Post an Putin

Nofretete mit Freddie-Mercury-Gedächtnisbart. (Foto/Bearbeitung: Falk Schreiber)
Nofretete mit Freddie-Mercury-Gedächtnisbart. (Foto/Bearbeitung: Falk Schreiber)

Wenn mich jemand fragt, woher ich eigentlich die Ideen für meine Texte nehme, dann antworte ich meistens: „Och, ich lese einfach ein paar Artikel in der Tageszeitung, dann fallen mir gleich unzählige Abwegigkeiten auf, über die sich was schreiben lässt.“ „Toll!“, kommt dann die Antwort. „Dann schreibe doch was über die Zustände in der Ukraine, da verschweigen die Mainstreammedien nämlich konsequent, dass Russland korrekt vorgeht.“ Ich verziehe ein wenig das Gesicht, „Mainstreammedien“ ist ein Begriff, den ich längere Zeit nur von Rechten kannte, die bezeichnen damit jene Medien, die auch noch etwas anderes schrieben außer „Der Islam ist verabscheuungswürdig“, also praktisch alle Medien mit Ausnahme der Jungen Freiheit. Seit kurzem taucht der Begriff aber auch in linken Zusammenhängen auf, oder zumindest in Zusammenhängen, die sich als links bezeichnen, anscheinend haben die Rechten es geschafft, ihre Terminologie im Diskurs zu verankern. Vor mir steht eine Querfront, und diese Querfront verläuft mitten durch die Ukraine.

Ich lächle entschuldigend und verspreche, mich schlau zu machen. Sobald ich um die Ecke bin, lösche ich den „Mainstreammedien“-Schwafler aus meiner Facebook-Freundesliste.

Ich mache mich schlau und lese Zeitung. Eine Meldung: Die finnische Post ehrt Touko Laaksonen ab September mit einer Briefmarkenserie. Laaksonen, bekannter unter dem Namen Tom of Finland, war ein Grafiker und Zeichner, dessen comicartige Bilder muskelbepackter Männer seit den 1970ern ikonographisch für das stehen, was man mit der schwulen Lederszene verbindet, mit anderen Worten: Ohne die Ästhetik Tom of Finlands hätte sich Freddy Mercury niemals seinen coolen Oberlippenbart wachsen lassen.

Ich schreibe einen Brief an Wladimir Putin. „Sehr geehrter Herr Putin“, würde ich schreiben, auf Deutsch, weil der russische Präsident die Sprache beherrscht, „ich habe Probleme mit ihrer Politik in Russland. Ich finde ihren Umgang mit der Opposition verachtenswert, ebenso wie ihren Schwulenhass, und die Selbstinszenierung von Ihnen als toller Hecht wirkt auf mich ausschließlich lächerlich. Ich bin beunruhigt, wenn ich sehe, wie sich nationalistische Rhetorik in der russischen Politik durchsetzt, und es gefällt mir nicht, zu sehen, welchen Einfluss die orthodoxe Kirche auf Ihre Politik hat. Aber“, würde ich schreiben, „zu dem, was im Osten der Ukraine und auf der Krim vorgeht, habe ich keine so klare Meinung. Ich bin skeptisch bezüglich der russischen Territoriumserweiterung, aber gleichzeitig denke ich, dass die Positionen, die in den westlichen Medien verbreitet werden, ebenfalls mit Vorsicht zu genießen sind. Es ist alles nicht so einfach, es ist kompliziert.“ Ich habe nicht „Mainstreammedien“ geschrieben. „Mit freundlichen Grüßen, Falk Schreiber.“

Und dann nehme ich mir einen Billigflug nach Helsinki, frankiere das Schreiben mit einer Tom-of-Finland-Briefmarke und schicke es ab. 23, Ilyinka Street, Moscow, 103132, Russia. Zurück nehme ich die Fähre bis Travemünde, Schiffe machen mehr Spaß als Flugzeuge, und außerdem sind sie umweltfreundlicher.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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