In der Privatsphäre liegt die Kraft

Am Bahnhof, vor dem Supermarkt, im Hauseingang gegenüber. Obdachlose gehören zu den alltäglichen Motiven der Großstadtbilder. 50 Cent hier, zwei Euro da, drei Brötchen vom Bäcker nebenan. Im Vorbeigehen hat der eine oder andere zumindest etwas Kleingeld für sie übrig. In Hamburg will eine Gruppe junger Menschen den Obdachlosen nun nachhaltig helfen: mit einer Wohnung.

 

Marlene Hartmann, Arne Mohr, Yannick Block und Björn Weirup suchen eine Wohnung in Hamburg. Sie sitzen in der geräumigen Küche einer Vierer-WG im Stadtteil Eimsbüttel. Marlene und Björn wohnen hier, ausziehen wollen sie nicht. Die Wohngemeinschaft ist Heim und Büro des gemeinnützigen Vereins, den sie gegründet haben: Ab in die Koje. Die Wohnung suchen sie für jemand anderes.

„,Niemand muss in Deutschland auf der Straße leben! Schon gar nicht in Hamburg.‘ Wie oft ich das schon gehört habe“, sagt Yannick. „Nur, es stimmt einfach nicht. Theoretisch hat zwar jeder das Recht auf eine Wohnung, aber was, wenn es nicht genügend angemessenen Wohnraum gibt?“ Und: Das Pik As, Deutschlands älteste Obdachlosenunterkunft, ist chronisch überfüllt, die Winternotunterkünfte sind seit April geschlossen. Etwa 2000 Obdachlose leben in der Hansestadt. Jetzt schlafen sie wieder in Parks, unter Brücken oder in den Eingängen von Kaufhäusern. Hinzu kommen 3500 bis 4000 Wohnungslose. Sie haben keinen festen Wohnsitz, aber zumindest eine Unterkunftsmöglichkeit. Die Dauer ihres Aufenthalts, beispielsweise in einem Übergangswohnheim, ist allerdings begrenzt. Offizielle Statistiken gibt es nicht.

Ab in die Koje möchte obdachlosen Menschen den Übergang in ein festes Mietverhältnis ermöglichen – dauerhaft und autonom. Der Verein fungiert dabei als Vermittler zwischen Vermieter und Mieter. Er übernimmt die Kosten, bis eine Vertrauensbasis geschaffen ist und der Mieter die Wohnung mithilfe der ihm von der Stadt zustehenden Sozialleistungen übernehmen kann.

Vereinsheim und Büro zugleich: Ab in die Koje tagt in der WG-Küche. (Foto: privat)
Vereinsheim und Büro zugleich: Ab in die Koje tagt in der WG-Küche. (Foto: privat)

Gegründet wurde Ab in die Koje vor etwas mehr als zwei Jahren. Die Idee dafür kam Björn, als er im Krankenhaus lag und im Straßenmagazin Hinz & Kunzt eine Geschichte über eine Familie las, die zu viert auf acht Quadratmetern untergebracht war. Nach dem Studium hatte er gerade angefangen, Geld zu verdienen. Davon wollte er etwas spenden. Aber wofür: Tierschutz, Klimaprojekte, notleidende Kinder in Afrika? „Ich habe angefangen, mich zu informieren. Und irgendwann dachte ich: Es ist so ein bisschen, wie in den Supermarkt zu gehen. Man gibt sein Geld hin und hat sonst nichts mit der Sache zu tun“, erzählt er. Doch Björn wollte mehr, sich selbst einbringen und anpacken. Da saß die Thematik quasi auf der Straße. „Wir sehen jeden Tag obdachlose Menschen. Obdachlosigkeit ist etwas, was sich hier direkt vor unseren Augen abspielt, worüber ich mich informieren kann.“

Und man weiß, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. „Ja klar, dieses diffuse Gefühl, dass Spenden irgendwo eins zu eins in der Verwaltung großer Organisationen versickern, kann man natürlich am besten vermeiden, indem man selber einen Verein ins Leben ruft“, sagt Yannick. Zudem wird durch das neue Angebot ein Mehrwert geschaffen. „Wir wollen ja niemandem Konkurrenz machen.“

Wenn 60 Menschen über einen langen Zeitraum jeweils 10 Euro im Monat spenden, lässt sich mit dem Geld eine Wohnung finanzieren. So der Plan. Die 600 Euro sollen für die Miete, die Nebenkosten sowie eine Hausrats- und eine Haftpflichtversicherung reichen. „Wir müssen den Vermietern ja auch eine gewisse Sicherheit bieten“, betont Arne.

Der Verein orientiert sich am Prinzip des Housing First. Dieser Ansatz hat seinen Ursprung im New York der frühen 90er und wird seit einigen Jahren auch in europäischen Ländern umgesetzt. „Der Obdachlose bekommt erst mal eine Wohnung, einen Rückzugsort, wo er sein Privatsphäre hat und einfach sein kann, wie er ist. Das ist die Voraussetzung dafür, dass er sich um sich selbst und um seine konkreten Probleme kümmern kann“, sagt Marlene.

