Meine Stadt 2015 – ein Rückblick der Flâneure

Enrico & Berlin

Neu entdeckter Ort: Ich war zum ersten Mal in der Radarstation auf dem Teufelsberg. Schon spannend und fast schön. Leider eben mittlerweile kommerzialisiert und zugepfercht. Schade!

Lieblingsort: Ganz klar die Tischtennisplatte im Österreichpark nahe meiner WG. Dort habe ich im Sommer meine Tischtennis-Skills in zahlreichen Duellen mit meiner Mitbewohnerin geschärft. Im Hintergrund Weiden & Wasser, alles grün oder blau – schön!

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Die Zustände vor’m LaGeso sind und waren das Jahr über ein einziges Desaster. Wie man eine Behörde totsparen und unkoordiniert den Wert von Menschenleben abwägt, all das – und leider noch viel mehr – kann am LaGeSo beobachtet werden.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Es war dann doch ein recht schöner und harmonischer Sommer – immerhin. Ansonsten fällt mir echt nix ein, ich bin wirklich kein großer Berlin-Fan, will hier aber auch nicht weiter rummotzen. 😉

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Dass in Berlin Regierung gemacht wird, zieht die Stadt ganz schön runter. Ebenso wie unfreundliche Menschen im öffentlichen Leben – Unfreundlichkeit ist ungleich Berliner Schnauze, lernt das endlich!

Schönstes Fremdgehen 2015: Die Dänemark-Fahrradreise im Frühjahr war sehr, sehr fein. Das Meer, oh, das Meer!

Die Ostsee

Davon braucht Berlin 2016 mehr: Mehr gute Menschen, gutes(!) Craft-Bier & Gewissen.

Davon braucht Berlin 2016 weniger: Selbstzufriedene Politiker, selbstzufriedene Bäckereiangestellte (die meine Sorgen um ein gutes Stück Mohnkuchen nicht ernst nehmen) und Bürgeramtstermindealerei

Falk & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Die Außenmühle in Harburg. Die schöne, kluge Frau arbeitet seit Jahren in der Ecke, aber dieses Jahr habe ich es zum ersten Mal geschafft, diesen total unhanseatisch daherkommenden Teil der Hansestadt zu besuchen.

And on the sevent day, God created Man(chester): Falk geht fremd. (Foto: Falk Schreiber)
And on the seventh day, God created Man(chester): Falk geht fremd. (Foto: Falk Schreiber)

Lieblingsort: Immer noch: alle Orte, an denen man was vom Hafen mitbekommt.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Die Selbstgewissheit und Arroganz, mit der die Olympiabefürwörter Gegenargumente niederbügelten.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Für die ihr eigene Coolness.

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Für ihre Mischung aus Überheblichkeit und Minderwertigkeitskomplex.

Schönstes Fremdgehen 2015: Manchester. Ciutadella. Berlin. Wien. Frankfurt. Überhaupt jeder Urlaub.

Davon braucht Hamburg 2016 mehr: Sonne und gutes Benehmen.

Davon braucht Hamburg 2016 weniger: Pegida.

Michael & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Der Ohlsdorfer Friedhof – angeblich der größte Parkfriedhof der Welt – hat mich voll in seinen Bann gezogen. An einem frühherbstlichen Sonntag spazierten wir zwischen eindrucksvollen Mausoleen und schlichten Weltkriegsgräbern umher. Was morbid klingen mag, war wirklich ein wunderbarer Moment der Einkehr.

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Lieblingsort: Hier hat sich dieses Jahr nicht unglaublich viel getan. Wie jedes Jahr war ich am liebsten in der Sofabar, den üblichen Konzertclubs und mit dem Rad an der Alster unterwegs. Insgesamt habe ich aber 2015 viele intensive Momente in der ehemaligen Fabrik und heutigen kulturellen Schmelztiegel Kampnagel verbracht. Das Konzertangebot war hier dieses Jahr einfach superb – und die Vorschau aufs Frühjahr 2016 ist schon jetzt mehr als vielversprechend.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Die Debatte um Flüchtlinge und deren Unterbringung hat mir täglich neue Reaktionen abgerungen. Zwischen Gutmenschtum und Fremdenhass wurde hier aus allen Rohren gefeuert, eine produktive Auseinandersetzung: fast unmöglich. Das ist und war ein schmaler Grat, der beschritten werden musste. Besonders regte mich aber der Widerstand der Snobs in Harvestehude gegen eine Flüchtlingsunterkunft auf. Interviews mit alten Schnepfen in Pelzmänteln, die Dinge sagten wie: „Die fühlen sich doch bestimmt auch nicht wohl hier! Wo sollen sie denn einkaufen?!“ trieben mir perfide Gewaltfantasien in den Kopf.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Für das knappe, aber dennoch deutliche Nein zu Olympia. Es wirkte besonders deshalb so gut, weil niemand nach der Dauerwerbekampagne damit gerechnet hatte. Super!

