
Oh yeah! Schickes Weiß, Doppelflügel (sicherlich mit strömungsförderndem Mehrwert… oder so), mehr Lagerraum und bessere Bordbewaffnung. Dafür haben sich 1.400.000 Units gelohnt. Was kostet schon das All? Mit ordentlich Schub verabschiede ich mich von der Raumstation und gleite hinaus in das weite All. Drei Planeten, zwei Monde und eine Atlas-Schnittstelle umgeben mich. Und es ist das erste Mal, dass ich in einer Galaxie gelandet bin, die schon vor mir jemand entdeckt hat – was bei 5 Trillionen Galaxien gar nicht mal so leicht ist. Aber vielleicht muss jeder hier vorbei, an dieser Schnittstelle, die mich ein Stück näher zum Zentrum des Universums bringt. Dort hinzukommen ist zumindest das Ziel in „No Man’s Sky“, dem spielerischen Hassobjekt des Jahres.

Die Entwickler, allen voran Chefentwickler Sean Murray, versprachen einem vor der Veröffentlichung das Blaue vom Erdenhimmel. Die Trailer sahen fantastisch aus, ständig wurden neue Lebewesen und Pflanzen entdeckt, Begegnungen mit Freund und Feind im All, grenzenlos spannende Weite! Die Realität hingegen stellt sich als repetitiver Sandkasten dar, der zwar 18 Trillionen Planeten generiert, diese aber mit den immer selben Gebäuden, Monumenten und Möglichkeiten füllt. Jedes Mal aussteigen, mit einem Laser Rohstoffe abbauen bis das Lager voll ist, Rohstoffe verkaufen, von vorne loslegen, bis genug Units da sind um sich was Hübsches davon zu kaufen. In Maßen wäre das alles okay, aber „No Man’s Sky“ fühlt sich stark danach an, als wollte man mit solchen Elementen nur das Spielerlebnis strecken. Ein knappes undurchdachtes Inventar, ständiges Aufladenmüssen irgendwelcher Antriebe, weder Schnellreise- noch Schnellhandel-System. Dafür Stühle in den generischen Forschungsstationen, die sich drehen lassen. WTF?! In sowas wurde Entwicklungszeit gesteckt, aber nicht in elementare Spielbestandteile?

Ein Spiel als Übung in Frustrationstoleranz. Dass sich die Entwickler um Sean Murray seit Spielveröffentlichung vor drei Monaten nicht mehr melden, außer dass sie ab und zu einen Patch veröffentlichen, stärkt das Gefühl, hier einem großen Schwindel beizuwohnen.
Und doch, hier fliege ich nun, gut zehn Stunden nach Spielbeginn, und düse durch’s All. Weil „No Man’s Sky“ eher unfreiwillig genau das Gefühl erzeugt, welches dem All viel näher liegt als Weltraumschlachten á la Star Wars: Isolation und Leere. Leichte Frostränder bilden sich am Cockpit, vor mir liegt bläuliche Schwärze, die Systeme blinken, ich bin allein. Niemand funkt mich an, niemand bietet mir eine Nebenaufgabe, nein, ich bin in einer meditativen Blase, die nur durch den – fabelhaften! – Soundtrack von 65daysofstatic zarte Risse bekommt. Er schwelt im Hintergrund im Anblick der ewigen Weite oder schwillt im Vordergrund bei Attacken feindlicher Raumschiffe. Trommeln, eine Erinnerung an Vergangenheit auf der Erde. Doch wo ist sie? Weit weg, unerreichbar, nicht das Zentrum des Universums. Ebenso wenig wie ich. Dieser Himmel gehört nicht mir – es ist „No Man’s Sky“.

Und wenn dann dieser Moment kommt, an dem das Raumschiff durch die Atmosphäre dringt und sich vor einem ein lebhafter Planet eröffnet, mit Wasser und Flora und Fauna, dann ist es auf einmal, das Gefühl von Freude. Es gleicht all den Ärger nicht aus, aber es gibt mir ein Gefühl von meditativem Gleichnis, welches mich nach Stunden der Entbehrungen belohnt. Und für alle anderen gibt es ja immer noch den Honest Trailer zum Spiel, der all den irdischen Frust anspricht. Ich werde nun weiter meiner eigenen Mission fröhnen: Neu entdeckten Spezies Pokémon-Namen geben. Lauf, Bisasam, lauf!
Fotos: Enrico Seligmann
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Von hier an blind
Der allgegenwärtige Inselwind scheint ein ehrgeiziges Vorhaben zu haben: Mit rasender Eile fegt er die unheilvoll über den Vulkankratern hängenden Regenwolken auseinander, zerstreut sie in alle Himmelsrichtungen, als wolle er dem Himmel seine ihm zustehende Farbe zurückerobern. Dabei bauscht er die Wolken zu einem dichten Nebelschleier auf, der sich so hartnäckig in der Luft absetzt, dass der mutige Wanderer bei dem erhofften Ausblick vermuten muss, er sei vor lauter Nichts spontan erblindet. So einen dichten, nichts mehr erkennbar lassenden Nebel habe ich noch nie erlebt. Das Gefühl von Ferne und Nähe setzt für einige Augenblicke aus und lässt jedes Geräusch ersticken.



Grüner wird’s nicht
Wenn dann doch einmal, in kleinen Glücksmomenten, die Sonne durchbricht, darf man sich auf einen kompletten Stimmungswechsel freuen. Mehrere Varianten Grün leuchten aus allen Ebenen, es wird urplötzlich tropisch warm, sodass man die regendichten Klamotten sofort schwungvoll und mit Nachdruck in den nächsten Vulkansee schmeißen möchte. Bei der azorischen Vegetation kommt das botanische Festlandvokabular an seine Grenzen: Wurzeln, die aussehen wie überdimensionale Ingwerknollen, lederne, immer nass glänzende Blätter, die ihren Betrachter sofort in den Dschungel versetzen und sich unter silber angelaufene Farne mischen. Zudem ist die Insel mit prächtigen Hortensienbüschen geradezu zugepflastert. Ein Anblick, der Lust auf ihre Blüte im kommenden Frühling macht.

Ein Vorteil dieser Jahreszeit ist sicherlich, dass auf den meist abenteuerlichen Wanderpfaden kaum mit Gegenverkehr zu rechnen ist. Was bedeutet, dass man sich oft komplett allein inmitten dieser überragenden Urzeitatmosphäre wiederfindet, umzingelt von mittlerweile wieder fruchtbaren Vulkanlandschaften, die einen bei jeder Wegbiegung in die Erwartung einer Dinosaurierschnauze versetzen, die sich langsam in das eigene Blickfeld schiebt, ohne, dass es einen sonderlich überraschen würde.



Das allumfassende Meer
Das Meer wird immer ein mystischer, für den Menschen nicht zu erobernder Sehnsuchtsort bleiben, der ihn stets in seine Schranken weist. Mich hat er ebenfalls auf meine persönlichen Grenzen hingewiesen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Wer sich also im November auf eines der vielen Angebote einer Whale Watching Tour einlassen möchte, sollte einen widerstandsfähigen Magen haben. Ich habe diesen Magen nicht. Aber zumindest ein Exemplar der sich vor allem im Sommer um diese Inseln tummelnden Pott-, Buckel-, oder sogar Blauwale zu sehen – das wollte ich mir nun auch nicht entgehen lassen.

Also finde ich mich bei hohem Wellengang und Regen auf offenem Meer wieder, mit einem Kapitän, der bei seinen Waltouren anscheinend sein Gleichgewichtsorgan gleich mit über Bord geworfen hat. Während ich drei von den vier Stunden mit Schnappatmung und einigem Druck auf der Speiseröhre im Innenraum des kleinen Boots verbringe, huschen andere Wal-Enthusiasten leichtfüßig an mir vorbei. Auf einmal hält das Boot unter steigendem Wellengang an. Irgendetwas scheint am Horizont aufgetaucht zu sein. Ich nehme all meinen Mut zusammen und wanke im Takt der Wellen zur Reling, fast komme ich mir in meiner dramatisierenden Wahrnehmung wie auf der untergehenden Titanic vor.