Stephan Karrenbauer befürwortet dies. Er ist Sozialarbeiter bei Hinz & Kunzt. „Wir haben immer wieder Leute, die erst einmal ihre Ruhe brauchen, um Kraft schöpfen zu können, ohne täglich zum Amt rennen zu müssen. Da ist diese Wohnung ein super Angebot.“ Vor der Gründung des Vereins haben die Initiatoren neben einer ehemaligen Obdachlosen auch mehrere Sozialarbeiter und andere Fachleute, etwa vom Amt für Grundsicherung, um Rat gefragt und ihr Vorhaben mit ihnen diskutiert. „Wir sind ja alle keine Experten“, sagt Björn, „beruflich hat niemand mit der Sozialarbeit zu tun.“ Die Gründungsmitglieder, alle um die 30, arbeiten als Grafiker, Programmierer, Musiklehrer oder studieren noch. „Als Laie denkst du ja manchmal: Okay, ich hab’ da ‘ne Idee. Mach’ ich die Welt mal besser. Und eigentlich verschlimmbesserst du alles nur.“

Karrenbauer sieht das anders. Er war der erste, an den Björn sich gewandt hat. „Wir professionellen Sozialarbeiter gehen manchmal zu verkopft an die Dinge heran. Und dann erinnern wir uns vor allem an negative Erfahrungen, die wir gemacht haben“, sagt er. „Leute, die mit einer Idee zu mir kommen, gehen das Ganze einfach unvorbelastet an. Manchmal vielleicht auch etwas naiv, aber dafür positiver und mutiger.“ Deshalb solle man sie erst einmal machen lassen. Trotzdem hatte Karrenbauer wichtige Tipps für Ab in die Koje.

Ist jemand in eine Wohnung gezogen, wird er natürlich nicht sich selbst überlassen, sondern individuell von einem Sozialarbeiter betreut. „Wenn jemand fünf Jahre auf der Straße gelebt hat, kann diese neue Situation auch eine krasse Überforderung bedeuten. Das darf man definitiv nicht unterschätzen“, sagt Marlene. Zumal eine existenzielle Krise häufig mit physischen, psychischen und Suchtproblemen verbunden ist. Natürlich sei nicht jeder für ein solches Projekt geeignet, sagt Karrenbauer. Klar gebe es Leute, die Ärger machen können. Da müsse man eben konsequent sein und klare Regeln aufstellen. Statt eines normalen Untermietervertrages wird zunächst ein Nutzungsvertrag abgeschlossen. Alkohol- und Drogenkontrollen oder ähnliches soll es aber nicht geben. Das hätte nichts mit Selbstbestimmung zu tun, stellt Yannick klar. „Da halten wir uns raus. Wir wollen schließlich niemanden bevormunden.“

Schlafplatz mit Gestaltungsspielraum. (Foto: Sven Wiebeck)
Schlafplatz mit Gestaltungsspielraum. (Foto: Sven Wiebeck)

Seit einigen Monaten ist die Gemeinnützigkeit des Vereins anerkannt, durch etwa die Hälfte der nötigen Dauerspender und höhere Einmalspenden hat sich ein finanzieller Puffer für die Kaution angesammelt und eine Versicherungsgesellschaft hat sich zu dem Projekt bereiterklärt. Seit sechs Wochen sind die Vereinsmitglieder aktiv auf Wohnungssuche.

Die 600 Euro haben sie als Richtwert gesetzt. Da sie davon ausgehen, dass der Mieter Hartz IV bezieht, müssen sie allerdings die Richtlinien für die Kosten der Unterkunft beachten. Seit 1. März liegen die in Hamburg für eine Person bei höchstens 373,50 Euro Kaltmiete netto. „Was nicht so viel ist, für Hamburg erst recht nicht“, sagt Marlene. Zur Integration von Wohnungslosen darf der Höchstwert allerdings um bis zu 15 Prozent überschritten werden. Ebenso, wenn jemandem unmittelbar und nachweislich Wohnungs- oder Obdachlosigkeit droht. Dauert die Wohnungssuche länger als sechs Monate, können laut der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration sogar Kosten bis zu 30 Prozent über dem Höchstwert anerkannt werden. Und liegen in einem Stadtteil weniger als zehn Prozent Sozialwohnungen, wird zudem eine Überschreitung des Höchstwertes um bis zu zehn Prozent als angemessen erachtet.

„Mit der veranschlagten Summe hätten wir also noch einen Puffer“, sagt Björn. Wobei Ab in die Koje nicht zwangsläufig nur für eine Person nach einer Wohnung sucht. In den vergangenen Wochen haben sich bereits mehrere Obdachlose hilfesuchend an den Verein gewendet. „Dann war da noch jemand, der hat sich Sorgen um einen Freund gemacht“, erzählt Arne. Und eine Sozialarbeiterin hat sich gemeldet. „Sie betreut eine Frau, die ihre Wohnung räumen musste. Sie hat zwar einen Job, verdient aber nicht viel. Außerdem hat sie einen kleinen Sohn. Und einen Schufa-Eintrag. Erst einmal kommt sie bei einer Freundin unter.“ Doch was dann? „Es ist natürlich extrem doof, weil wir die Leute noch vertrösten müssen“, sagt Marlene. „Aber man sieht eben, wie groß die Not ist.“

Die konkrete Hilfe zur Selbsthilfe ist aber nicht das alleinige Ziel der Ab-in-die-Koje-Mitglieder. Sie wollen, dass die Menschen dem Bettler in der U-Bahn nicht einfach nur einen Euro in die Hand drücken, sondern sich auch fragen, warum er sie überhaupt um ihr Geld bittet. „Man tut zwar ab und zu 50 Cent in einen Pappbecher, weiß aber nicht, was die Obdachlosen beschäftigt. Wie deren Tage aussehen. Es ist wie eine fremde Welt in der eigenen“, sagt Marlene. „Doch wenn man sich die einzelnen Schicksale mal anguckt, die unterschiedlichsten Geschichten von den unterschiedlichsten Leuten, stellt man schnell fest: Die Straße ist näher, als man denkt.“

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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