Endlich erlesen: Owen Pallett spielt auf Kampnagel

Owen Pallett. Foto: Billions Records
Owen Pallett. Foto: Billions Records

„Wer ist denn wieder Owen Pallett, nie gehört!“ Wohl, sage ich, denn schauen wir der bitteren Wahrheit ins Gesicht: Jeder im richtigen Alter, der sich ernsthaft für Musik neben dem Mainstream interessiert, hatte mal eine leidenschaftliche Phase mit Arcade Fire. Jener kanadischen Band, welche Chorgejaulefolkies wie The Lumineers („Ho hey“, shut up!) oder Modeschicksenklimmbimmkapellen wie Mighty Oaks erst möglich gemacht hat. Auf Arcade Fires unerreichtem Debüt „Funeral“ spielte Pallett Geige und arrangierte die Streicher. Zudem tourte und tourt er immer wieder mit ihnen, ob als Support oder in der Band an der ersten Geige. Wer hier raus ist, kann sich bestimmt an „Her“ erinnern, den Spike-Jonze-Film, in dem Joaquin Phoenix einen sozial ungeschickten Verlierer gibt, der sich in eine Computerschnalle, rauchig gehaucht von Scarlett Johansson, verknallt. Wenn da gerade nicht die Bits und Bytes knistern, spielt Musik von, richtig, Owen Pallett. Der von ihm gemeinsam mit Will Butler (siehe wieder Arcade Fire) komponierte Score war sogar für einen Oscar nominiert. Das beste Lied der zweiten Platte von Beirut? „Cliquot“ schrieb, arrangierte und sang Pallett auf „The Flying Club Cup“. Immer noch nichts? Ach, ob nun Grizzly Bear, Fucked Up, The National, zur Hölle, sogar Linkin Park, Taylor Swift, Robbie Williams, Pet Shop Boys oder Caribou – Orchesterarrangements und/oder Strings by Owen Pallett. So, jetzt kann keiner mehr behaupten, er habe noch nie Musik von ihm gehört.

Warum man seine eigenen Kompositionen nicht in breiteren als den üblichen Kreisen kennt, da muss man keinen Hehl drum machen. Ja, die Mischung aus Singer/Songwriter, Indiepop, Elektro und ausufernden, neoklassischen Orchestersätzen ist ein ganz eigenes Ding. Jetzt könnte man die übliche Floskel bringen: Aber, aaaber, sein neues Album „In Conflict“ besitzt wesentlich mehr Popsensibilitäten als jemals zuvor. Ist ja gut, schlagt den Rezensenten, aber es stimmt zumindest ein wenig. Und dennoch, Owen Pallett verpackt seine relativ dünne Stimme in heillos klugen Arrangements, die Avantgardisten die Ausrede geben, auch mal Pop zu hören. Das Schöne und Besondere an der Musik des 35-Jährigen ist aber ihr Belohnungsfaktor. Es gibt diese Momente, wenn sich offenbarunsgleich ein einfacher wie erhebender Streichersatz in „E is for Estranged“ aus dem Dickicht herausschält. Oder wenn „The Riverbed“ Geigen zu E-Gitarren macht und anstatt dezenter Viellagigkeit gestapelte Courage an einer Earl Grey trinkenden Version von Brainpunk vorbeischrammt.

Was auf Platte in seiner Komplexität manchen verschreckt, ist im reduzierten Livegewand so albern grandios, dass man nach einem Konzert Palletts jedes seiner orchestral durchkomponierten Alben so lange hört, bis es klickt, bis jede einzelne der live geloopten Geigenspuren auch auf Platte ihren Wiederhall im Gehör findet und man dann, endlich, jeden Lügen strafen möchte, der behauptet, dass sei doch verquasteter Intellektuellen-Indie. Ist das erst geschafft, dann ist es ein Aufeinanderknallen hintersinnigen Liedermacherspürsinns mit banaler Pop-Effizienz in hochtrabend schöner Instrumentierung.

Deshalb passt seine Tour so hervorragend ins Hamburger Kulturzentrum Kampnagel, weil man hier eben genauso auf DIY-Kunst wie artifizielles Tanztheater oder verträumte Liedermacher trifft. Das ist ganz genau Owen Palletts Revier. Wir laden euch daher ein, mit uns einen der unterschätztesten Komponisten der Neuzeit live zu sehen und verlosen für sein Konzert am 14. April zweimal zwei Gästelistenplätze. Schickt uns eine E-Mail mit dem Betreff „Owen Pallett“ und dem Namen für die Gästeliste plus eins an redaktion@lesflaneurs.de, und zwar bis Freitag, 11. April. Wir lassen euch dann wissen, ob es geklappt hat. Viel Glück!

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Michael Schock Verfasst von:

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