Und da springen sie an uns vorbei: Eine Horde aufgeweckter Delphine, die mit den Wellen surfen, als würden sie ihnen Flügel verleihen. Wale haben wir dafür leider nicht gesehen. Wieder an Land, blieb der skeptische Blick aufs Meer immer noch eine Mutprobe, der mir ein leichtes Gefühl von Übelkeit bescherte.

Haustier gefällig?
Wer tierlieb ist, dem könnte es auf den Azoren des Öfteren passieren, dass sich über Nacht vor der eigenen Tür ein paar Jungtiere wie durch Zauberhand platziert einfinden. Anscheinend ist in jedem Dorf genau bekannt, wer schon ein paar der umherstreunenden Straßenhunde oder -katzen bei sich aufgenommen hat. Ein Grund mehr also, vielleicht auf seinem Grundstück einen Schuppen für wilde Tiere anzubauen, denn davon gibt es wirklich genug. Auch kann es passieren, dass auf den Wanderungen plötzlich ein weiterer Begleiter hinzukommt, der, glücklich über die Gesellschaft, sich am liebsten gar nicht mehr von seinem neuen Besitzer in spe trennen möchte. Auch der Katzenliebhaberin und Autorin dieses Artikels fiel es beim Anblick dieser unisono schnurrenden und miauenden Kätzchen schwer, Standhaftigkeit zu bewahren und sich nicht des Catnappings schuldig zu machen.


Resümierend muss ich gestehen, dass ich nach dieser Reiseerfahrung auf die stürmischen Azoren nichts lieber möchte, als sofort in einen All-Inklusive Urlaub zu fahren, mit Strand, Sonne, Meer und sonst nichts. Ich war zwar noch nie in einem All-inklusive Urlaub, aber nach zwei Wochen Wind in den Ohren und der investierten Energie, die zum Teil sehr erkalteten Sommerresidenzen auf der Insel zumindest ein wenig warm zu bekommen, merkt man, wie der Großstädter in einem wieder anklopft. Im Sommer, ja, da muss es echt schön sein hier. Dafür werden sich dann wahrscheinlich keine Dinosaurier zeigen. Die Küsten werden geglättet sein. Und das Licht wird weniger geheimnisvoll durch den Nebel schimmern. Kurzum: Die Insel wird eine andere sein. Und das wäre dann, gerade in Anbetracht dieser fotografischen Mitbringsel, doch sehr bedauerlich.


