Dass die Großstadt gefährlich ist, ist ein Vorurteil. Das Land ist auch nicht ohne. (Foto: Falk Schreiber)

Dass nur die Großstadt gefährlich sei, ist ein Vorurteil. Das Land ist auch nicht ohne. (Foto: Falk Schreiber)

Es geht ein Riss durchs Land. Der Riss verläuft nicht zwischen Arm und Reich, er verläuft nicht zwischen Männern und Frauen, er verläuft nicht einmal zwischen Vegetariern und Fleischessern, und ganz sicher verläuft er nicht zwischen Islam und Westen, auch wenn rechte Dumpfbacken einem das immer wieder einreden wollen. Der Riss verläuft zwischen Stadt und Land.

Ich lebe gerne in der Stadt. Ich fühle mich auch auf dem Land wohl, zumindest zu Besuch. Worauf ich wohl gar nicht könnte, wären Kleinstädte und Außenbezirke der Großstädte, aber jeder wie er mag. Nur: Die meisten Leute in meinem Umfeld haben überhaupt keine Wahl, wo sie hinziehen, die leben eben dort, wo sie einen Job bekommen. Schön, wenn da Wunsch und Praxis dasselbe sagen, aber wo das nicht so ist, da kann man sich entscheiden: 1.) Man zieht an den Wunschort und pendelt täglich zum Arbeitsort (aus finanziellen wie ökologischen Gründen kaum empfehlenswert). 2.) Man fügt sich in sein Schicksal und macht das Beste draus. Im Zweifel kann man ja Projektionen aufbauen – eine Zeitschrift wie die viel gescholtene und dennoch extrem erfolgreiche Landlust macht nichts anderes als solche Projektionen zu bedienen, indem sie ein idealisiertes Landleben für Stadtbewohner entwirft, ähnlich wie ein Porno, der ein idealisiertes Sexualleben für Ungeküsste zeichnet. Dass Landlust nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, beschreibt der Stadtentwickler Julian Petrin im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt: „Durch die Zumutungen der Stadt entsteht der Wunsch nach Rückzug und Romantik. Aber das sind nur urbane Projektionen von Land. Das ist nicht die Einöde mit fiesem, konservativen Dorfmob, es ist so etwas wie das Chalet auf dem Lande.“ Schön gesagt, und da dürfte was Wahres dran sein: Es gibt eben in den Städten Leute, die sich nach diesem in Landlust gezeichneten Pornodorf sehnen, und diese Sehnsucht will man ihnen ja auch nicht madig machen.

Ein wenig aggressiver als Petrin kommen Barbara Schaefer und Katja Trippel mit ihrem Buch „Stadtlust“ daher. Schaefer und Trippel werfen den Landbewohnern vor, dass sie unökologisch leben würden (Ständig fahren sie Auto! Und ungesund ernähren sie sich auch noch, in den Dorfkneipen gibt es nämlich kein Veggie-Angebot!), zudem seien sie unglücklich, weil man auf dem Land genauso wie in der Stadt entfremdet arbeiten würde, allerdings nicht die Zerstreuungsmöglichkeiten habe, die es in der Stadt gebe. Muss man eigentlich nicht drüber reden, „Stadtlust“ entwirft ein ebenso idealisiertes Stadtbild, wie Landlust ein idealisiertes Dorfbild entwirft, für ein paar provokante Schlagzeilen mag das gut sein, aber sonst? Wenn es dazu beiträgt, die Tatsache zu problematisieren, dass der ÖPNV einen auf dem Land im Regen stehen lässt – warum nicht?

Deswegen nicht: Spiegel Online hat das Buch von Schaefer und Trippel rezensiert, und in den Kommentaren zu dem Text lässt die Landbevölkerung mal so richtig die Sau raus. Im folgenden werden einzelne Posts analysiert, bezüglich des Hasses, der sich auf dem Dorf gegen die Stadt aufgestaut hat, wobei ich die wenig zielführenden Posts zur angeblich mangelnden Attraktivität der Autorinnen erstmal außen vor lassen möchte. Nein, es soll hier schon inhaltlich zugehen, inclusive gewöhnungsbedüftiger Orthografie.

Hat schon mal jemand an die arme Landbevölkerung gedacht? Es ist nicht die reine Freude, wenn leicht angeblühte, dafür um so überspanntere Joga-Irgendwas mit Medien- Frauen mit ihren urbanen Vorstellungen die Eingeborenen traktieren. Insofern: All diese komischen Gestalten sollen bitte in ihren hippen Vierteln bleiben, schön grün wählen und ihren Bio-Latte schlürfen.

 schreibt „Terviseks“. Was das Ganze mit Grünwählen zu tun hat, bleibt sein Geheimnis, allerdings ist das ein Hinweis auf die Grundhaltung, mit der auf dem Land argumentiert wird: Grüne, überhaupt Linke, mag man dort eher nicht. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe einige Zeit versucht, auf dem Land politischen Lokaljournalismus zu machen.

