Mainz wie es hängt und lacht

An einem einsamen Strand zwischen zwei Kokospalmen die Seele baumeln lassen, daran denken wohl die meisten bei einer Hängematte. Anders kürzlich in Mainz. Dort suchte man möglichst viele Leute um gemeinsam rumzuhängen. Auf der Jagd nach einem Rekord. Gastautor Martin war dabei.

Riesling, Mineralwasser, einen Verkaufsstand – viel mehr braucht es nicht in Mainz, um die Menschen gleich scharenweise in Bewegung zu versetzen. Ein Phänomen, das jeden Samstag beim Marktfrühstück zu beobachten ist. Wenn Familien und Studenten den Platz zwischen Dom und Gutenberg-Museum bevölkern, Senioren und Hipster den ökologisch wertvollen Einkauf beim Landwirt aus der Region erledigen und neben den Ur-Mainzern auch immer mehr Touristen bei der klassischen „Fleischworscht“ mit Senf oder Wildblumenkäse entspannt ins Wochenende starten. Einige nippen am Cappuccino von der ortsansässigen Kaffeerösterei, doch die meisten süffeln ihre Weinschorle.

Gerade in den Sommermonaten frönen die klimatisch verwöhnten Bewohner der rheinland-pfälzischen Hauptstadt einer geselligen Gemütlichkeit, die eng mit ihrer Weinkultur verwoben scheint. After-Work-Partys heißen hier Weinsalon, ambitionierte Weinstuben existieren von klassisch bis hip quer durch die Stadt und an den freien Tagen bauen lokale Winzer ihre Buden nah am Wasser auf. Das hat schon viel von la dolce vita und mediterraner Lebenslust. Am Rheinufer lässt sich eben sehr gut entspannen.

Da wundert es wenig, dass Mainz jüngst zum Schauplatz des ultimativen Abhängens wurde. Nämlich der größten Hängematten-Aktion der Welt – ganz offiziell und rekordverdächtig. Die Kriterien für die anvisierte Guinness-Weltbestmarke: 250 Menschen müssen sich gleichzeitig fünf Minuten lang in den aufgespannten Tüchern fläzen und, wie könnte es anders sein, einen leicht modifizierten Fastnachts-Hit trällern.

Die Idee dazu stammt von einer in der rheinhessischen Nähe sitzenden Hängemattenfirma, einem Familienbetrieb, der das Hammocking – in den USA längst ein Trend – auch in Deutschland etablieren möchte. Für die Plätze in der speziell designten „Mainz“-Edition konnten sich Einzelpersonen und Gruppen im Vorfeld bewerben. Bevorzugt in schillerndem Outfit. Entsprechend bunt wird es zur Mittagszeit am Rheinufer. Eine Dragqueen gesellt sich zu echten Weinprinzessinnen und Ministranten, Capoeira-Tänzer und Samba-Trommler versprühen südamerikanisches Flair. Ein bisschen Karneval muss sein.

Beim Veranstalter ist die Anspannung indessen groß. Denn kurz vor der Deadline fehlen noch immer vorangemeldete Teilnehmer. Der Himmel über dem Rhein verdüstert sich, unheilvoller Wind zieht auf. Der Rekord droht ins Wasser zu fallen. Kurzerhand werden Schaulustige von der Straße geholt, die Listen füllen und das Wetter bessert sich. Wenig später hängen tatsächlich 269 Menschen in den Matten. Wer seine nachher mitnimmt unterstützt durch den Kauf das Kinderschutzzentrum Mainz.

Um die Szenerie trotz eines Parcours von 700 Metern Länge übersichtlich zu halten, schwingt nur ein Teil der Hängematten wie üblich zwischen den Bäumen. Alle anderen Teilnehmer beziehen einen von 15 sogenannten Domes, kuppelförmige Gestelle, die wie überdimensionierte Spinnennetze auf den Grünflächen des Rheinufers thronen. Auf engem Raum finden hier je zehn Starter ihren Platz.

Dann: Countdown. Startschuss. Entspannen. Singen. Fertig. Die von einer Wasserbühne aus moderierten fünf Minuten werden ratzfatz auf einer Arschbacke abgehangen. Die Guinness-Bedingungen sind allerdings restriktiv. Witnesses haken jeden einzelnen Teilnehmer ab, Stewarts beobachten strengstens, ob kein Bein den Boden berührt und erstatten der Jury Bericht. So dauert es eine Weile bis offiziell verkündet werden kann: verewigt im Buch der Rekorde!

Zumindest auf dem Papier ist Mainz momentan also die chilligste Stadt des Landes.

Titelbild: (c) AKIRAfotografie

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