Nachfolger „Aftermath“ brachte mehr Zugänglichkeit in den Sound, eine Akustik-Anmutung mit Songs wie „Circus“, die – das kann man im Nachhinein sagen – nett waren, aber irgendwie deplatziert in diesem Kosmos der anorganischen Organik wirkten. Der Zweitling glänzte letztlich erst auf der B-Seite, in kosmischem Schwarz, auf der sie ihre Wurzeln verfeinerten. Songs wie „Rabbits On The Roof“ sind eingängig wie speziell, und auch wenn sie sich auf der „düsteren“ Hälfte der Albums befinden nicht depressiv, sondern weit. Ein offenes Sonnensystem, in dem verglühende Sterne die Instrumente geben. Ein karger Raum der Möglichkeiten, ein offenes Feld.
Letztlich signalisierte dort „Beehive“ die zukünftige Richtung. In dem dank dezenter Tribalbeats tanzbaren Stück steckte die Wurzel der „Wilderness“. Die neue Hundreds ist noch einmal eingängiger als die Vorgänger, aber sie weist viel mehr als diese eine Eigenschaft auf, die die meisten großartigen Alben ausmacht: Sie funktioniert am besten als Ganzes. Ein alleinstehendes Highlight lässt sich schwer identifizieren, und das ist gut so. Die schlichten Popstücke sind weitestgehend passe, in mal verzerrten Vocals, oft kräftigen Loops und einem angezogenen, organischen Schlagzeugteppich fließt ein Stück ins andere, auch wenn es nicht immer fließende Übergänge gibt. Der Spagat zwischen dem stärkeren Melodieelement und Philipp Milners nach wie vor präsenten Willen zum Experiment gelingt voll und ganz. Allein schon der Dreiklang „What Remains“ – „Black Sea“ – „Spotless“ ist ein Meisterstück.
Es wird also live noch einmal beatiger, noch einmal fleischiger. Und auf der Bühne waren die Hundreds mit großen Visuals und kleinem Stage-Minimalismus schon immer ein Erlebnis. Den Schritt in die „Wilderness“ erleichtern wir euch – kommt mit uns ins Hamburger Gruenspan, am 16. November. Wir haben zweimal zwei Tickets für euch zurücklegen lassen. Sendet einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Hundreds“ an [email protected] bis inklusive 13.11. Viel Glück!
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John, in Deinen Liedern geht es immer wieder um Orte, Städte und Plätze, sei es ein Eiscafé in „Marz“ oder ein spukiger Highway in „Pale Green Ghosts“. Auf Deinem aktuellen Album „Grey Tickles, Black Pressure“ habe ich so etwas aber seltener entdeckt.
John Grant: Das könnte stimmen, ich glaube, es geht auf dem Album eher um Menschen als um Orte. Aber wenn du „Black Blizzard“ nimmst, da geht es um die Dust Bowl in Oklahoma. Ich hatte darüber eine Dokumentation gesehen, wie die Menschen dort unter Sandstürmen litten und deshalb starben. Das war wie ein Horrorfilm. Darüber ein Lied zu machen, war auch neu für mich, weil ich mich früher für amerikanische Geschichte gar nicht interessiert habe. Sie kam mir gegenüber der europäischen immer uninteressant vor, dabei ist sie das gar nicht, sondern einfach nur kürzer! (lacht) Aber früher, als Kind, hat mich Europa viel stärker interessiert.
Nach Europa bist Du ja auch letztlich gegangen, lebst jetzt in Reykjavík auf Island. War das ein bewusstes Fliehen aus Deiner Heimat? Bekommst du solche Sachen wie den absurden Wahlkampf in Deiner Heimat überhaupt mit?
JG: Es kommt im Alltag mal auf, aber ich habe schon das Gefühl, dass ich mich hier etwas zurückziehen kann, was sehr angenehm ist. Denn dieser Wahlkampf kotzt mich dermaßen an, es ist kaum auszuhalten. Mir fehlen die Worte – die Wörter und die Worte dafür! Eine krankhafte Groteske. Dass Donald Trump von so vielen Menschen unterstützt wird, die diese Rhetorik gutheißen, denken, er würde sich für sie einsetzen… Ich bin vollkommen verwundert darüber, es ist beängstigend.
Da ist glücklich, wer sich auf einer Vulkaninsel verstecken kann. Für mich ist Island ein Exitplan in der Hinterhand. Wenn mich der Job ankotzt, die Leute, das Land, würde ich einfach nach Island auswandern. Es ist ein guter Ort für einen kompletten Neuanfang, ein Zurücksetzen.
JG: Das ist er auch, aber auch hier gibt es Arschlöcher und Asoziale. Das Fliehen geht eigentlich gar nicht, habe ich den Eindruck. Auch auf Island gibt es Dinge, die mir auf den Sack gehen, aber die Leute haben eine etwas andere Einstellung: Sie lassen einen einfach leben. Aber was kann ich als Ausländer, der von der Musik lebt, schon für eine Perspektive haben? Ich muss ja nicht jeden Tag ins Büro, denn auch da gibt es hier Mobbing und Homophobe, genau wie in Deutschland oder Amerika. Aber man lässt mich zum Beispiel eher in Ruhe, während man in Deutschland auch schon mal angemacht wird auf der Straße.
Ist dir das hier passiert?
JG: Ich habe mir ein Buch gekauft über Deutschland, das heißt „Die Rüpel-Republik“ [von Jörg Schindler], und das trifft es schon: Man wird dort immer angemotzt, weil man angeblich etwas falsch macht, falsch irgendwo langgelaufen ist, falsch die Tür geöffnet hat. „Sie haben Ihr Getränk falsch bestellt, Sie hätten das so und so machen müssen.“ Solche Sachen habe ich nirgends auf der Erde so erlebt wie in Deutschland, es ist wirklich eine Rüpelrepublik. Aber ich habe dort auch einige der tollsten Menschen meines Lebens getroffen, deswegen bin ich zu dem Schluss gekommen: Es geht um Menschen, überall. Die Möglichkeit der Flucht ist eine Illusion. Man kann sich zurückziehen, okay, so habe ich das auch gemacht. Ich sage immer: „I’m just looking for different background for my bullshit.” Das trifft es ins Schwarze, denke ich.
Da Du sehr begabt bist in Sachen Sprachen und viele fließend sprichst, fällt es Dir sicher leichter, Dich irgendwo komplett neu einzuleben.
JG: Ja, aber es hat auch Nachteile: Du verstehst sehr schnell, was die Leute sagen, und damit leider auch die Dinge, die du lieber nicht wissen würdest. Ich flüchte mich einfach gerne in Grammatik, das ist wie ein Selbschutzmechanismus. Ich verschwinde in den Einzelheiten der Sprache. Und ich liebe etwa den deutschen Genitiv! Ich habe in Heidelberg studiert und kam da mit vielen Juristen aus gutem Hause zusammen, die sich zuerst sehr elitär mir gegenüber verhalten haben, aber in der deutschen Spraches waren sie Meister der Nuancen. Und dann fanden sie mich interessant, gerade weil ich mich als Amerikaner so für die deutsche Sprache interessiere, und haben sich meiner angenommen – um mal einen schönen Genitiv zu benutzen.
Dabei kennen die Deutschen selbst den Genitiv nicht mehr, er wird kaum mehr richtig benutzt.
JG: Also ich setze das knallhart durch und benutze ihn im Alltag und komme mir dabei erhaben vor. (lacht) Aber er ist wirklich super super schön: „Sich jemandes annehmen“, „Sich dessen bewusst sein“, „Wohin des Weges?“, „Wegen des Regens“ – ich finde es einfach hübsch, genau wie Dialekte und Alltagssprache. Ich bin großer Fan vom Ruhrpottdialekt und Berlinerisch, und habe auch das Pfälzische sehr lieb gewonnen, durch die Zeit, die ich da verbracht habe. Anfangs fand ich es wirklich hässlich und ordinär, konnte das erst gar nicht verstehen. Und jetzt geht mir das Herz auf, wenn ich Pfälzisch höre. Aber mein Herz gehört dem Pottdialekt, der hat auch eine spannende Geschichte, durch die ganzen ausländischen Einflüsse.
In Sachen Berlinerisch: Morgen spielst du im Berghain, dem ein schon international sagenumwobener Ruf anhängt: Alle wollen rein, keiner kommt rein, alles ist geheim … Ist dieser Hype gerechtfertigt?
JG: Ich glaube nicht. Also Du kannst da toll tanzen, toll ficken, toll feiern, dich betrinken und was nicht noch alles. Aber das kennt man auch von anderen Clubs. Dir begegnen da keine anderen Emotionen als woanders. Aber es ist schon beeindruckend vom Bau her, dieser Bunker, und vor allem: Das Soundsystem ist der Wahnsinn. Ich bin ja nun audiophil und die Anlage ist einfach beeindruckend.
Das stimmt, das habe ich schon bei einem Konzert von Anna von Hausswolff dort erlebt, es klingt schon gut. Aber ich ziehe gemütliche Clubs vor, ehrlich gesagt.
JG: Oh, Anna von Hausswolff ist toll, das muss großartig gewesen sein! Aber ja, gemütlich kommt einem beim Berghain nicht in den Sinn, ich habe es sogar mal eher als beängstigend beschrieben. Es ist groß, kalt, undurchschaubar. Im Gegensatz zu eurem Bunker in Hamburg, in dem sich das Uebel & Gefährlich befindet, da ist es gemütlicher. Ich spiele da sehr gerne.
Du bist auch abseits vom Touren hier gut rumgekommen, oder?
JG: Es gibt so geile Städte bei euch, ein bisschen was von Deutschland konnte ich schon kennenlernen, ja. Ich war mal über Weihnachten in Schleswig, ganz oben im Norden, dann Silvester in Emden, war in Husum, in Kiel, viel in Bayern und im Schwabenland, in der Pfalz natürlich. Und vor ein paar Tagen war ich in Heidelberg, und da ist mir das Herz aufgegangen: Es gibt nichts Schöneres als den Herbst in Heidelberg! Das Laub macht mich wahnsinnig, diese schönen Farben.
Das klingt, als könntest Du dir vorstellen, hier noch mal zu leben?
JG: Ja, auf jeden Fall. Ich wüsste nicht wann und wie, ich müsste einige Dinge regeln, aber das ist alles machbar. Es wäre nur die Frage: Wo? Ich könnte mir gut vorstellen, in Heidelberg zu leben, in Berlin oder Hamburg, das ist auch wahnsinnig schön. Das Plattdeutsche ist bei euch ja sicher am Aussterben, aber in Hamburg könnte ich mein plattdeutsches Schimpfwörterbuch wenigstens mal zum Einsatz bringen!
John Grant live in Deutschland: 2.11.16, Leipzig, Täubchenthal – 3.11.16, Berlin, Berghain
]]>„This is Chakra Attack! A new approach to Los Santos County integrated health needs, and I’m your host – Dr. Ray De Angelo Harris. Ommm. Let’s all say that again. Ommm.“ Meine eigene Reise startet diesen Morgen am Strand von Los Santos, einem fiktiven Los Angeles. Plan für heute: Ab zum Mount Chilad, mit der Seilbahn hochfahren und auf der Bergspitze Touristen das Smartphone aus der Hand schlagen. Radio an. Motor an. Auf geht’s!
„Ray: My friend, what’s up? Free yourself. Breathe deep. Caller: Yeah, that’s bullshit what you said about coconut water!” Der Highway ist mal wieder voll. Zeit auf den Seitenstreifen zu wechseln – Vollgas! Im echten Leben habe ich nicht mal einen Führerschein, umso schöner hier ein wenig Gas geben zu können. Mein reales Fahrrad mit sieben Gängen kann da einfach irgendwann nicht mehr mithalten. Ich schlängle mich spaßeshalber ein wenig durch den Verkehr, die Umgebung wird grüner – schönes Umland. Fuck! Ein Reh! Rannte direkt auf die Fahrbahn, direkt vor mein Motorrad. Ich werde gefühlt hunderte Meter weit geschleudert, der lebensfernen aber umso spaßigeren Physik des Spieles sei Dank. Kurzes Seufzen, argh, die Seilbahn ist ganz nah, der Restweg geht auch zu Fuß.