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Für die gefühlt immer größer werdende Kluft zwischen den Menschen, die soziale Verrohung, das oft nur geheuchelt friedliche Miteinander. Besonders schlimm finde ich, dass sich die Stadtviertel durch Mietpreise immer mehr für ihr jeweils avisiertes Klientel abschotten. So entsteht niemals eine gesunde Mischung.

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Schönstes Fremdgehen 2015: Ich habe so viel gearbeitet dieses Jahr, dass ich keinen Städtetrip oder gar anderen Urlaub außer dem üblichen Abstecher nach Reykjavík fürs Iceland Airwaves gemacht habe. Es ist mir fast etwas peinlich. Ich muss wieder mehr rauskommen. Gut, dass im Februar bereits eine Reise nach New York ansteht.

Davon braucht Hamburg 2016 mehr: Geld an den richtigen Orten und für die wichtigen Projekte. Mehr Einsatz für ordentliche Fahrradwege fernab der Prestigestellen. Mehr Offenheit für andere Meinungen.

Davon braucht Hamburg 2016 weniger: Mietpreiswahnsinn. Prolltourismus. Musicals.

Ninia & Hannover

Ninia BiniasNeu entdeckter Ort: So groß ist Hannover nicht, dass man da ständig neue Orte entdecken könnte. Aber genau das mag ich an dieser Stadt. Dafür habe ich andere Orte in diesem Jahr neu entdeckt. Amsterdam, Kroatien, Augsburg…

Lieblingsort: Das Ihmezentrum. Immer noch. (Da läuft übrigens gerade eine Crowdfunding-Kampagne.) Außerdem mag ich das neue „Der Nachbarin Café“ in der Warenannahme von Faust. Klein, gemütlich und mit gutem Bio-Bier und -Wein. Was bleibt: die Limmerstraße. Im Sommer immer noch der beste Ort. Wo ich am meisten war: im TaK.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Natürlich war auch hier die „Flüchtlingsdebatte“ immer präsent. Leider auch in diversen Facebook-Diskussionen unter den Meldungen der Tageszeitung. Ansonsten versucht Hannover gerade die Stadt umzubauen, beziehungsweise vollzubauen und gaukelt vor, dass die Bürgerinnen und Bürger mitbestimmen dürfen („Hannover 2030“). Statt Einwände ernst zu nehmen, werden den Hannover_innen auch noch die letzten Plätze in der Innenstadt genommen, bei denen man durchatmen kann. Natürlich, um schnieke Bürotürme draufzustellen. Außerdem diskutiert die ganze Stadt immer noch über die Zukunft des Ihmezentrums. In diesem Jahr hat ein neuer Investor den Brutalismus-Klotz übernommen. Passiert ist aber immer noch nichts.

Limmerstraße
Limmerstraße

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Sommer. Festivals. Kleines, selbstorganisiertes Kulturgedöns. Und dafür, dass die Begeisterung für Poetry Slam immer noch wächst.

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Nazis, besorgte Bürger_innen, Weihnachtsmärkte, Bahnhofstrubel, Nicht-Durchgehen in der U-Bahn.

Schönstes Fremdgehen 2015: Ljubljana. Definitiv.

Davon braucht Hannover 2016 mehr: Kultur. Und Geld für Kultur. Frauen auf Bühnen. Engagement. Liebe.

Davon braucht Hannover 2016 weniger: Nazis, besorgte Bürger_innen, Weihnachtsmärkte, Bebauungspläne, Bieterrunden bei Wohnungen.

Katharina & Berlin

Neu entdeckter Ort: Ein geheimer See im Norden Berlins. Nach langer Autofahrt und einem kurzen Fußmarsch finden sich hier ein zauberhafter Sandstrand, wundervoll klares Wasser und nur wenige Menschen. Und damit er lange ein Geheimtipp bleibt, müsst ihr wohl selbst auf die Suche gehen!

See Berlin

Lieblingsort: Überall, wo es gutes Essen gibt.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Da muss ich Enrico zustimmen. Das LaGeso war auch mein erster Gedanke. Leider.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Für den langen Sommer, der nicht enden wollte, für die inspirierenden Menschen, für neue Chancen, für die Kunst, für Offenheit und Neugier.

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Gewalt im Kiez, Unfreundlichkeit und Touristen mit Selfie-Sticks.

Schönstes Fremdgehen 2015: Rom, Nizza, Barcelona, Wien, Kopenhagen. Ich kann mich gar nicht so recht entscheiden. Alle schön, nur Barcelona war mir zu touristenüberfüllt.

Nizza

Davon braucht Berlin 2016 mehr: Freundlichkeit und Mülleimer.

Davon braucht Berlin 2016 weniger: Selfie-Sticks.

