Was ich an Kunst liebe, was ich an Kunst hasse

Sean Landers: Genius (2001) Abb.: Courtesy of the artist and Petzel, New York
Sean Landers: Genius (2001) Abb.: Courtesy of the artist and Petzel, New York

Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ in den Hamburger Deichtorhallen ist spektakulär, natürlich ist sie spektakulär. Rund 200 Exponate, kein einziges vom Jahrhundertkünstler Picasso, aber 200 Kunstwerke, die sich auf Picasso beziehen, Malerei natürlich, Fotografie, Video, Skulptur, sogar Aktionskunst, hauptsächlich westliche Kunst, aber auch einzelne Arbeiten aus Afrika und Asien, Kunst von 1914 bis heute. Faszinierend: Wie ein Künstler sich so nachdrücklich in die Kunstwelt einschreiben konnte, wie „Guernica“, wie „La Tête“ bei ganz unterschiedlichen Künstlern wieder auftauchen, als Zitat, als ironische Brechung, als Dekonstruktion, als Kritik. Es ist spektakulär, wie Kurator Dirk Luckow hier über sich hinausgewachsen ist, wie er die Grenzen seiner Profession überschritten hat, wie er Kunst und Gesellschaft und Gattungen und Epochen neu dachte und umwarf und wieder neu dachte. Und, meine Güte!, was es für eine Arbeit gewesen sein musste, diese ganzen hochrangigen Werke nach Hamburg zu holen! Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ist spektakulär.

Noch ohne Kunst: die nördliche Deichtorhalle. (Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg)
Noch ohne Kunst: die nördliche Deichtorhalle. (Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg)

Aber doch ist „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ heute abend nur zweitrangig, nur ein Nebenschauplatz neben dem Hauptgrund, weswegen ich mich trotz Orkans durch die Hamburger Innenstadt quäle. Der Hauptgrund sind nämlich die Deichtorhallen selbst, jene ehemaligen Markthallen im Niemandsland zwischen Hauptbahnhof und HafenCity, die vor 25 Jahren zur Kunsthalle umgewidmet wurden und zuletzt im Dornröschenschlaf versanken, seit die Haupthalle 2013 wegen einer dringenden Renovierung geschlossen wurde. Diese Halle war schon zuvor einer meiner liebsten Kunstorte, weil sie den Charme eines zwischen 1911 und 1913 gebauten Industrieraumes nicht verleugnete und trotzdem eine gewisse Flexibilität für die Kunstpräsentation zeigte (und auch weil die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst häufig nicht uninteressant daherkamen). Aber in der Rückschau war der Raum nicht optimal gelöst – insbesondere Kabinette an den Seiten beengten die Halle, der Lichteinfall war unschön, häufig wirkte es stickig. Und: Die Front in Richtung Innenstadt war abweisend. All das ist Geschichte, und das ist wirklich ein Geschenk: Die riesige Halle ist erstmals in ihrer Weite erspürbar, die Kabinette an den Seiten sind abgebaut (und wurden bei „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ersetzt durch einen verwinkelten Kasten in der Raummitte, auch der ist ein Störfaktor, aber wahrscheinlich ist so etwas notwendig ür kleinformatigere Präsentationen), an der Innenstadtseite hat ein einladendes Museumscafé aufgemacht. Und: Es gibt eine neue Beleuchtungs- und Entlüftungslösung, wobei letztere den vernissagetypischen Publikumsandrang zu meistern scheint. Hosianna!

Und es ist ja nicht so, dass man mit den Deichtorhallen nur die Haupthalle meinen würde, nur die Halle für Aktuelle Kunst. Im Laufe der Zeit ist eine zweite, kleinere Halle dazugekommen, das Haus der Photographie (dessen Ausstellungen mich freilich weniger interessieren) und südlich der Elbe die nicht minder atemberaubende Sammlung Falckenberg. Alles in allem ein Kunstkomplex von einer Größe und Qualität, die erst einmal erreicht werden wollen. Besser kann man es sich wohl kaum wünschen.

Was man sich natürlich besser wünschen könnte, wären die Vernissagen. Wie immer: zu viele Menschen, zu wenig Kunst. Adabeis, Wichtigtuer, Selfieposer vor Zeitgenössischem, dazu billiger Wein und billiges Gequatsche. Aber vielleicht muss man da durch. In einer Ecke läuft Jay Zs unerträglicher, eitler, elitärer, affirmativer, subversiver, großartiger Clip „Picasso Baby“. Was ich an Kunst liebe, was ich an Kunst hasse, alles auf einmal.

„Picasso in der Kunst der Gegenwart“, 1. 4. bis 12. 7., Deichtorhallen, Hamburg

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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