„Don’t you go disrespecting coconut water. That’s the nectar of the gods from places that are mad spiritual, with cave paintings, and baking sun, and drum circles, and heat stroke, and where you can swim with dolphins. Dolphins! Wuvuvuvuvu! Wuvuvuvu! And communicate with them! Swim with them and communicate with the dolphins! Dolphins are delivering babies, you punk-ass.“ Langsam tuckere ich zur Spitze. Tolle Aussicht heute! Oben auf der Spitze laufe ich zu den vielen Touris. Ein paar schauen auf ihre Landkarte, andere wandern wieder runter und andere – ha! – machen Selfies. Diesmal versuche ich es spannend zu machen. Ich schleiche mich hinter den Typen, und beginne hinter ihm eine Benzinspur zu gießen. Fertig gegossen fehlt nur ein guter Schuss aus der Schalldämpferpistole und der Spaß kann losgehen. Treffer! Der Touri wedelt brennend mit den Armen als wäre der Akku seines Samsung Galaxy Note 7 explodiert und rennt schreiend über den nächsten Hügel. Ich lache.
„Cheryl: I heard that dolphins molest people. Ray: Where did you hear that, woman? TV? That damn anti-spiritual booty box will suck the life out of you in a minute, make your whole innards glaze over like someone threw your soul into an oven all covered in egg white. Like this coconut water fool right here. Ha ha ha! Listen, my friend, I just drank some, and I’m significantly more hydrated than you.” Wenn GTA-Spiele von Nicht-Gamern bewertet wird, kommt gerne als erstes Argument der hohe Gewaltanteil. Ja, GTA ist blutig, explosiv, gemein zu Hund und Katz – wenn man denn will. Und genau dafür ist ein Sandkasten wie dieser hier da, es wird wild fantasiert. Und es werfen bitte diejenigen den ersten Pixel, die durchs Leben gehen und nicht selbst manchmal so genervt von jemandem sind, dass sie Person XYZ gerne schubsen/schlagen/als Pokémon einfangen wollen würden. GTA bietet keine völlig unverständliche, keine kranke, keine andere Welt. Es ist unsere Welt – gefüllt mit überspitzter Satire. Ich schmunzle im Gedanken an Chakra Attack, denn Kokosnusswasser ist gerade wirklich DAS große Ding in Berlin.

