Graus und Grimm – Und es schlägt doch…

Ninia BiniasJe länger ich in Hannover lebe, umso besser lerne ich die wahren Schmuckstücke dieser Stadt kennen. Wer immer noch meint, Hannover sei eine langweilige 08/15-Stadt, möge diese Meinung bitte behalten und die Stadt einfach in Ruhe lassen. Dem Rest empfehle ich bei jedem Gespräch gerne immer wieder die tolle Kulturszene.

Dieses Wochenende also Märchen. fensterzurstadt ist ein Off-Off-Theater aus Hannover, das von den freien Theatermacher_innen Ruth B. Rutkowski und Carsten Hentrich geleitet wird. Ihr Stück „Graus und Grimm“, von dem Kollektiv geschrieben und produziert, inszenieren sie auf der Bühne der Alten Tankstelle. Ein Spielort, den ich neu kennenlernen durfte. Und was für einer! Der Hof der Tankstelle entführt in die Atmosphäre der 50er Jahre. Alte Möbel, orangefarbene Stühle und eine kleine Bar dort, wo früher das Kassenhäuschen war. Dann werden die Zuschauer_innen gesammelt in den Saal gebracht. Nach wenigen Minuten rieselt Konfetti-Schnee aus der Decke, und eine Frau mit ruhiger Stimme, von der wir bis jetzt nur die Beine durch die Decke baumeln sehen, beginnt das Stück mit einem Monolog über ein Mädchen, das einst von seinem Vater die Klippe hinuntergestürzt wurde und im tiefen Wasser starb.

„Graus und Grimm“ ist eine Collage der Suche nach dem Leben, der Orientierungslosigkeit und der Liebe. Bruchstückhaft zitiert das Ensemble Märchenmotive und erzählt doch seine eigene Geschichte. Drei Männer, die auszogen, sich selbst und ein neues Leben zu finden, treffen am Anfang des Stücks aufeinander und beschließen, gemeinsam in die Stadt zu gehen, um Musiker zu werden. Beim Durchqueren des Waldes wissen sie plötzlich nicht mehr, wohin, und bauen ihr Zelt auf, um nicht in der Dunkelheit weitergehen zu müssen. Sie sind getrieben von einer inneren Angst und dem Druck, etwas Neues, finden zu müssen. Beobachtungen und Erlebnisse im Wald vermischen sich mit Einbildungen und Geschichten, die sie mal gehört haben – dies führt unweigerlich zur Eskalation.

In der Nacht kommen auch Gestalten in den Wald, die sich tagsüber versteckt halten. Dazu gehören die Frau-Holle-artige Erzählerin vom Anfang und ein hübsches Mädchen, das auch auf der Suche zu sein scheint. Eine Art Halbtote, die zwischen den Welten gefangen ist. Einerseits benötigt sie die Führung und den Rat der Älteren, andererseits scheint sie sich sehr zum jungen Wanderer hingezogen zu fühlen. Vielleicht ist es das Mädchen, das einst von der Klippe stürzte und von dem immer wieder bruchstückhaft erzählt wird. Einer der Wanderer hält die Angst nicht mehr aus. In sprunghaft-großen Schritten durchquert er den Wald, verirrt sich immer wieder aufs Neue und gerät in Sackgassen. Das Mädchen und der junge Wanderer finden im Schlaf, oder vielleicht soll es auch der Tod sein, zueinander, und am Ende zählt nur, dass die Frau und der letzte Wanderer es schaffen, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen.

Die Inszenierung erzählt keine stringente Geschichte und genau deshalb fand ich sie absolut fantastisch. Die Zuschauer_innen folgen den Wanderern in den Wald und werden in eine Welt voll Unwahrheiten, Einbildungen und Zwielicht entführt. Besonders die musikalische Untermalung und die Geräuschkulisse waren herausragend. Die Schauspieler_innen bedienten im Spiel eine Loopstation, mit der sie Geräusche im Wald, am Lagerfeuer oder im Wasser nachahmten. Spannend, dabei zuzuschauen, ohne dass es das Stück in irgendeiner Form gestört oder unterbrochen hätte. Das Stück ist ein Gesamtkunstwerk aus Text, Musik, Licht und Sound.

Das Spiel von Alexandra Faruga und Carsten Hentrich war außergewöhnlich originell und sehr beeindruckend. Was nicht heißt, dass nicht auch die anderen Darsteller_innen ihre Rollen sehr gut ausfüllten und belebten. Ich bin völlig ohne Erwartungen in das Stück gegangen und bin auch heute noch nachhaltig imponiert von „Graus und Grimm“. Fast schade, dass ich das Kollektiv erst jetzt kennenlernte. Die zukünftigen Stücke werde ich mir in jedem Fall anschauen.

Wer sich „Graus und Grimm“ auch noch anschauen möchte, hat noch folgende Gelegenheiten:
20./21./28. Februar
06./07. März
jeweils um 20 Uhr in der Alten Tankstelle Hannover
Karten unter 0511-22021912 oder im Künstlerhaus Hannover.

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Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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