„… in der Stadt, wo sich Individualität mangels Alternativen in Mode-Zwängen, den richtigen Smartphones und Szene-Lokalen notdürftig ausdrückt (und eigentlich Uniformität bedeutet). Das kann man auf dem Land mit weniger Konsum, weniger Verbrauch und mehr Zeit fürs Wesentliche bekommen. Aber gut, wer sich mit Cinemaxx, Starbucks und iPhone glücklich wähnt, soll gerne in der Stadt bleiben. Mich als (Landei) schrecken die einheitlichen inhaltsleeren Shoppingmalls und Fussängerzonen, die mittlerweile nur noch einen Mix aus Billig-Schuh-Läden, Handyshops und Stehcafes mit Papierbecherkaffeeausgabe sind, egal ob in Düsseldorf, Köln, München oder Stuttgart. Ach ja, gestern war bei uns Schafstallfest. Man kennt sich, es gibt leckeren Lammbraten, nach “Gottesdienst im Schafstall” und musikalischem Frühschoppen hopsten die “Rope Skippers” des örtlichen Sportvereins, das frische Bier aus der lokalen Brauerei lecker, wie es kein Einheits-Flaschenbier je schafft und das Rahmenprogramm ging von Oldtimern über Schlepper-Ausstellung bis zur Kletterwand für die Kleinen.“

 schreibt „tom_duly“. Hier ist interessant, dass er Stadt mit den „richtigen Smartphones“ und „Szene-Lokalen“ gleichsetzt, dem er das ursprüngliche Landleben gegenüberstellt („Gottesdienst im Schafstall“, ja, da kommt kein „Szene-Lokal“ mit!). Wobei gerade „die einheitlichen inhaltsleeren Shoppingmalls und Fussgängerzonen“ doch eigentlich kein Kennzeichen der Großstadt sind, sondern viel eher in Provinzzentren wie Siegen, Speyer oder Donauwörth anzutreffen sein dürften. Seltsam. Immerhin, die „Szene-Lokale“, in der sich nach Vorstellung der Landbevölkerung die städtischen „Schicki-Mickis“ treffen, kommen häufig in den Kommentaren vor.

 Klar doch, dass die typischen Bewohner einer Großstadt ständig in den örtlichen Theatern, Opernhäusern, Museen, Restaurants, Bars und Discos herumhängen und das alles auch nicht mehr missen wollen. Denn die Durchschnittsverdiener in einer Großstadt müssen ja auch nicht auf den Cent achten und haben den ganzen Tag und den ganzen Abend bestimmt nichts anderes zu tun, als die städtischen Zerstreuungsangebote zu genießen. Dass in den Großstädten die allermeisten kulturellen Angebote keineswegs von Ortsansässigen (…) genutzt werden, unterschlagen die Autorinnen ebenso geflissentlich wie die störende Tatsache, dass beispielsweise jede einzelne Berliner Opernkarte mit mehreren hundert Euro subventioniert werden muss. Mit dem Geld und Steuergeld der „Landeier“ kann man wirklich prima „auf Kultur“ machen.

 „jüttemann“ macht hier noch ein weiteres Fass auf: Der Neid, dass er mit seinen Steuern das in seinen Augen übertrieben subventionierte Kulturangebot der Großstadt finanzieren müsse, „Zerstreuungsangebote“ nennt er das in fataler Unkenntnis dessen, was tatsächlich kulturell passiert. Immerhin, sein Post ist eine Erklärung für den Hass, der hier durchs Internet schwappt, auch wenn er natürlich die störende Tatsache ignoriert, dass die Stadtbewohner mit ihren Steuern klaglos die Landwirtschaft auf dem Dorf subventionieren.

 Als Jugendlicher wollte ich immer nach Berlin, vor ein paar Jahren habe ich ein Arbeitsangebot aus Berlin abgelehnt, weil ich meine Kinder dort – mit all seinen sozialen Brennpunkten, allein was in der U-Bahn oft für miserable Gestalten rumlaufen – nicht aufwachsen sehen wollte.

 schreibt Aleksandrs Krievs und bringt damit ein typisches Vorurteil auf den Punkt: In der Stadt ist es gefährlich! Allerdings wundert einen, dass die bei diesem Thema zu erwartenden Warnungen vor den vielen Stadtbewohnern mit Migrationshintergrund nur manchmal zwischen den Zeilen zu erahnen sind. Sind die Kommentatoren womöglich doch nicht so schlimm wie gedacht? Oder sind sie einfach nur geschickt?

Was sie jedenfalls nicht sind: von irgendwelcher Ahnung angekränkelt. Kaum jemand von denjenigen, die hier schreiben, hat das Prinzip „Stadt“ auch nur annähernd verstanden. Ebenso wie die Autorinnen von „Stadtlust“ sich wohl auch nicht auf das Prinzip Dorf“ eingelassen haben. Müsste man vielleicht mal hinfahren, schauen, ob das wirklich so schlimm ist, wie man denkt. Aber nein, man pflegt lieber seine Projektionen, seine Pornodörfer, seine Pornostädte. Und sorgt so dafür, dass der Riss immer breiter wird.

Was mir konkret auf dem Land fehlt, ist eine funktionierende linke Szene. Okay, die Verteidiger des Landlebens machen nicht den Eindruck, als ob sie die so wahnsinnig vermissen würden, aber wahrscheinlich ist genau diese weltanschauliche Homogenität der Beweis für meine These. (Die natürlich Ausnahmen zulässt. Das Wendland beispielsweise ist sowohl vom Wahlverhalten als auch sonst mehrheitlich links, und dass es in Großstädten einen rechten Bodensatz gibt, muss man mir nicht erzählen. Ich meine, ich wohne in der Stadt, in der 2001 knapp 20 Prozent der Wähler den Rattenfänger Ronald Schill wählten.)

So gesehen, ist der Riss zwischen Land und Stadt vielleicht doch ein Riss zwischen rechts und links, rechts das Land, links die Stadt, der Blick auf die Wahlergebnisse legt das ebenfalls nahe. Aber das ist nicht in Stein gemeiselt, in anderen Ländern kann man keinesfalls von einer politischen Stadt-Land-Spaltung sprechen … Und vielleicht ist die Erkenntnis aus dem Durchpflügen der Spiegel Online-Kommentare, dass man den Rechten das Land nicht kampflos überlassen sollte. Vielleicht.

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