Alltag, du Sau (10): Reptilien

Man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt. (Foto: Falk Schreiber)
Man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt. (Foto: Falk Schreiber)

Im Einkaufszentrum sind Reptilien ausgestellt. In kleinen Vitrinen hängen Geckos, Schlangen, Chamäleons rum, zwinkern mal, züngeln mal, langweilen sich. Ein Einkaufszentrum ist nicht die natürliche Umgebung für Reptilien, andererseits, man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt, was er fühlt, was ihm gefällt. Was ihm anscheinend nicht gefällt: wenn man an die Scheibe klopft. Zumindest steht das Dick auf den Vitrinen, „Bitte nicht an die Scheiben klopfen“, und tatsächlich werden Kinder, die natürlich klopfen, ermahnt, von Passanten, von Eltern, sogar von anderen Kindern. In Hamburg-Ottensen funktioniert die soziale Kontrolle noch, zumindest, wenn es um das Wohlbefinden einer Schlange geht.

Nur eine alte Dame schert sich nicht um das Klopfverbot. Sie steht vor einer Vitrine und wummert ausdauernd gegen die Scheibe. „Ja, mein Kleiner“, spricht sie den Gecko an, der panisch durch sein Gefängnis jagt, „du hast dich gefreut, mich wiederzusehen, nicht wahr?“ Sie wendet sich zu mir um. „Der Kleine kennt mich schon, der ist immer ganz aufgeregt, wenn ich komme.“ Sie klopft. Und ich sollte jetzt etwas sagen, ich sollte darauf hinweisen, dass man nicht gegen die Scheiben klopfen dürfe, dass das Tier sich nicht freue, sondern im Gegenteil Todesängste litte. Aber wer sich freut, ist eben die alte Dame, sie sie freut sich, dass da ein Lebewesen ist, das eine Reaktion zeigt, wenn sie es besucht, sie freut sich über die Kommunikation mit dem harmlosen, kleinen Tier. Ich bringe es nicht übers Herz, ihr diese Freude zu nehmen, tut mir leid. Der arme Gecko.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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