„I’m hydrated. I’m a whole lot wetter than you. People in tropical locations are never thirsty – they discovered the miracle of coconut water. Crack, slurp, crack, slurp – and you fill your glass up. Now, each coconut maybe contains 6 ounces of coconut juice. Now if you’ve got a 16 ounce glass, you’re going to want to break 2 coconuts and hydrate yourself. Or just chop it up and sprinkle it on a coconut cake. You understand? It’s called coconut flakes!“ Auf der Bergspitze steht ein Motorrad bereit. Ich lehne mich nach vorne und rase den Berg herunter, um der ankommenden Polizei zu entfliehen. Mehr schlecht als recht schaffe ich es bis zu einem ebenen Untergrund und komme rechtzeitig am Alamo-See an, um die Sonne langsam untergehen zu sehen. Sehnsucht nach einem echten Road Trip überkommt mich. Doch mal wieder in die Staaten fliegen? Ich drehe den Zündschlüssel nach rechts. Das Radio springt an: „Weazle News“ – Präsidentschaftskandidat wirft Exkremente gegen das Haus seiner Herausforderin. Ist das noch Satire?
]]>Sven: Vor einigen Tagen hatte ich den Erinnerungs-Newsletter für das Kosmonaut.ZIP-Festival in meinem eMail-Briefkasten. Mit der Bestätigung drei neuer Acts. Und tatsächlich ertappte ich mich kurz bei dem Gedanken „Ach, das ist ja um die Ecke. Kannste doch mal hingucken“. Nicht aus professionellen Gründen, sondern rein privat. Auch wenn mich die auftretenden Künstler nur bedingt interessieren, ob ich sie nun kenne oder nicht. Das Ticket kostet schließlich nur um die 20 Euro. Dann der zweite Gedanke: „Äh, Moment! Mache ich damit nicht genau das, was ich kürzlich beim Lollapalooza Berlin einigen Besuchern hypothetisch vorgeworfen habe?“ Und einem Teil des Publikums von innerstädtischen Festivals im Allgemeinen. Touché!
Die Festivals.ZIP-Veranstalter wollen die großen Sommersausen auf jeweils einen „intensiven Abend“ komprimieren. „Wir bringen euch die schönsten Momente der Festivals Kosmonaut, Melt! und splash! mitten in die Stadt“, heißt es im Ankündigungstext. In die Inselparkhalle in Hamburg, ins E-Werk in Köln und in die Kleine Olympiahalle in München.
Ganz ehrlich: Muss eine solche Zweitverwertung sein? Gibt es nicht schon genügend Festivals? Und haben diese drei besonderen Musikfeste nicht auch deshalb ihre schönsten Momente, gerade weil sie in Ferropolis, der Stadt aus Eisen, stattfinden? Beziehungsweise am Stausee Rabenstein bei Chemnitz, der Heimatstadt von Kraftklub, die das Kosmonaut 2013 ins Leben gerufen haben. Jedenfalls nicht in einer x-beliebigen Mehrzweckhalle irgendwo in diesem Land.
Dies soll kein Pamphlet gegen innerstädtische Festivals werden. Was auch verlogen wäre, da ich in diesem Jahr selbst wieder mehrere besucht habe – und den einen oder anderen Vorteil ja durchaus erkenne. (So weiß ich es mittlerweile sehr zu schätzen, im eigenen Bett statt auf einer durchgelegenen Isomatte zu nächtigen.) Zudem sind die Festivals mitunter grundverschieden. Doch ein Gefühl werde ich einfach nicht los: das einer wachsenden Beliebigkeit. Es scheint, als wäre es einigen Leuten immer häufiger egal, wo sie da eigentlich gerade sind. Wer neben ihnen steht. Oder auf der Bühne. Das klingt zunächst ganz gut, es könnte ja verbindend wirken. Könnte, muss aber nicht.
Die Ressource Festival – oder besser: Paaaaaaarty! – ist (zu) einfach zu erschließen. Nämlich unmittelbar vor der Haustür. Also wird sie genutzt, auch wenn die Konsumenten an vielen Aspekten der kulturellen Großveranstaltung offenkundig so gar kein Interesse haben. An der Musik, den Künstlern, daran Neues kennenzulernen. Im Gegensatz zu manch anderem, der sehr viel mehr investiert hat, um die dargebotene Kunst zu genießen. Dem egal ist, ob er gesehen wird – live oder auf Instagram. Dann lasst den doch wenigstens. Es nervt – wenn die Festival-Crowd immer mehr zur Party-Crowd wird.
Was meinst du dazu, Enrico? Zum letzten Satz hast eigentlich du mich inspiriert. Du hast diesen Sommer ähnliche Erfahrungen gemacht.
Enrico: Wenn es nur dieser Sommer gewesen wäre. Ich werde das Gefühl nicht los, dass bei Großveranstaltungen immer öfter mit Spaß statt mit Musik/Künstlern et cetera geworben wird. Das findet sich stellenweise in Festival-Nachberichten wieder. Letztes Wochenende fand in Berlin die „Comic-Con“ statt – anderes Thema, aber ähnliche Reaktionen – nämlich dass viele Leute Bescheid wissen über das, was nicht funktioniert, aber am Ende vor ihrer eigenen Meinung zurückschrecken und sagen: „Aber hej, dafür hatte ich Spaß.“ Ebenso beim Michelberger Music Festival. Als ob Spaß die einzige Währung wäre, die zählt. Das sagt auch viel darüber aus, welchen Stellenwert die Musik für solche Menschen einnimmt. Sie muss nur da sein. Sie muss weder besonders gut klingen, noch ist es wichtig überhaupt in guter Hörweite zu stehen. Wichtig ist hingegen ob die Kamera gerade wieder überbelichtet und – oh nein! – das Bild wäre so gut geworden ohne das startende Stroboskopgewitter auf der Bühne, verdammt!
Beim Primavera fiel das besonders auf: Sigur Rós spielen wunderschöne Musik auf der Bühne – und neben mir werden die ganze Zeit Fotos gemacht oder Textnachrichten beantwortet, nur um am Ende des Songs zu klatschen und zu rufen „Please repeat!“. Sind das Auswirkungen zu starken Spotify-Konsums? Musik ist immer verfügbar, also wieso besonders drauf achten? Ich drücke eine Taste und es geht eh wieder von vorne los? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich bin kein Wissenschaftler und kann deren Gefühl nur mein eigenes entgegenstellen – dass Musik mehr verdient hätte als nebenbei runtergedudelt zu werden.
Ich habe deshalb vorerst mit Festivals abgeschlossen, egal ob klein oder groß, und konzentriere mich wieder mehr auf Einzelerlebnisse. Schöne Konzerte wie das der Bedroom Community im UT Connewitz letzte Woche. 10 Jahre Label-Tour. Der Sound hätte nicht besser sein können, das Publikum war aufmerksam und das Smartphonieren hielt sich sehr in Grenzen. Es war ein Abend so wie er sein sollte – auf die Musik fokussiert.
Titelbild: Enrico Seligmann
]]>„Wohnst du da?“ fragte ich meine Freundin sogleich leicht euphorisch und erwartete ein zweites Neukölln voller Bartträger, angetrunkener Touristen und Spätis inmitten von Frankfurter Bankiers und Drogensüchtigen. „Bist du irre? Nein, da bekämen mich keine zehn Pferde hin!“ Damals dachte ich noch, sie eiferte gegen das eindringende Hipstertum in die Schnöselstadt. Als ich die von der ZEIT umschwärmten Straßen letztendlich entlang lief, verstand ich ihre Empörung.
Multi-Kulti zwischen Bankentürmen
Es war samstagabends, wir hatten Hunger und nirgends einen Tisch reserviert. Also versuchten wir unser Glück direkt im Bahnhofsviertel und bekamen sogar noch Plätze in einem dieser gehypten Burgerläden. Ein Szene-Lokal durch und durch: ein eigener Instagram-Hashtag auf der Speisekarte, Industrie-Chic und Cocktails in Einmachgläsern. Der Laden liegt am Anfang des „sexy“ Viertels an einer belebten Sackgasse. Während wir unsere Burger auf Holzbrettern serviert bekamen, öffneten Obdachlose auf der anderen Straßenseite ihre nächste Flasche Korn. Junge Männer kämpften gegen nahende Entzugserscheinungen. Teenager liefen mit Primark-Taschen vorbei. Sexy sieht für mich anders aus.
Ich habe mir ein Bahnhofsviertel gespickt mit hippen Bars und Restaurans vorgestellt, in denen Vintage-Bilder an unverputzten Wänden hängen, Menschen mit Jutebeuteln ihr Flaschenbier vor Kiosken trinken und elektronische Musik aus den Bars wabert, sobald jemand die Tür öffnet. Eben das Hipster-Image par exellence. Die Wahrheit aber sieht so aus: Asia-Imbiss, türkischer Lebensmittelladen, Kebap, Gemüsestand, Späti, türkisches Haushaltswarengeschäft, progressiver Burgerladen. Und das wiederholt sich in den umliegenden Straßen, die noch zum Bahnhofsviertel dazugehören. Nur, dass die zahlreichen Burger-Lokale wahlweise durch eine Bar oder ein anderes Szene-Fast-Food-Restaurant ersetzt werden können. Die Dichte an wirklich hippen Spots ist gering, sie können fast an einer Hand abgezählt werden.
Erst Instagram, dann Puff?
„Auch ein Kiosk ist Kult. Dutzende Menschen stehen oft vor und im Yok Yok.“ Als wir an besagtem Späti vorbeilaufen, muss mich meine Freundin erst darauf hinweisen, sonst wäre mir der Kult-Laden gar nicht aufgefallen. Eine Person steht rauchend davor, von dutzenden Menschen keine Spur. Klar, im Sommer ist hier sicherlich mehr los. Aber Samstagabend ist wiederum DIE Späti-Zeit.
„Von der Münchener Straße mit ihren Lebensmittelläden, Imbissen und Bars sind es nur fünf Minuten bis zu den Bordellen, Tabledance-Bars und Striplokalen.“ Biegt man einmal falsch ab, landet man im Rotlichtbezirk. Einige Prostituierte fangen schon vorher interessierte Kundschaft ab. Ob die tätowierten Hipster vom Bahnhofsviertel auch dorthin abbiegen, nachdem sie in der Nebenstraße den richtigen Instagram-Filter für ihr Pastrami-Sandwich gefunden haben?
Mein Fazit: Die Straßen rund um den Frankfurter Hauptbahnhof sind weder sexy noch hip. Die wenigen Locations, die dort als szenig bezeichnet werden können, versuchen zu stark, den Flair des Big Apple zu imitieren, was zwar in der New York Times auch schon gut ankam, aber wer ist schon gern nur eine Kopie? Für sich allein mögen sie ein hipper Mikrokosmos sein, aber der Kiez bleibt dennoch weiter ein Problembezirk und die Junkies und Prostituierten fördern das Hipster-Image nicht gerade. Ich frage mich, was die ZEIT da gesehen hat. Der Titel „Hotspot der Szene“ mag vielleicht stimmen, nur ist die Szene dann wohl klitzeklein. Frankfurt, mach dir keine Mühe! Berlin belächelt dich so eh nur.
Fotos: sunsets_and_bubbles und tj unter Verwendung der creative common license
]]>Ihr Solodebüt zeichnet sich bereits durch eine Eigenständigkeit aus, die in Rohheit und emotionaler Bloßstellung an andere großartige Musikerinnen erinnert. Aber: Olsens Lieder sind nicht so durchsexualisiert wie die der frühen PJ Harvey, nicht so verspielt wie die von Bat For Lashes, nicht so auf Stil bedacht wie die einer Lykke Li – der eheste Bezugspunkt ist wohl Cat Power, die sich ähnlich im Frühwerk durch eine Schwere des Seins kämpfen musste, ehe sie mit „Sun“ den Schritt in den, sagen wir, Submainstream schaffte, mit Würde und Gespür ihre Musik zugänglicher machte. Angel Olsens drittes Album „My Woman“ vollzieht einen ähnlichen Schritt, macht jetzt gerade aus dem Geheimtipp eine Empfehlung an das größere Publikum – mit immer noch besonderem Charakter. Das Spannendste ist nun, ob sie auf ihren Konzerten die Gratwanderung schafft, dem alten Material wie dem neuen mit ihrer Band gerecht zu werden. Im Idealfall wird die unerreichbare Schönheit des Abends uns zerstören.
Angel Olsens Konzert im Hamburger Kampnagel am 19. Oktober ist fast ausverkauft. So oder so, wir setzen euch mit Begleitung auf die Gästeliste und verlosen 1×2 Tickets – schreibt bis Montag (17.10., 23.59 Uhr) eine E-Mail an [email protected] mit dem Betreff „Angel Olsen“ und eurem Namen als Inhalt. Viel Glück!
https://www.youtube.com/watch?v=-RGAHeeFr_E
]]>E: Du bist am Sonntag länger geblieben als ich. Meine Geduld hat nur bis zum späten Nachmittag gereicht. Wie war der Abend noch?
J: Eigentlich hat es richtig gut begonnen. Nach 20 Minuten Warten konnte ich endlich in eins der Studios reinschauen, wo gerade Ragnar Kjartansson altertümliche deutsche Musik im edlen Frack darbot. Und anschließend gab es sogar mit einer Poliça-Stargaze-Performance ein richtiges Highlight in Saal 1. Leider war die Euphorie nur von kurzer Dauer, denn das Programm wiederholte sich wenig später erneut auf der Hauptbühne.
E: Apropos Wiederholung: Von vielen war zu lesen, dass sie eine bestimmte Performance mehrmals gesehen haben und, obwohl sie beispielsweise große Fans von Lisa Hannigan waren, gerne mal jemand anderem gelauscht hätten. Was halb so wild gewesen wäre, wenn man nicht vorher teils eine Stunde angestanden hätte. Am Sonntag war es glücklicherweise sonnig und der gute Erlend Øye hat sich mit Gitarre in die Warteschlange gestellt und für viele glückliche Gesichter gesorgt. Meines verging mir nach dem darauffolgenden mauen Gig von Woodkid aber wieder. Er gab in einem kleinen Studio ohne Mikro, dafür mit Piano-Begleitung, ein paar Stücke zum Besten. Leider ist seine Stimme nicht gerade für Akustik-Gigs gemacht. Von daher war für mich danach Schluss. Dabei war der Tag zumindest besser als Samstag.

