Schon toll, so ein Volk

7864496016_811b1c2afe_kFlammenlodern. Glasbersten. Stiefelstakkato. Nachtlaternenlicht. Zeitlupenlauf. Ein Blick über die Schulter. Was würde Ryan Gosling jetzt tun? Wahrscheinlich nichts – immerhin sind wir gerade in Rostock-Lichtenhagen unterwegs, 1992 – und doch könnte das Thema in Zeiten von Pegida, Angriffen auf Asylbewerberheime und dem Brüllen dumpfer Parolen nicht aktueller sein.

Orientierungslose Jugendliche streifen durch Rostock, fahren ans Meer, tauschen Küsse, Schläge und Bierdosen aus. Ach, wie blöd es ist, 50 Jahre zu spät geboren worden zu sein, führer- und gedankenlos. Da will man aus Wut auf das Raum-Zeit-Kontinuum doch glatt ein paar Asylbewerber verprügeln. Die scheißen alles voll, werfen mit Müll um sich und klauen Lebensmittel, die Mutti Hilde jeden Tag bis zur Erschöpfung in der Fabrik einpackt, aus dem Supermarkt. Wie undankbar! Und dann diese Eltern, Sozialdemokraten, Schwächlinge. Gestärkte Hemden statt starke Parolen. „Ausländer raus!“ brüllen geht selbst mit ein paar Promille noch super. Wer will schon gehaltvolle Diskussionen? Am Ende passiert eh nix und die Politiker lassen uns hier alleine. Müssen wir halt – mal wieder – selber anpacken, damit Deutschland den Deutschen gehören wird. Also uns, dir und mir, obwohl… wer bist du eigentlich? Egal, du hast keine Schlitzaugen, das ist doch schon mal was. So sei der Plattenbau unsere Festung, grau und simpel wie unser Geist.

Kollektive Verwirrung. In Rostock damals. In Dresden heute. Wie einfach wäre es, wenn sich solche Trauerspiele mit einer Überforderung durch die wirtschaftlichen Herausforderungen der Wiedervereinigung oder der globalen Kapitalismusmaschinerie erklären ließen. Doch „Wir sind jung. Wir sind stark“ macht klar, dass es viel schlimmer war und ist. Demonstrierende Menschen, die aus Mangel an Werten sich nur noch einem Wert verpflichtet fühlen: dem Nationalstolz. Wie schrieb schon Arthur Schopenhauer: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte …. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, … zu vertheidigen.“

Und wie sie dies tun. Sie brüllen, schreien, stampfen – oh, wohin nur mit all der Wut? Nach unten natürlich. In Richtung derer, die eh schon am Boden liegen. Der nationalstolze Deutsche ist erprobt in Massenaufläufen und macht daraus direkt ein nachbarschaftliches Event. Es gibt Würstchen und Bier und lauter Menschen, die dieselbe Meinung haben. Schon toll, so ein Volk. An dieser Darstellung gab es nach Filmstart Kritik. Es sei ein nachbarschaftlicher Protest gewesen, die Umstände wären unzumutbar gewesen, ein paar Nazis hätten diesen Protest dann ausgenutzt etc. – all diese Punkte wären eine Diskussionsgrundlage, wenn am Ende nicht eine Wahrheit stehen würde: Dass am Abend des 24. August 1992 völlig bewusst das Leben von Menschen gefährdet wurde, weil sie nicht deutsch waren. Die eigene Angst wurde bejubelt, während Polizei & Politik sich aus Überforderung wegdrehten. Rasende Wut gewann gegen träge Vernunft. Schames- statt Zornesröte muss einen bei diesen Bildern ins Gesicht steigen.

Was nun Ryan Gosling damit zu tun hat? Mit einem ebenso simplen wie effektiven Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe wird in „Wir sind jung. Wir sind stark“ Geschichte gemacht. Ähnlich wie Gosling in „Drive“ läuft Sozialdemokratensohn Stefan mit auffälligem Jäckchen in Zeitlupe durch blaugrüngelb schwirrende Bilder, während im Hintergrund elektronische Klänge anrücken. Eine Ästhetik des Schreckens, die fast vergessen lässt, was wir da sehen. Was gestern war, was heute ist, was morgen wird. Kreislauf.

„Wir sind jung. Wir sind stark“ läuft seit 22.01. im Kino. Wo er bei euch in der Nähe läuft, könnt ihr hier herausfinden. Fotorechte: flickr.com – Anarchistische Gruppe Freiburg (unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz)

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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