Wo die Plastikblumen welken

Vom Glück, Zockern und dem staubigen Glanz der Pferdewetten. Flâneurin Clara war auf der Trabrennbahn unterwegs – einem fast vergessenen Ort Berlins.

Es ist schummerig. Der Teppich changiert zwischen braun und senfgelb. Rauschschwaden verhängen die zittrigen Lichtquellen. Die Augen brennen vom beißenden Qualm der Zigaretten. Stifte klacken auf den Tisch – das monotone Geräusch von äußerster Konzentration; Papier wird hektisch zusammen geknüllt.

Ein älterer Herr stemmt sich aus seinem Plastikstuhl, die speckige Lederjacke löst sich nur langsam; mit schweren, dumpfen Schritten schleppt er sich durch den Raum, vorbei an den runden Tischen. Er bleibt stehen, dreht den Kopf zu dem schwarzen klobigen Kasten an der Decke – ein Fernseher, der Pferde auf einer Sandbahn zeigt – das Bild wechselt, Zahlenreihen füllen den Schirm. Der ältere Herr schiebt sich die Brille auf die Nase, hebt das Kinn, kneift die Augen zusammen und studiert den Bildschirm. Kopfschüttelnd reißt er den Blick von den Zahlen, den Quoten, die den potenziellen Gewinn beim Sieg des jeweiligen Pferdes anzeigen.

Es ist einige Minute vor Beginn des letzten Rennens – noch ändern sich die Quoten minütlich, noch ist nichts sicher.

Der betagte Wetter wendet sich zu der Kassenzeile an der gegenüberliegenden Wand. Von der langen Reihe an Wettschaltern sind heute nur fünf beleuchtet. Die Übrigen liegen verlassen und vergessen hinter den getrübten Glasscheiben. Er streckt seinen Arm zu dem Stapel Wettscheinen an dem ersten Schalter. Seine Brille hängt nur noch mit einem Bügel über dem Ohr, der andere klemmt unter seinem Kinn. Das schüttere graue Haar muss sich alleine Halt suchen. Der Mann mit der hängenden Brille hebt die Hand zum Gruß.

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„Na Doktor, wie geht’s uns?“, schallt es von der anderen Seite der Kasse – man kennt sich, duzt sich. Hinter dem Wettschalter stützt sich Herr Tieck gegen die Wand und lacht. Sein Bauch drückt gegen den Tisch, gekrümmte Finger liegen wartend auf der elektronischen Kasse. Der Stammbesucher kehrt um, lässt sich wieder auf seinen Stuhl fallen, die Lederjacke quietscht klebrig. Herr Tieck beobachtet den Zocker noch einen Moment, um im Nächsten wieder in der Traberwelt–Zeitschrift zu versinken. Er streicht sich nachdenklich über die Haare, notiert etwas, starrt ins Leere.

Seit über 40 Jahren arbeitet er auf der Trabrennbahn. Zunächst nebenberuflich und nun als Pensionär; er füllt die Leere der eigenen vier Wände. Damals, noch während des Studiums, hat er über einen Bekannten den Weg zur Trabrennbahn das erste Mal beschritten und konnte sein Glück über einen so lukrativen Nebenjob gar nicht fassen. Über 200 Mitarbeiter_innen füllten jeden Renntag das Gelände mit Leben. Wetten wurden per Hand getätigt, die eine Hälfte der Angestellten nahm Wetten an, die andere zahlte aus. Heute macht eine Kasse alles. Der Wettschein wird eingelesen, TOTAL gedrückt, Kleingeld von einer schwitzigen Hand zur nächsten gereicht und die Kasse spuckt ein Wettticket aus.

Heute ist alles anders. Hier am Rande der Metropole Berlin. In Mariendorf.