J: Da sagst du was. Lass es uns einfach auf den Punkt bringen: Das Konzept war genial, die Umsetzung grauenvoll. Irgendwie konnte man es eh nicht ganz glauben: Da kommen deine Lieblingskünstler zusammen, sperren sich in einem alten geschichtsträchtigen Aufnahmestudio ein, um ihre Kreativität auszuleben und anschließend den Fans ihre Errungenschaften in kleinen intimen Sessions preiszugeben. Schon allein bei der Besucheranzahl hätte man aber stutzig werden können. Mit 5000 Menschen stellt man es sich schwierig vor, eine intime Atmosphäre zu schaffen. Vermutlich sind auch die Veranstalter in ihrer romantischen Vorstellung etwas naiv gewesen. Der Plan war, neben einer Hauptbühne, die für alle zugänglich war, mittels Zuteilung in Gruppen und Timeslots kleinere Sessions auf die Beine zu stellen und darüber hinaus jeweils eine gefühlte Handvoll Leute in die noch kleineren Studioräume des Funkhauses zu bitten. Klingt super. Blöd nur, wenn alle 5000 Leute Interesse haben, genau diesen so sehr angepriesenen intimen Sessions zuzuhören. Leider resultierte der erste Tag in einem Potpourri aus frustrierten Gesichtern, langen Warteschlangen vor den Studioräumen und dem permanent unangenehmen Gefühl “Was verpasse ich wohl gerade?”.
E: Ich fand den Grundgedanken ja schön, mal nicht nach bekannten Namen zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und Musik zu entdecken. Dass sowas nötig ist, zeigte sich schon an den vielen Nachfragen auf der Event-Seite, wann denn genau Bon Iver spielen würden – als ob nur diese Band gute Musik machen würde. Doof nur, wenn gar keine Möglichkeit war, sich treiben zu lassen. Ständig irgendwelche Schlangen, Megafon-Durchsagen wer wann wo zu sein hat und nie die Möglichkeit, Musik mal wirken und sacken zu lassen. Denn schon wurde man wieder aus dem Raum rausgeschickt. Am Samstag standen wir auch 30 Minuten an für einen Studiobesuch, wurden in eine bereits gestartete Performance geschickt, die aber 15 Minuten später schon wieder rum war. Frustrierend! Da war nix von dem entspannten Flow, mit dem geworben wurde. Und du hast es schon geschrieben – bei 5000 verkauften Tickets muss doch klar sein, dass das alles eine gewisse Ordnung braucht. Da bringt einem so ein Hippie-Spirit à la alles locker und unverbindlich nichts, wenn einfachste Hausaufgaben nicht gemacht werden. War denn für dich etwas sehr gut am ersten Tag?

J: Das Fountain of Youth Coconut Water! Okay, Scherz beiseite. (Obwohl, es war wirklich lecker!) Ich mochte tatsächlich unsere zweite Session an dem Tag mit Justin Vernon, Erlend Oye, Damien Rice, Ragnar Kjartansson und dem Rest des „Folk-Circle“. Aber auch nur, weil ich das Gefühl hatte, hier sehe ich nun endlich mal ein paar der Namen. Enttäuschend war hingegen, dass sie statt zu zeigen, was diese Singer-Songwriter-Masterminds sich die vergangenen Tage so ausgedacht haben, ihre Lieblingssongs spielten. Das war zwar unterhaltend, aber dennoch hinterließ es einen bitteren Beigeschmack – ganz offenbar hatten die Künstler eine supertolle Woche, aber der Besucher, der ihm diese Woche finanziert hat, bekommt nicht viel davon mit. Außer einen Song von Damien Rice, in dem er über sein Geschlechtsteil singt.
E: Ja, an vielen bunten Kollaborationen hat es gemangelt. Gerade das war es doch, was sich viele erhofft hatten. Und wenn es solch ein Zusammenspiel gab, dann bekam den nur eine Gruppe zu sehen, oder – mit Glück – alle, wie gestern Abend. Dabei wäre gerade der Abendslot perfekt gewesen für mehr solcher Konzerte. Denn ab 21 Uhr wurden die Studios zugemacht und nur noch Musik auf der Hauptbühne gespielt. Da wurde am Samstag gerappt, später noch der Bass hochgedreht bei “Mouse on Mars”, aber der Auftritt wurde schon richtig kommentiert: Das ist Musik, die sowieso schon ständig in Berlin läuft. Wirklich schön war nur der Auftritt von Poliça am Samstag und die Tanzperformance-Truppe aufgrund der starken Musik. Sehen konnten diese Truppe nämlich leider wieder nur ein paar Hundert, die um die kleine Bühne herum Platz fanden. Ich merke schon, immer wenn mir etwas Positives einfällt, prasseln direkt wieder mehrere negative Erinnerungen auf mich ein. Sooooo viel verschenktes Potenzial. Wie viel hättest du für das, was du gesehen hast, eigentlich höchstens bezahlt?
J: Fragt derjenige, der für sein Ticket ein Bier und eine Mahlzeit ausgeben musste… aber im Ernst, es ist eine etwas fiese Frage. Hätte ich gewusst, was ich auf dem Festival erleben darf, dann hätte ich mich für ein ruhiges Wochenende zuhause und mit Netflix entschieden. Wäre allerdings die Planung etwas besser verlaufen und hätte man nur halb so viele Tickets verkauft, dann wäre es die 88 Euro durchaus Wert gewesen. Allerdings funktioniert das nur, wenn man als Gast nicht das Gefühl hat, andere Gäste bekommen etwas besseres geboten als ich. So kommen wir wieder zu dem von dir angesprochenen Problem, dass manche Leute dieselben Acts drei Mal sahen, dafür andere gar nicht.
E: Das sollte doch keiner wissen! Aber ja, ein High Five an den freundlichen Chris, der mir sein zweites Ticket für eine Mahlzeit und zwei Bier gegeben hat. Dadurch konnte ich einen Teil der Probleme mit Galgenhumor nehmen. Aber wo ich schon beim Thema bin: Bei sieben Euro für eine kleine Schüssel Reis mit Gemüse und Nüssen, sowie Bierpreisen die dem Oktoberfest Konkurrenz machten, von fairen Preisen zu sprechen, ist ebenfalls dreist. Ja, angeblich haben die KünstlerInnen alle kein Geld bekommen und der Ticketpreis ging einzig und allein ins Drumherum, aber dann muss eben an der einen oder anderen Stelle was gedreht werden, wenn die Rechnung sonst nicht aufgeht. Ein großer Teil der Festivalbesucher hat sich anderweitig beholfen und die nahegelegene Shell-Tankstelle in Beschlag genommen. Oder wie es ein Besucher so schön formulierte: das Mishellberger Music Festival besucht. Der Galgenhumor ging also auch bei anderen um. Mein Fazit: tolle Idee, aber sehr schlechte bis mittelmäßige Umsetzung.
J: Dem kann ich nichts entgegensetzen. Anstatt, dass mich die Muse der Musik-Inspiration geküsst hat, habe ich gelernt, was es heißt, sich in Geduld zu üben. Außerdem konnte ich mal wieder meine Beinmuskeln stärken bei dem langen Anstehen. Obwohl, nach dem Coconut Water werde ich demnächst mal Ausschau halten.
E: Da hat das Marketing ja alles richtig gemacht, haha. Danke fürs – im wahrsten Sinne des Wortes – Mitdurchstehen der Veranstaltung.
Fotorechte: Janine Freudenberg (Artikelbilder) und Enrico Seligmann (Titelbild)
Nun an diesem Punkt angekommen, resümieren die drei Gründer des Jungen Literaturhauses Berlin Lettrétage ihre ursprünglichen und zukünftigen Erwartungen an das gemeinsame Projekt. Ich habe sie auf ein Gespräch getroffen.