Kathrin & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Die Nebenarme der Alster auf einem Schlauchboot und das Café Canale, wo man sich einen Kaffee direkt ins Boot servieren lassen kann. Wobei wir leider nach 1 1/2 Stunden paddeln feststellen mussten, dass das Café an diesem Tag geschlossen hatte …

Lieblingsort: Kampnagel, Kitty und Koralle waren alle drei Garanten für schöne Abende mit hervorragender Musik, ob nun live oder vom Plattenteller. Ansonsten habe ich dieses Jahr so oft wie noch nie zuvor die Alster umrundet.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Beinah hätte Hamburg es geschafft, ein Vorbild für Willkommenskultur für Flüchtlinge zu werden. Bis kurz vor Jahresende ein paar „besorgte“ Anwohner einen Belegungsstop für Container am Standort am Fiersbarg (Lehmsal-Mellingstedt) erwirkt haben und somit 250 Flüchtlingen ein Weihnachtsfest in nicht winterfesten Zelten beschert haben.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Für die unzähligen freiwilligen Helfer, die sich für die Flüchtlinge eingesetzt haben. Für die vielen Open Airs und interessanten Veranstaltungen. Für die lebendige und im Vergleich zu Berlin unprätentiöse Start-up-Szene. Dafür, dass Hamburg ein Dorf ist

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Dafür, dass Hamburg ein Dorf ist. Aber im Ernst: Hass ist so ein starkes Wort. Dafür hat es 2015 nicht gereicht. Aber ich bin mir sicher, es war nicht deine letzte Chance, es zu vermasseln, liebste Stadt.

Schönstes Fremdgehen 2015: Das war in Sachen Stadt wohl Barcelona. Trotz der vielen Touristen immer noch einen Besuch wert – vor allem, wenn man im Frühjahr schon mal ordentlich Sonne und Cava tanken will.

Barcelona

Davon braucht Hamburg 2016 mehr: Sonne. Es fehlt doch hier immer an Sonne.

Davon braucht Hamburg 2016 weniger: Büroneubauten, Musicaltheater und Großereignisse.

Marcel & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Der Hammer Park. Den habe ich eigentlich schon im letzten Jahr für mich entdeckt, aber er ist so verwunschen und toll, dass man immer wieder auf neue Ecken stößt. Mittlerweile bin ich sogar zu ihm gezogen.

Binnenalster Hamburg
Lieblingsort: Bett.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Was Michael sagt.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Für das „Nein“ zu den Olympischen Spielen 2024. Habe bis zuletzt nicht daran geglaubt. Schöner als jede Goldmedaille.

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Dafür, dass sie so erpicht darauf ist, hübsch auszusehen. Ich find die rauen Ecken immer viel schöner.

Schönstes Fremdgehen 2015: Ich hab’s dieses Jahr nicht sehr weit geschafft: Köln, Berlin, Büsum. Am schönsten war es aber dann doch immer zu Hause.

Davon braucht Hamburg 2016 mehr: Schöne Bars östlich der Alster.

Davon braucht Hamburg 2016 weniger: Junggesellenabschiede. Oder noch besser: Hochzeiten generell.

Lisa & Paris

Neu entdeckter Ort: Im Grunde war ganz Paris ein neu entdeckter Ort für mich. All der Tourikram, die protzigen Ateliers, die hippen Viertel, die Einwandererquartiere, die armen sowie kleinstädtischen Banlieus – eben die ganze Stadt.

Lieblingsort: Das obere Ende vom Parc de Belleville. Der Park ist hässlich und klein, aber von dort oben kann man die ganze Stadt sehen. Die Sonne geht neben dem Eiffelturm unter, die Lichter blinken, die Sirenen heulen. Und im Sommer setzt man sich mit viel Wein auf die Säulen und sinniert über die Pariser Nacht.

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Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Ich schwanke zwischen dem Klimagipfel COP21 und der Flüchtlingsdebatte. Paris war Ende des Jahres vollgepflastert mit Postern, die gegen den stattfindenden Klimagipfel im Vorort Le Bourget hetzten. Der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar und die grausamen Attentate vom 13. November haben leider auch LePen und ihrer Front Nationale 2015 reichlich Aufwind gegeben.

Dafür liebte ich meine Stadt 2015: Dafür, dass die Pariser nach den Attentaten nicht ihr joie de vivre verloren, sondern sofort Ruhe und Kraft verbreitet haben.

Dafür hasste ich meine Stadt 2015: Dafür kann Paris zwar nichts und hassen ist ein starkes Wort. Aber ich würde wohl sagen, ich hasste meine Stadt dafür, Ziel des IS und der Horroranschläge gewesen zu sein.

Schönstes Fremdgehen 2015: Ich bin 2015 Neukölln mit dem ebenso fantastischen Belleville fremd gegangen: Orts- und Heimatswechsel.

Davon braucht Paris 2016 mehr: Längere Öffnungszeiten von jeglichen Bars und Restaurants. Sogar am Wochenende ist um 2 Uhr Schicht im Schacht und die Stadt danach wie ausgestorben. Ein gutes französisches Bier würde ich auch begrüßen. Und mehr Wohnraum.

Davon braucht Paris 2016 weniger: Terror.

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