Analoge Aussichten: Ein fotografischer Spaziergang durch Toulouse

2011 verschlug es mich nach Toulouse. Was zeitlich fern wirkt, wurde beim Durchwühlen meiner Fotoschatzkammer wieder in zeitlose Nähe gerückt. Und ließ mich gedanklich erneut durch diese Stadt flânieren.

Doppelrad, Pia Gralki, 2011

 

Eigentlich passt eine Stadt wie Toulouse gar nicht in das Schwarz-Weiß-Format. Ihr Ruf als „la ville rose“ – die rosane Stadt – eilt zu einer bestimmten Uhrzeit durch alle Gassen und legt sich wie ein Farbfilter auf die öffentlichen Plätze und Backsteinfassaden. Betörend, und zu keiner Zeit alltäglich, wirkt diese Lichtatmosphäre, die ihren Betrachter ebenfalls wie eine Leinwand einfärbt und ihn in diese gewisse mediterrane Stimmung versetzt.

 

Lichtermeer, Pia Gralki, 2011
Lichtermeer, Pia Gralki, 2011

 

Dennoch, als ich dem Charme dieser Stadt verfiel, musste das satte, tiefdunkle Schwarz her. Die geometrischen Formen der Architektur, die Spiegelungen der Lichter am Flussufer der Garonne verlocken ihren Beobachter zur Abstraktion. Und ich hatte die Möglichkeit, meine analogen Aufnahmen am Ort ihres Entstehens zur entwickeln. Also wurde die Kameralinse zu meinem geheimen urbanen Tagebuch, das ich ständig mit mir herumtrug, vor allem weil Henri Cartier-Bresson einmal gesagt hat, dass man sich nur als Fotograf verstehen dürfe, wenn man sozusagen noch im Schlaf den Finger am Auslöser hätte. Gut, Fotografin wollte ich nun nicht gleich werden, aber ich wollte die Fotografie ernst nehmen. Und wenn schon, dann doch immerhin auf französische Art und Weise.

 

Pont Neuf, Pia Gralki, 2011
Pont Neuf, Pia Gralki, 2011

 

Die älteste noch erhaltene und imposanteste Brücke ist wie so oft in französischen Städten auch hier die Pont Neuf, die Neue Brücke also, und nicht die Neunte, wie ich noch lange sprachverwirrt zählend vermutete. Ihre großzügige und robuste Bauweise läd zum Verweilen ein und dient als klassischer Treffpunkt zwischen den beiden Stadtteilen, die sie miteinander verbindet.

 

Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011
Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011

 

Die Garonne, die unter den Brückenbullaugen gemächlich dahinfließt, war gerade zu sommerlich heißen Temperaturen eine Abkühlung für das Auge und zu jeder Zeit belebt. Tagsüber diente sie als Picknickplatz, der pünktlich um 12 Uhr mittags zu belegen war, und wurde im Laufe des Abends immer mehr zum Ort der ansteigenden Feierabendslaune, die sich mit dem ersten Korkenzieherknallen über das Flussufer hinweg verbreitete.

 

La Garonne, Pia Gralki, 2011
La Garonne, Pia Gralki, 2011

 

Und es war dort so ziemlich immer heiß. Was die Vegetation teilweise sehr exotisch werden lässt, und sogar ein paar Palmen hervorbringt. Typisch für dieses Klima sind zudem die alten, hochgewachsenen Platanen, die ganze Alleenzüge umsäumen. Ihr Muster hat mich fasziniert. Unter dem Vergrößerer könnte man ihre Struktur fast als kleine Inselfamilien lesen.

 

Palmensehnsucht, Pia Gralki, 2011

 

Platanen, Pia Gralki, 2011
Platanen, Pia Gralki, 2011

 

Inseln, Pia Gralki, 2011

 

Um nicht komplett dem französischen Kitsch zu verfallen und nur noch Gestreiftes anzuziehen, zog es mich immer wieder zu den Ecken hin, die mich irgendwie an meine Heimatstadt Berlin erinnerten. Diese Orte konnten sowohl in der Innenstadt als auch in den Randgebieten auftauchen und mich intuitiv für sich gewinnen. Denn zu Beginn meines Toulouser Aufenhalts bin ich im etwas ghettohaften Empalot gelandet, wo nachts Autorennen auf verlassenen Parkplätzen stattfanden. Sie liefen immer nach dem gleichen Ritual ab: Der Mutigste aus der Gruppe der chronisch gelangweilten Jugendlichen heftete sich außen an das Beifahrerfenster des jeweiligen Autos, zog die Knie an und musste versuchen den Rekord im Widerstehen der Geschwindigkeit und der Schwerkraft zu erweitern. Das Quietschen der Reifen klang mindestens genauso gefährlich wie die ganze Szenerie insgesamt anmutete. Die Architektur in diesem Viertel spiegelt diese Stimmung wider.

 

Empalot I, Pia Gralki, 2011
Empalot I, Pia Gralki, 2011

 

 

Empalot II, Pia Gralki, 2011
Empalot II, Pia Gralki, 2011

 

Als ich dann die ersten Fassaden mit Graffiti entdeckte, war für mich die Berliner Spur endgültig hergestellt. Es ist ambivalent: Die Dinge, die einen in der Heimat an der eigenen Haustürschwelle die Faust gen Himmel recken lassen und eher missmutig beäugt werden, versetzen einen dann eiskalt und ohne Vorwarnung in das, was man Heimatgefühl nennen könnte.

 

Spurensuche I, Pia Gralki, 2011
Spurensuche I, Pia Gralki, 2011

 

 

Spurensuche II, Pia Gralki, 2011
Spurensuche II, Pia Gralki, 2011

 

Eine Tradition, die süchtig machen kann, neben den ganzen kulinarischen versteht sich, sind Tagesausflüge mit Fahrrad entlang des Canal du Midi. Wenn man die Ausdauer und den Ehrgeiz hat, könnte man von Toulouse aus sowohl an den Atlantik als auch ans Mittelmeer gelangen. Dabei begegnen einem außer den sportlich einschüchternden Rennfahrern endlose Sonnenblumenfelder und Hausboote, auf denen wahrscheinlich jemand genau jetzt seinen Frühstückskaffee einnimmt.

 

Canal du Midi, Pia Gralki, 2011
Canal du Midi, Pia Gralki, 2011

 

Ausflug, Pia Gralki, 2011
Ausflug, Pia Gralki, 2011

 

Es gibt Vieles was sich eher missverständlich mit Worten vermitteln lässt. Das Lebensgefühl, welches einem eine Stadt zuführt ist zum Beispiel so eine Sache, die eher in einem Bild erfahrbar wird. Und wenn es auch nur den Blick auf eine Tür freigibt, neben der eine Kiste mit Champagnerflaschen steht, die sich langsam von der Sonne erhitzen lassen und im nächsten Moment wahrscheinlich in den kühlenden Innenraum gebracht werden. Und zwar nicht unbedingt, weil eine Festivität ansteht. Sondern einfach nur so.

 

Savoir Vivre, Pia Gralki, 2011
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