Über Literatur und Politik, Mauerblümchen und die Kraft der Sprache
Zu dieser Artikelserie hat mich vor allem die Frage inspiriert, inwiefern Literatur eine politische Dimension annehmen kann und Orte, an denen Literatur diskutiert wird, ein revolutionäres Potential entfalten können. Wo würdet ihr die Lettrétage hier verorten?
Moritz: Das ist ein total interessantes Thema weil meiner Ansicht nach eigentlich genau das Gegenteil der Fall ist. Es ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit in der Literaturszene oder in der Autorenszene, zu sagen, Literatur sei per se etwas, das politisch Stellung nimmt oder einen gesellschaftlichen Einfluss hat. Wir hatten jetzt gerade erst wieder den Fall, dass es völlig selbstverständlich ist für die Theatersparte ein Manifest zur Abgeordnetenhauswahl gegen die AfD zu publizieren. In der Literatur würde man davon vielleicht eher die Hände lassen, so eine direkte politische Stellungnahme zu verfassen. Ich denke das oft, dass Literatur oder das Buch früher ein leitendes Diskursmedium war, das mittlerweile eigentlich total marginalisiert ist. Die ganze Literaturszene führt so ein Mauerblümchendasein, also ist überhaupt nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit präsent.
Tom: Seit Günter Grass tot ist, gibt es keinen politischen Autor mehr. (lacht)
Moritz: Genau. (lacht auch)
Tom: Man müsste in Bezug auf Literatur erstmal klären: Was ist denn Politik? Geht es dabei wirklich um irgendwelche Manifeste oder ähnliches? Was mich interessiert – und das wäre jetzt einen Schritt vor dem Buch: Vor dem Buch steht ja eigentlich noch die Literatur. Jedes Buch ist ja eigentlich nur eine Begrenzung von dem, was eigentlich möglich ist. Daher ganz unabhängig vom Buch: Wenn Literatur als politisches Instrument interessant sein soll, dann weil sie zu einer offenen Öffentlichkeit beitragen kann. Und in Bezug auf die Lettrétage: Wenn wir als Ort zu dieser Art literarischem Diskurs beitragen können, wäre ich sehr froh.
Moritz: Das interessante an der ganzen Geschichte ist ja auch, wenn man das jetzt zuspitzen will: Unser Medium ist die Sprache und die Sprache ist gleichzeitig auch das Medium, in dem der ganze Diskurs stattfindet und in dem man differenziert mit der Wirklichkeit umgehen kann. Und das schaffen viele von den Leuten, die ständig rumschreien auf Facebook oder wo auch immer, eben gerade nicht. Und darum liegt in der Sprache etwas Politisches: Dass man auf virtuose Weise die Wirklichkeit in allen Verästelungen beschreiben kann. Das Eigenartige ist ja, dass Literatur in Diktaturen immer plötzlich total politisch oder gesellschaftlich wird.
Tom: Ja und auch total wichtig. Weil je demokratischer die Gesellschaft ist, umso weniger Leute lesen Lyrik. Also leben wir scheinbar in der besten aller möglichen Welten, weil ja keiner Gedichte liest. (schmunzelt) Und je restriktiver die Gesellschaft ist, umso wichtiger ist das, was zwischen den Zeilen steht.
(Katharina kommt hinzu.)

Über Gründungsimpulse, DJ Bobo sowie die Authentizität des Moments und das Filtern
Ein weiterer Anlass unseres Gesprächs ist ja vor allem eure Zehnjahresfeier am 1.10.2016. Wenn ihr nun einmal zehn Jahre zurückblickt, mit welchen Erwartungen seid ihr damals in das Projekt Lettrétage eingestiegen, inwiefern haben sie sich erfüllt und wo soll es noch hingehen?
Moritz: Die Gründung der Lettrétage war keine planvolle Tat zur Rettung der Literatur, sondern das haben wir damals angefangen, weil sich die Gelegenheit ergab, weil wir Lust dazu hatten. Das hat sich mehr oder weniger einfach so entwickelt, ohne dass wir auch nur mit dem Gedanken spielten, dass daraus irgendwann mal ein Beruf werden würde. Diese Unmittelbarkeit, dass man letztendlich dort tun kann, was man will, auch relativ spontan, das gefällt uns allen bis heute sehr gut und das findet auch weiterhin so statt, eigentlich fast wie am ersten Tag. Was dazugekommen ist und was die Sache größer und aufwendiger gemacht hat, sind die immer größer werdenden Projekte. Zugleich ist das Alte vom ersten Tag an fast unverändert geblieben, das Gastgeber-Sein, das heißt, man schließt eine Tür auf, und mal kommen drei Leute und mal 30 oder 50.
Katharina: Im Frühjahr 2017 kam noch ein Freund von mir hinzu, der Schauspieler ist: Denis Abrahams. Er ist jetzt seit neuneinhalb Jahren auch mit dabei, hat immer wieder gelesen und ist aus unserem Programm nicht mehr wegzudenken. Lettrétage war für mich lange Hobby, dann Nebenberuf und ist in den letzten zwei Jahren durch unser internationales CROWD Projekt zum Hauptberuf geworden… tja, leider ist der noch prekär… und da kommen wir auch zu den Zielen. Zu einem zumindest: aus diesem Prekariat rauszukommen, einfach generell eine bessere finanzielle Struktur zu schaffen.
Mir gefällt es sehr, dass wir eine Ankerposition der freien Literaturszene sind. Das heißt für mich eben vor allem, auch Türen zu öffnen, Leute in den Raum zu lassen, und zu sagen: Macht euer Ding – und sich überraschen zu lassen. Wir schauen natürlich drauf, ob das generell passt. Im Grunde bedeutet das für mich, eine Offenheit zu haben gegenüber dem, was kommt. Man kann nicht alles kontrollieren. Die Kehrseite ist natürlich, dass ein gewisses Risiko mit dabei ist. Diese Vielfalt im Programm zu haben, heißt, verschiedene Literaturvorstellungen und literarische Ansätze aufeinander prallen zu lassen. Leute einzubinden, die mit ihren eigenen neuen Ideen kommen. Damit das Gesamtkonstrukt Lettrétage frisch bleiben kann.
Was mir besonders großen Spaß macht? Die Suche nach neuen Formaten der Literaturveranstaltungen. Außerdem möchte ich gerne weiterhin international arbeiten – das europäische Kooperationsprojekt CROWD macht mir momentan großen Spaß. Und ich möchte auch gerne weiterhin gucken, dass wir Ankerposition nach innen hin bleiben, also aufmerksam für die Bedürfnisse der freien Literaturszenen in Berlin sind. Und, nicht zuletzt, dass wir hoffentlich dafür auch irgendwann eine dauerhafte Finanzierung bekommen.

