Die Macht der Literatur #1

Bücher leben gefährlich. Manche mehr als andere. Einige sind in Flammen aufgegangen, andere konnten dem Feuer knapp entgehen. Viele wurden geschmuggelt oder unter dem Ladentisch als „Bückware“ heimlich verkauft. Was macht das Buch so begehrt und wie sieht seine Zukunft aus? Diese Artikelreihe möchte es herausfinden und einen Blick auf die Akteure und Plattformen der freien Literaturszene Berlins werfen.

Bücherbeschaffung: Das Antiquariat Matthias Wagner im Friedrichshain bespielt sein Schaufenster immer thematisch zusammenhängend und läd zum Verweilen ein.
Bücherbeschaffung: Das Antiquariat Matthias Wagner im Friedrichshain bespielt sein Schaufenster immer thematisch zusammenhängend und lädt zum Verweilen ein.

Ob Prestigeobjekt, Sammlerstück oder Lebensbegleiter – die Facetten, die Bücher im Leben eines Menschen einnehmen können, sind vielseitig. Sie bringen einem Fernes näher und machen Vertrautes abstrakt. Sie irritieren, können ihren Leser dazu bringen, sie wütend in die Ecke zu schleudern oder ruhen als letzte Begegnung eines Tages neben dem eigenen Kopfkissen. Wenn sie richtig gut sind, hüten wir sie wir einen Schatz, den man nur an besondere Personen weitergibt, begeistert empfiehlt und wir sind beleidigt, wenn sie nicht auf das gewünschte Gehör stoßen. Kurz: Sie provozieren Momente höchst intensiver Gefühle. Oder wie der Meckerkönig der deutschen Literaturkritik im Literarischem Quartett Marcel Reich-Ranicki sagte: Ich nörgele über die meisten Bücher, die gelesen werden. Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln.

Sag mir was du liest und ich sag dir, wer du bist
Sag mir was du liest und ich sag dir, wer du bist. Was verrät dein Bücherregal über dich?

Nörgeln oder nicht – über Bücher und ihre Inhalte muss diskutiert werden. Sie fordern ihren Adressaten geradezu dazu heraus. Denn hier geht es um das, was dem Menschen sehr eigen ist: das Geschichtenerzählen. Egal welche Entwicklungen der Mensch noch durchmachen wird – dieser Sucht wird er nie widerstehen können. Das einzige was sich ändert, sind die Formate, in denen ein Text gelesen werden kann. Das Medium Buch hat sich jedoch einen entscheidenen Vorteil gesichert: Es ist ein Ereignis für die Sinne. Es verführt durch den Geruch von frischgedrucktem Papier, das haptische Erlebnis verschiedener Einbände, durch das Rascheln von Seiten, die durchgeblättert werden und das Sehvergnügen gestalterischer Kreativität. Es bleibt, was es ist: Ein kleines Kunstwerk, das jeder besitzen, tauschen, sammeln und wieder benutzen kann.

Kurze Kippenpause: Vor dem Alten Roten Löwen in Neukölln sammelt sich das Kabeljau&Dorsch Publikum. Foto: Manuel Schamberger
Kurze Kippenpause: Vor dem Alten Roten Löwen in Neukölln sammelt sich das Kabeljau & Dorsch Publikum. (Foto: Manuel Schamberger)

Doch wie sieht es mit den Inhalten aus? Wo treibt sich die junge Literaturszene Berlins rum, wer liest was, was liest wer? Eine Lesereihe, die in der Hauptstadt eigentlich keiner Vorstellung mehr bedarf, bei deren Veranstaltungen kein Stuhl leer bleibt, aber dennoch jeder einen Platz findet ist das Kabeljau & Dorsch. Auch bei der letzten Lesung im vergangenen Juli füllte sich der Alte Rote Löwe, eine Kneipe in Neukölln, mit vielen vertrauten Gesichtern, und einigen neugierigen Neuzugängen. Gelesen wurden fünf Texte aus den Bereichen Lyrik, Prosa und Drama, die von der Redaktion, bestehend aus den drei Gründern dieser Reihe, zuvor ausgewählt wurden. Die unterschiedlichen Stimmen der Autor*innen führten ihr Publikum unter anderem auf eine Reise von Frikadellen(alb)träumen aus der Schulzeit zum geteilten Korea, das ein im besten Schwizerdütsch inszenierter Kim-Jong Un wiedervereinigen möchte zu einer lyrischen Vermessung des Waldes und seiner Baumbestandteile.

Aaand Action: Bonn Park liest in verdächtig gutem Swizerdütsch und ist u.a. Autor im Henschel-Verlag. Foto: Manuel Schamberger
And Action: Bonn Park liest in verdächtig gutem Swizerdütsch und ist unter anderem Autor im Henschel Verlag. (Foto: Manuel Schamberger)

Die Texte werden dabei nicht inhaltlich kuratiert, vielmehr geht es darum, jungen Literaten und Literatinnen eine Platform zu geben, um noch Ungehörtes hörbar zu machen und zu diskutieren. Die Lieblingstexte des Abends können noch bis in den frühen Morgen besprochen werden, denn zuhören macht durstig und so werden diese Lesungen zu kleinen Universen, die einen die Zeit vergessen lassen. Unbedingt empfehlenswert, wenn man ein Gespür für die Atmosphäre der jungen Literaturszene in Berlin erhalten möchte und einfach mal wieder gute Texte hören will. Die aktuelle Ankündigung des Kabeljau & Dorsch einer E-Book-Release-Sause am 26. August 2016 macht neugierig: Wird hier das Buch neu erfunden? Auf jeden Fall entsteht etwas Neues. Wie jedes Mal, wenn Menschen zusammen kommen, um Geschichten miteinander zu teilen.

 

Die Türen schließen sich: Volle Sitzreihen bei der vergangenden Lesung im Juli. Foto: Manuel Schamberger
Die Türen schließen sich: Volle Sitzreihen bei der vergangenen Lesung im Juli wecken Erwartungen für die nächste Zusammenkunft. (Foto: Manuel Schamberger)

 

Titelbild: digitalcosmonaut „Bücher“, flickr creative common Lizenz

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Pia Gralki Verfasst von:

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