Rap trifft Lyrik trifft Roman. Kate Tempest lädt zur Lesung.

Kate Tempest gab letzten Dienstag eine Lesung aus ihrem Debutroman „Worauf du dich verlassen kannst“. Ein Buch, das man sich dringend zulegen sollte.

Kate Tempest hat ihren erstem Roman geschrieben und der ist nun frisch ins Deutsche übersetzt beim Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen. Zusammen mit der Musikerin Sophie Hunger im Gespräch mit der Übersetzerin Katy Derbyshire stellte sie in Berlin ihr neues Werk vor.

Die Luft im Lido steht. Es ist ausverkauft, man sitzt auf dem Boden, am Bühnenrand, an der Bar, viele stehen zusammengedrängt hinter den Stuhlreihen. Schummriges rotes Licht, drei samtbezogene Sessel auf der Bühne. Die drei Damen Hunger, Derbyshire und Tempest betreten die Bühne, es bricht spontan tosender Applaus aus. Kate bekundet ihre Liebe zu Berlin und erklärt, wie verrückt es ist, die eigenen Texte in einer fremden Sprache zu hören. „This is a fucking big deal.“ Sophie Hunger liest mit weicher Stimme eine erste Textpassage bevor die Übersetzerin Katy Derbyshire Kate einige Fragen zum Entstehungsprozess stellt.

Und sie vereint so kunstvoll die Bühnenperformerin und Schriftsteller, dass eine Lesung immer auch ein Konzert, immer auch eine Lecture Performance ist. Tempest schreibt über eine sinnsuchende Generation, Drogen, Gewalt, die Straße. Und zieht gleichzeitig mit viel epischer Wucht (und ohne Kitsch) Parallelen zu griechischer Mythologie, Philosophie, Shakespeare und dem Großen Ganzen.

Kate wird gebeten, den Epilog auf Englisch zu lesen. Sie nimmt das Mikro vom Ständer, legt das Buch zur Seite und trägt nach einem kurzen William-Blake-Einschub im Sprechgesang frei das ganze erste Kapitel vor.

„Their days were spent staring at things. The pain of seeing a person turn into a shadow.“

Die Bühne brennt wenn diese Frau ein Mikro in die Hand nimmt. Ich habe selten jemanden so furchtlos, so herzzerreißend einen Text vortragen gesehen. Zwischendurch ein eiserner Blick ins Publikum. Sophie Hunger beschreibt sie zurecht als eine Mischung aus epischer Priesterin und Straßengangster. Und beim nächsten Wimpernschlag wirft Tempest nach einem „Fuck“ noch einen charmanten Witz hinterher, bevor sie sich wieder hinsetzt und auf Katy Derbyshires nächste Frage wartet.

Nun muss man sagen, dass Tempest nach einer 15-jährigen Bühnenkarriere als preisgekrönte Rapperin, Poetin und Dramatikerin keinesfalls eine Newcomerin in der internationalen Literaturszene ist. Nach zwei Gedichtbänden („Everything speaks in its own way“, 2012 und „Hold your own“, 2013), drei Theaterstücken und einem Album auf ihrer Werkliste, lässt sich erkennen, wie vielseitig und innovativ sie mit den Genres und Medien jongliert. 2015 ging sie mit ihrem Album „Everybody down“ (2014) und der Band The Sound of Rum auf Welt-Tournee, spielte auf dem Glastonbury Festival, dem SXSW und dem Sydney Festival. Ihr drittes Theaterstück „Brand New Ancients“ wurde nach einer erfolgreichen Inszenierung 2013 am Londoner Battersea Arts Center mit dem Ted-Hughes-Preis ausgezeichnet und sie als Autorin damit zur ersten Preisträgerin unter 40.

Ihr Debutroman legt nun die Lupe auf Geschichten und Charaktere aus ihrem Konzeptalbum „Everybody down“, Tempest beschreibt es als „companion piece“. Es verortet sich wie viele ihrer Texte im Stadteil South East London, in dem sie selbst groß geworden ist und immer noch lebt. So gräbt sich „Worauf du dich verlassen kannst“ (im Enlg. „The Bricks that Built the Houses“) tiefer in die Leben, Tragödien und Geschichten der Protagonisten Leon, Harry und Becky, die in Songs wie „The Heist“ und „The Truth“ dem großen Glück und der großen Liebe in der Metropole nachjagen. „Tempest nimmt uns mit in die Häuser und Herzen der kleinen Leute“, heißt es auf dem Bucheinband. Und dabei geht es um so viel mehr als „kleine Leute“. Die große Stärke von Tempests Texten liegt vor Allem in ihrer Universalität und der ergreifenden Ehrlichkeit, mit der sie erzählt.

Eine interessante Entwicklung, auf die Kate Tempest bei jeder Lesung und in jedem Interview angesprochen wird: aus der männlichen Hauptfigur Harry wird in „Worauf du dich verlassen kannst“ die zierliche Frau Harry. Im dritten Entwurf des Romans änderte Tempest zunächst nur als Experiment die Pronomen, dann schrieb sie die Figur komplett zur weiblichen Drogendealerin in einem männerdominierten Metier um. (Hier stelle ich kurz fest, dass autocorrect zwar das Wort Drogendealer, aber nicht Drogendealerin erkennt). „Harry makes more sense as a girl. She’s a tribute to many woman I’ve met“, sagt sie und ist sich dessen sehr bewusst, dass es zeitgenössischer Literatur an coolen, nicht genderkonformen Figuren fehle. Als Nebeneffekt dieser Änderung, wurde Tempest auch sensibel für Stereotypen, die sich bei anderen Figuren eingeschlichen hatten. Mitten im Arbeitsprozess fiel ihr im Gegensetz zur komplexen Figur Harry schmerzlich auf, wie Becky als typisches weibliches Accessoire in der Geschichte dastand. Und hier entwickelt der Roman für mich seine Stärke: die Figuren handeln als ganze Menschen in einer greifbaren Realität. Haben Träume, Vergangenheiten und Schwächen.

„The pictures in your head are yours alone.“

Im Gespräch geht es dann auch um den Unterschied zwischen Musik und Literatur. Das Musikmachen und Bücherschreiben reichen für sie an grundverschiedenen Zeitpunkten dem Zuschauer die Hand. Die Musik ist fertig, wenn sie gehört wird, aufgenommen, abgemischt, abgeschlossen. Ein Buch beginnt erst mit den Lesern, die Bilder von Orten und Gesichtern geben die Leser dazu. Trotzdem ist Kates Beziehung zur Musik schon immer eine wortbasierte gewesen. Die Idee ein Album und ein Buch zu produzieren, lagen für sie schon seit den ersten Sätzen nah bei einander. Nach fünf Jahren Arbeit an der Story um die Londoner aus „Worauf du dich verlassen kannst“ sei für Kate Tempest dieses Thema nun abgeschlossen. Zwar tourt sie mit dem Material natürlich noch, aber schließt einen Film erst einmal aus. Die Liveauftritte und Gespräche mit dem Publikum sind sowieso das, worum es ihr am meisten geht. Fragen erbittet Tempest am Schluss mit den Worten: „Anyway, this is your therapy session, not mine. Don’t be shy.“

 

Weitere Lesungen und Konzerte von Kate Tempest findet ihr hier. Außerdem wurden kürzlich Auftritte auf dem Glastonbury Festival und dem Iceland Airwaves Festival bestätigt.

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Nina Behrendt Verfasst von:

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