Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Nachdem das crowdgefundete immersive Theaterstück à la Twin Peaks im Sommer mein masochistisches Grenzerfahrungs-Gemüt leider nicht zu befriedigen wusste, ging sofort das Sabbern los als ich erfuhr, dass die Mutter des immersiven Theaters, das dänische Künstler-Kollektiv SIGNA, eine neue Performance in einer alten Gewerbeschule in Hamburg auf die Beine stellte.

Zum Glück waren die Karten schnell gekauft, denn die Popularität, Intensität und Originalität der Kombo aus Signa und Arthur Köstler hat sich herumgesprochen und neugierig gemacht. Im Nu waren die Karten weg.

Vergangenen Montag war es also soweit. Mit „Söhne & Söhne“ konnte ich die frisch verheilten Wunden des „Schwarze Augen Maria“-Traumas wieder aufreißen. Fast 2 Jahre ist es her, dass ich dem offenen Tag der Tür im Haus Lebensbaum einen Besuch abstattete, den Kindern in ihre schwarzen Augen sah und mit den Eltern darüber sprach, was an jenem Abend passierte als die schwangeren Mütter in einen Massenunfall verwickelt waren und kurz darauf die schwarzäugigen Kinder gebaren.

Um Punkt 18 Uhr öffneten sich die Türen zu “Söhne & Söhne”. Im Nu wurde ich hineingesogen, vergaß wo ich herkam und auch beinahe das, was ich beim letzten Mal eigentlich gelernt hatte: Für immersives Theater kann es keine Erwartungen geben, sondern nur die Frage: Wie sehr lasse ich mich darauf ein?

Auf geht es in die dunkle Stube. (Foto: Janine Freudenberg)
Auf geht es in die dunkle Stube. (Foto: Janine Freudenberg)

Doch diesmal fühlte ich mich gewappnet. Und wurde direkt im Versammlungssaal, der ersten Station des Abends, böse überrascht: Statt den sich an der Seite aufhaltenden Beobachter zu spielen, nahm das Publikum als personelle Neueinstellungen der Firma in „Söhne & Söhne“ die Hauptrolle ein! Keine stille Randerscheinung, noch weniger ein Entkommen, sondern mitmachen die einzige Möglichkeit – ohne viel nachzudenken!

Im Verlauf des Abends, in dem man als Neuangestellter mit Klemmbrett und einem genauen Ablaufplan durch alle möglichen Abteilungen geschickt wurde, merkte ich, dass nicht viel nachdenken genau das war, was hier beabsichtigt wurde: Sobald man eine Minute etwas ratlos herumstand, eilte ein Herr oder eine Dame in grauem Anzug auf einen zu und fragte wohin man müsse. Sobald man sich mit einem anderen Besucher austauschte, zischte jemand: “Was wird hier getuschelt? Haben Sie nicht irgendwo zu sein?”

In den 6 Stunden, die das „Stück“ von Anfang bis Ende ging, wurde man gleichzeitig bewusst und unbewusst mit den drei sensibelsten Themen des Lebens konfrontiert: Kindheit, Liebe und Tod. So fand ich mich in der Abteilung für romantische Angelegenheiten eng umarmt mit einem anderen Besucher in einer Abstellkammer wieder, die mit Hochzeitskleidern gefüllt war. Auf der Krankenstation mussten wir simulieren, als hätten wir gerade erfahren dass wir bald sterben werden, und in der Abteilung für Kindheitsangelegenheiten sollten wir, nachdem wir Hand in Hand Kinderlieder sangen, mit einem Plastiktelefon unsere Mutter anrufen und ihr etwas sagen, was wir ihr schon immer sagen wollten. Je überraschender die Fragen waren und je schneller die Antworten kommen mussten, stellte man fest, dass es genau die Sachen sind, die unterbewusst in unserer Seele brodelten und dass “Söhne & Söhne” kein erster Arbeitstag in einem imaginären Unternehmen war, sondern der direkte Trip in unser Innerstes. Mit Gefühlen wurde bei “Söhne & Söhne” nur oberflächlich umgegangen. In der Freizeitabteilung verstand man demnach keinen Spaß und statt der gewöhnlichen Reise nach Jerusalem übten wir eine Runde Trockenschwimmen und erfuhren, dass auch Freizeit Arbeit bedeutet. Das sollte Generation Y kennen.

Erst beim Oikonomos, dem Kopf des Unternehmens, bei dem sich im Laufe des Abends alle einmal vorstellen mussten, wurde einmal entschleunigt. Auf dem Tisch sitzend, war es Signa Köstler persönlich, die jedem Zuschauer einmal tief in die Augen blickte und ein derartig ergreifend ehrliches “Ich liebe Sie” aussprach, dass einem die Gänsehaut überkam. Ob es an dem Cognac lag, mit dem kurz zuvor angestoßen wurde oder an dem Fakt, dass man nach all den Stationen nicht mehr in seinen Wunden bohren musste, sondern etwas hörte, wonach sich jeder Mensch sehnt, sei dahin gestellt. Sicher ist, dass mit “Söhne & Söhne” mal wieder Grenzerfahrung geübt wurde und das meiste, was ich lernte, über mich selbst war.

Share Button
Janine Freudenberg Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.