Tom: Am Beginn stand für mich erstmal das Veranstalten von Literatur. Literatur dabei als Kommunikationsmittel zu verstehen, als Gesprächsanlass, als Anlass zu Begegnungen von Menschen. Statt: „Ich les mein Buch zu Hause und das ist Literatur“, vielmehr: „Es gibt Texte und sie sind Anlass dafür, dass ich Menschen begegne.“ Für die nächsten zehn Jahre wäre es für mich wichtig zu überlegen: Wie kann man die Beziehung zwischen administrativen Strukturen und infrastrukturellen Tätigkeiten zu diesem initialen Impuls des Aufschließens und des Gastgebens in eine sinnvolle Balance setzen? Sodass es seriös ist und und trotzdem diese Abenteuerlust und dieses “Wir schließen heute Abend auf und wissen nicht so richtig was passiert“ seinen Raum findet.
Moritz: Eigentlich ist es eine Umkehrung von dem traditionellen Literaturhausmodell. Vielleicht war es vor 30 Jahren auch noch viel notwendiger, eine Filterinstanz zu haben. Es war ja viel schwieriger, sich einen Überblick zu verschaffen, und da ist es toll, wenn einem jemand, der von morgens bis abends liest und alle wichtigen Neuerscheinungen geprüft hat, dann sagt: Das ist gut und das ist schlecht. Heute weiß ich als ‚Literaturendverbraucher‘ schon viel genauer, was ich will, und muss eigentlich eher dazu gebracht werden, diese Gewissheit wieder aufzugeben. Eigentlich ist das unsere Aufgabe hier, jetzt, heute. Eine weitere Erfahrung ist, dass es Literatur gibt die wenn ich sie lesen würde, total peinlich wäre und wenn du den Autor dann hörst, dann kann sie eine Authentizität oder eine Kraft haben, die vielleicht auch gerade in der Peinlichkeit liegt.
Tom: Mich erinnert das wirklich total an folgendes Beispiel: Vor drei Jahren war ich auf einem DJ Bobo Konzert – ein Freund aus der Schweiz hatte mir das Ticket besorgt – und war da in einem Saal mit 5000 Menschen und merkte, dass die eine gute Zeit haben, dass das eine total echte, ehrliche Erfahrung für sie ist. Und wozu wär ich denn dann da, wenn ich mich nicht anstecken lassen könnte von diesem echten Moment? Und das ist auch eine spannende Frage in Bezug auf das, was Literatur in Veranstaltungen kann, nämlich echte Momente zu erzeugen. Und das unbefriedigendste ist genau das Gegenteil davon, wenn du aus einer Veranstaltung rausgehst und denkst: Kann man machen, muss man aber auch nicht.
Das heißt dieses Nicht-Richten über gute oder schlechte Literatur erzeugt auch einen gewissen Freiraum?
Katharina: Na, zumal ja dieses Richten über Literatur auch voraussetzt, dass der Richter nicht gerichtet wird und das ist das Problem an der Sache. Man müsste, wenn man es ganz korrekt machen wollte, erstmal seine Kriterien darlegen, sie sachlich begründen und dann sagen, wieso man auf dieser Grundlage zu dem Urteil über den Text von Autor X kommt. Und da liegt das Problem, weshalb ich auch auf Autorität als Instanz erstmal wenig Lust habe. Ich halte dieses ungerichtete Richten für grundverkehrt, denn Kunst ist nunmal ein Gegenstand, an dem sich glücklicherweise die Geister scheiden. Wenn sie es nicht täten, dann langweilten wir uns die ganze Zeit. Und damit etwas ehrlicher umzugehen, würde bedeuten, zuzugeben, dass es am Ende individuelle subjektive Geschmäcker sind, mit denen wir es zu tun haben. Es ärgert mich sehr häufig, weil mit diesem Richten auch eine gewisse Selbstzufriedenheit verbunden ist. Sich selbst da kritisch zu überprüfen, auch wirklich eine Selbsthinterfragung mal aktiv anzugehen, das halte ich für ganz wichtig. Sonst zementiert man da was zu.

Über Literaturaktivismus, DIE Feier und Lesungen in Bordellen
Ich bin vor allem bei eurem CROWD Projekt über den Begriff des Literaturaktivismus gestolpert. Was versteht ihr darunter und würdet ihr euch selbst als Literaturaktivisten bezeichnen?
Tom: Das ist natürlich ein Kampfbegriff, natürlich rückt man damit kulturelles Engagement in die Nähe des Politischen. Wir haben versucht, ein paar Kriterien zu entwickeln: Es muss einen Impuls geben, eine Leidenschaft geben. Es muss aber auf der anderen Seite auch der Zug zur Nachhaltigkeit vorhanden sein, das Bedürfnis, Rahmenbedingungen zu verbessern und diesem Bedürfnis in der täglichen Arbeit nachzugehen.
Katharina: Wobei man aber auch sagen muss, dass wir den Begriff Literaturaktivist – so wie wir ihn hier in der CROWD benutzt haben – als Sammelbegriff verstehen: nicht nur für Literaturveranstalter, sondern auch für Übersetzer, Autoren, Literaturzeitschriftenmacher und Leute, die interessante literarische Blogs machen. Also auch solche, die Öffentlichkeit für Literatur herstellen. All das sind ja Literaturaktivsten.
Moritz: Ja und nein – einerseits sind wir natürlich schon Betriebshammel geworden, die einen sehr großen Tanker aufgebaut haben. Wir sind schon sehr professionalisiert. Und auf der anderen Seite sind wir Aktivisten, weil wir hauptsächlich über Einzelprojekte arbeiten und darüber Impulse geben wollen.
Wie werdet ihr denn eurer Zehnjähriges gebührend feiern?
Tom: Wir haben eine Sprechinstallation, die zeigen soll, was wir in den letzten zehn Jahren als Idee von Literaturvermittlung immer wieder hin und her werfen, dass heißt also es wird eine nicht klassische Literatur-Live-Situation geben, gestaltet vom wunderbaren Lyriker Mathias Traxler und unserem Gründungsmitglied und Lieblingsrezitator Denis Abrahams. Darüber hinaus wird es viel gute Laune geben. Für uns ist auch ein wichtiges Element dabei, einfach nochmal klar zu machen, dass zwar wir drei die Lettrétage gegründet haben, aber ein sehr großes Stück der Lettrétage eben die vielen PraktikantInnen und MitarbeiterInnen der letzten zehn Jahre, die vielen ehrenamtlichen Helfer, das Publikum und die vielen AutorInnen sind. Wir alle sind die Lettrétage, wir alle glauben an die Literatur als Kommunikationsmittel, als Anlaß zur offenen, hierachiefreien und abenteuerlich wundersamen Begegnung!
Erst vorletztes Wochenende hat die 2. Späti-Biennale um den Berliner Mariannenplatz stattgefunden, bei der verschiedene Kunstprojekte, Dokumentarfilme und Lesungen in Spätis verlagert wurden. An welchen Orten wolltet ihr schon immer mal eine Literaturveranstaltung initiieren?
Tom: Ich finde es immer noch sehr spannend, das Prinzip Lyriktaxi zu verfolgen. Also in der Stadt unterwegs zu sein und während man fährt, etwas vorgelesen zu bekommen – und dann auch sehr intim weil nur zwei Leute reinpassen. Das wären für mich spannende Elemente. Oder Lesungen in Bordellen, einfach weil es eine super ungewohnte Atmosphäre erzeugen würde.

Moritz: Tom möchte im Taxi lesen, ich möchte mal eine Veranstaltung im Olympiastadion machen. Ich finde, ein Veranstaltungsort ist erstmal egal; er wird erst in dem Augenblick interessant, wenn das, was du da machst, und der Ort nicht mehr 100 Prozent kongruent sind.
Katharina: Tempelhof! Als Transitraum, als Übergangsort. Aber am Ende macht es sich nicht am Ort fest, sondern ist es wirklich dieses „Dinge aufbrechen“. Möglicherweise auch in einer Bank, wo jeder komplette Seriosität und Uniformität erwartet und man am besten dagegen geht. Irgendwo, wo der Code sehr klar und sehr uniform ist und man eine entsprechend gute Angriffsfläche hat.
Ich sage herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch und möchte alle noch einmal dazu einladen, mit der Lettrétage am 1.10.2016 die Literatur in all ihren Formen und Möglichkeiten zu feiern und immer mal wieder einen Blick auf das Programm dieses Literaturhauses zu werfen – insbesondere in die Entwicklungen des internationalen CROWD-Projekts. Happy Birthday und alles Liebe!
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