An Wintertagen zwängen sich die vereinzelten Stammbesucher durch das vergitterte Tor, das nur einen mannsgroßen Spalt offen steht, auf das Gelände. Vorbei an einem verwaisten Kassenhäuschen blicken sie in die graue Leere. Das neue Tribünenhaus, eine gläserne Hommage an die Siebziger Jahre, grüßt mit verblasster Bier-Werbung. Doch einmal im Jahr kommt wieder Leben zwischen die meterhohen Scheiben und die weißen Plastikstühle: Mit dem Deutschen Traber Derby. Seit über 75 Jahren zieht diese Großveranstaltung über eine Woche Ende Juli/Anfang August Menschen aus aller Welt nach Mariendorf. Über einen roten Teppich ziehen sie auf die Rennbahn – kichernde Grüppchen mit Pfennigabsätzen auf der Suche nach der VIP-Tribüne, junge Kleinfamilien beim allerersten Besuch auf der Trabrennbahn, skandinavische Pferdebesitzer in feuchtfröhlicher Feierlaune und altbekannte Stammzocker in fleckigen Hemden. Aus einiger Ferne ertönt Hufgeklapper der vorbeitrabenden Pferde und Sulkys der Fahrer, die sich für das Rennen einlaufen.

Die Plastikstühle sind nun belegt. Draußen und drinnen sammeln sich mehr und mehr Menschen mit Bier, Bratwurst und Eis. An den Wettkassen bekommen Neulingen das Wetten und die Quoten erklärt, werden die Tippzettel für das ganz große Glück verkauft und die Gewinne ausgezahlt. Zwischen Bangen, Fluchen und Jubeln vergibt der eine oder andere C-Promi den Siegerpokal an das Gewinnergespann.

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An diesem Augustabend summt die Rennbahn Mariendorf lebhaft und ist dennoch ein Schatten ihres einstigen Selbst. Der Geist einer Zeit von Damen mit kutschradgroßen Hüten, stolzen Pferdebesitzern und den prallen Portemonnaies risikofreudiger Kavaliere lässt sich vielleicht noch zur Derbywoche verspüren. Vor nunmehr 100 Jahren, 1913, nahm Berlin die Trabrennbahn Mariendorf als modernste Trabsportanlage Deutschland feierlich in Betrieb. Zwei Weltkriege und ein geteiltes Deutschland später laufen die Pferde noch immer. Doch seit den 1990er bangt die Stätte des Glücksspiels um ihre Existenz. In Berlin entstehen mehr und mehr Wettbüros und Online-Wett-Seiten bieten den Komfort, vom heimischen Sessel aus das Glück auf die Probe zu stellen. Ulrich Mommert, der heutige Besitzer der Anlage, hat sich dem Trabrennsport mit Leib und Seele verschrieben. Mit über 75 Jahren steigt er noch immer auf den Sulky und begeistert bei der jährlichen Derbywoche die Zuschauer. Seit 2005 versucht Mommert die Bahn wirtschaftlich zu sanieren. Eine Aufgabe, die leichter klingt als sie ist.

Im zweiten Stock des neuen Tribünenhauses, in der Filiale 7, blättert die goldene Farbe von den rauverputzten Wänden. Künstlich wuchernde Weinreben zieren Ecken, Säulen und ranken bis zu der niedrigen Decke. Schwer lastet der Staub auf den Kunststoffblättern.

Ein Ort des Glücksspiels, wo selbst Plastikblumen welken.

Leise beginnen die ersten Töne des ‚Mission Impossible Themes’ das Tribünenhaus zu erfüllen. Das ist das Zeichen! Das letzte Rennen wird in 60 Sekunden starten. Alle Wetten müssen eingereicht sein. Leben kommt in die alten Zocker; der Mann mit der hängenden Brille steht schwerfällig auf und bewegt sich zum Schalter, hinter ihm bildet sich eine Schlange. Die weiß-roten Wettscheine wechseln zum metallischen Klingen der Münzen den Besitzer. Kurz vor knapp – ‚Mission Impossible’ dröhnt nun aus den Lautsprechern, schürt Eile, beschleunigt den Herzschlag und lässt das Adrenalin rauschen – sprintet noch ein letzter Wetter zum Schalter. Blass, hager, mit langem dunklen Haar bellt er einen knappen Befehl an Herrn Fieck:

„Zweier, 7-4 für’n Euro’“

„Hin und zurück?“

„Ja!“

Schrilles Klingeln ertönt, die Musik stoppt abrupt und eine rote Lampe blinkt auf. Das Rennen ist geschlossen. Die letzte Wette für einen Euro noch angenommen, der Wetter hastet auf die Tribüne, um durch die Glasfront das Rennen zu verfolgen. Die Stammbesucher verspielen keine Millionen, sondern die bescheidene Rente, Hartz IV-Bezüge oder den letzten Rest des mühevoll Angesparten. In wöchentlicher Routine setzt man nach jahrelanger Beobachtung von Pferd und Fahrer, unerbittlichem Studieren der Quoten und eifrigem Gefachsimpel einen Euro pro Rennen, vielleicht auch mal zwei. Das Rennen beginnt, der blaue Startwagen fährt los, die Räder wirbeln staubigen Sand auf, 11 Pferde folgen schnaubend. Der Startwagen klappt die eisernen Flügel ein und LOS! Die Anlage ist beherrscht von Hufgeklapper. Einige Pferde drängen an die Spitze, traben nah am Innenring der 1.200m-Bahn. Ganz vorne liegt der heutige Favorit, Heinz Wewering mit Dynamite Goal Ass.

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Die Lautsprecher knistern und knacken, die Stimme des Kommentators schmettert durchs Tribünenhaus und über die Anlage. Mitgerissen teilt er für jede Sekunde die aktuelle Entwicklung mit. „Und da ganz außen, kämpft er sich nach vorne, die 7 – die 7 auf dem Weg nach vorne und ahhhhhh, zieht an Jillis Girl vorbei, Apollon jetzt an zweiter Stelle…“ Gespannt stehen die Wetter vor den Fenstern oder ihre Augen kleben an den grobkörnigen Bildschirmen. Auch Herr Tieck kann seinen Blick nicht lösen – die Kasse ist geschlossen, der Kassierer in einer anderen Welt. „Rot – die 9 ist Rot!“ dröhnt es vom Bahnsprecher. Das Gespann 9, Heinz Wewering mit Dynamite Goal Ass ist wegen Galoppierens disqualifiziert: der Favorit ist raus. Stöhnen, Fluchen unter den Stammbesuchern, Fäuste krachen vor Unverständnis auf den Tisch. Nur noch wenige Meter bis zum Ziel und – das Rennen ist vorbei.

Gewonnen hat die 7.

Kein Außenseiter und auch kein Favorit; Quote 38 – bei einer Siegwette für einen Euro gäbe es 3,80€ zurück. Immerhin. Aber wer von den langjährigen Zockern setzt schon auf Fahrer aus dem soliden Mittelfeld? Die Rennleitung überprüft anhand des Zielphotos. „Die Überprüfung gilt nicht dem siegreichen Gespann“, beruhigt der Bahnsprecher. Vor den Wettschaltern sammeln sich erfolgreiche Zocker. Sie alle warten auf das endgültige Ergebnis. Einer zieht hastig an seinem Zigarillo. Ein Stück glimmende Asche fällt auf den senfgelben Teppich. Zischend brennt sich ein schwarzes Loch hinein. Der unverkennbare Geruch von versenktem Kunststoff steigt in die Nasen.

Die Lampe wird grün, Wetttickets gegen Geld getauscht, Gewinne addiert. Herr Tieck zählt nun die Kassen, macht die Abrechnung. Einer nach dem anderen schlurfen die Stammbesucher hinaus, mischen sich draußen zum lärmenden Volk der unbedarft Wettenden. Herr Tieck löscht das Licht, schultert den Plastikkorb mit dem Geld und schreitet über den gelben Weg unter Weinreben zur Hauptkasse.

Fotos: Clara Koschies

 

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