller, trinken Eierlikörchen und grillen miteinander. Die Leute, die schon ewig hier wohnen, erzählen Geschichten und alles ist sehr nett. Das mag ich. Es wäre ein Grund, hier nie wieder wegzuziehen.“

Neben der klassischen Offline-Hilfe wird auch das Internet immer häufiger zum Austausch genutzt. Freunde von Katharina wohnen in der Karl-Marx-Straße in Berlin und haben eine eigene Whatsapp-Gruppe gegründet, über die sie alles Mögliche ansprechen, verleihen und tauschen. Sozusagen das digitale Pendant zur Kiste im Treppenhaus oder dem Fensterbrett, auf dem alte CDs oder das 5kg-Paket trockenes Katzenfutter weggegeben werden, weil es der Katze aus dem dritten Stock nicht schmeckt.

Bei mir im Kiez landete vor einiger Zeit ein Flyer, der alle Kiezler und Kiezlerinnen dazu einlud, sich auf einer Online-Nachbarschafts-Plattform anzumelden. Dort hat unser Kiez nun seine eigene Gruppe mit über 150 Mitgliedern und es wird getauscht und geplaudert. Nicht immer viel, aber vielleicht wird hier der Anfang gemacht um ein stärkeres Interesse für die direkte Nachbarschaft zu schaffen. Oft genug kommen Anfragen für Offline-Events zusammen. Wer kann beim Sommerfest helfen? Beim Ruderfest? Im Kiezverein? Hier wird ein Überblick geboten. Und gerade in einer Stadt wie Berlin, die überläuft an Aktionen und Möglichkeiten der Partizipation, ist dies etwas Gutes. Denn oft genug fällt die Alltagsfreundlichkeit aus dem Blickfeld. Veränderung? Ja, gerne! Aber bitte groß, riesig und weltbewegend. Das ändert sich, wenn ein Weg zum Mithören und Miterleben der Anderen geboten wird.

Denn egal ob Whatsapp oder Internetforum, viele der so entstehenden Kontakte führen zu einem Aufeinandertreffen im fassbaren Leben. Und selbst wenn es nur ein Lächeln ist, welches zusammen mit einer Leiter ausgetauscht wird, die man gestern Abend in der Gruppe angefragt hatte – es ist ein Schritt weg von der Nachbarschaft auf dem Papier hin zur Nachbarschaft im Kopf.

Foto: flickr.com – svenwerk, verwendet unter der CreativeCommons-Lizenz.

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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