„Jeder ist gleich schmutzig“

Spiegel statt Selfiestick: Ein Selbstportät mit der Datenbrille. (Foto: ZDF)
Spiegel statt Selfiestick: Ein Selbstportät mit der Datenbrille. (Foto: ZDF)

Michelle Spark leidet unter Prosopagnosie. Das heißt, sie kann sich keine Gesichter merken. Um dieses Handicap auszugleichen, entwickelt die junge Frau eine Datenbrille mit Gesichtserkennung. Und löst damit eine heftige Debatte über Datenschutz und Persönlichkeitsrechte aus. Michelle Spark ist nicht real, sondern eine Protagonistin im kleinen Fernsehspiel „Operation Naked“. Das 50-minütige Filmdebüt von Journalist Mario Sixtus („Elektrischer Reporter“) läuft am 22. Februar im ZDF, aktuell ist es bereits in der Mediathek zu sehen. Neben Schauspielern wie Sarah Rebecca Gerstner, Gábor Biedermann und Sinan Al Kuri sind zahlreiche Fernsehgesichter wie Dunja Hayali, Jan Böhmermann und Gert Scobel dabei. Sven hat sich für LesFlâneurs mit dem Regisseur über das kritische Gedankenexperiment unterhalten. Abwegig ist Sixtus’ Vision nicht, denn Google, Facebook, Apple – sie alle experimentieren seit geraumer Zeit mit Softwareprogrammen, die die Physiognomie menschlicher Gesichter erfassen und mit Daten aus dem Internet verbinden sollen. Jede Menge Material, das auf Vorrat gespeichert werden könnte.

Cameoauftritt: Autor und Regisseur Mario Sixtus moderiert den „Elektrischen Reporter“. (Foto: ZDF)
Cameoauftritt: Autor und Regisseur Mario Sixtus moderiert den „Elektrischen Reporter“. (Foto: ZDF)

Herr Sixtus, wir haben noch nie miteinander gesprochen. Trotzdem meine ich zu wissen, dass Sie gerne österreichische Elektropopmusik hören, die TV-Serie „Doctor Who“ mögen, rauchen, mit Vorliebe Bier und Kaffee trinken. Ist das richtig?

Nee, das ist teilweise veraltet. Also Gustav finde ich nach wie vor toll, aber „Doctor Who“ eigentlich nicht mehr. Ich kann mit dem neuen Darsteller, Peter Capaldi, irgendwie nichts anfangen. Ich rauche nicht mehr, ich trinke keinen Alkohol mehr. Da können Sie mal sehen, wie das Internet lügt. Ich muss dazu sagen, Sie haben aber auch wirklich mies recherchiert.

Die Dinge hat mir Facebook heute über sie verraten.

Also, dass ich mit dem Rauchen aufgehört habe, ist kein Geheimnis. Dass ich zeitgleich mit dem Laufen angefangen habe und mittlerweile Marathon laufe auch nicht.

Dass Sie Marathon laufen weiß ich von Twitter, wo ich Ihnen schon lange folge. Zugegeben, ich habe nur einen kurzen Blick ins Internet geworfen. Aber in Ihrem Film ist es ja auch so, dass die Menschen in wenigen Sekunden gescannt und verfügbare Informationen über sie abgerufen werden. Das birgt doch die Gefahr einer gewissen Vorverurteilung, oder?

Aber so sind Menschen. Man klaubt sich ein paar Informationen zusammen und zimmert sich dann ein schnelles erstes Urteil zurecht. Das muss auch so sein, wir können nicht für jede spontane Begegnung erst einmal Lebensgeschichten studieren. Das geht wahrscheinlich zurück auf die Zeit, als wir noch in der Steppe wohnten und auf der Jagd waren. Da musste man eben auch schnell entscheiden: Wer ist Freund, wer ist Feind, flüchten oder kämpfen. Ich glaube, da hat sich nicht so viel getan, auch nicht durch das Netz. Wenn ich durch die Facebook-Profile von wildfremden Leuten scrolle, beurteile ich die ebenfalls nach den ersten fünf Postings. Und wenn jemand irgendetwas Freundliches über die AfD postet, dann ist der für mich ein rechtsradikales Arschloch.

Im Film können die Protagonisten mit Hilfe der Brille in kürzester Zeit aus unterschiedlichen Quellen mehr über ihr Gegenüber erfahren. Um ihren ersten Eindruck zu untermauern – oder zu hinterfragen.

Die Überlegung dahinter ist tatsächlich: Wie würde ich auf Menschen reagieren, wenn ich mehr über sie weiß als das, was ich gerade sehe? Ich sehe jemanden in der U-Bahn und zeitgleich, welche Musik er hört, welche Filme er mag, ob er schwul ist, ob er Kinder hat. Diese ganzen Zusatzinformationen machen ja auch viel vom ersten Bild aus. Das ist gerade das, was wir nicht haben. Das heißt, wir erstellen das Bild aufgrund von sehr sparsamen Informationen wie Kleidung oder vielleicht noch dem Alter. So sehr die Story auch nach links und rechts schlackert, habe ich doch versucht, diese Grundüberlegung als eine sehr neutrale darzustellen. Der Film ist für mich kein dystopischer kulturpessimistischer Film, der sagt: Am Ende sind wir alle gläserne Menschen und leben in einer großen Überwachungsgesellschaft.

Nimmt das Verfügen über all diese Informationen nicht den Reiz des Geheimnisses?

Das ist ein Einwand der sehr schnell und von sehr vielen kommt. Ich glaube das nicht. Denn die Informationen, die über uns selbst als aktive Netzbewohner im Internet kursieren, sind doch verhältnismäßig oberflächlich. Was mir immer wieder passiert: Wenn ich zum Beispiel Menschen persönlich treffe, die ich zuvor nur mehr oder weniger aus dem Netz kannte, über Twitter oder ich habe deren Blog gelesen, ich weiß, was sie so machen, was sie toll und was sie doof finden, dann ist das ein ganz anderes Kennenlernen. Man ist sehr viel schneller an einem interessanten Punkt, weil man diese ganzen banalen Oberflächlichkeiten schon abgehandelt hat. Ich brauche nicht mehr zu fragen „Bist du Vegetarier?“, weil ich es weiß. Das würde man sich mit so einer Brille einfach sparen, was doch sehr praktisch wäre.

Weniger praktisch ist es, wenn Dinge, die nicht jeder wissen soll, durch Zufall an die Öffentlichkeit geraten. Wie die Homosexualität des Lehrers in „Operation Naked“.

Das ist dann halt das Fass, das ich aufmachen möchte: Wo landen wir, wenn Offenheit von außen vorgegeben wird. Das Interessante an der Diskussion ist, was ich Michelle Spark in den Mund lege: Wer ist denn eigentlich gefährlich? Die Technologie? Oder die Gesellschaft, die erwartet, dass man sie belügt? Die den Lehrer dazu verdammt, geheim zu halten, dass er schwul ist, weil er sonst gefeuert wird. Und der letztlich durch die Technologie geoutet wird. Das sehe ich als eine offene Debatte. Also ich könnte diese Frage nicht beantworten.

Ein vermeintlicher Makel ist keiner mehr, weil jeder von ihm weiß. Eine interessante idealtypische Idee. Nur würden sich da bestimmt auch wieder Menschen oder Institutionen finden, die das Wissen über andere zu deren Nachteil nutzen.

Genau das ist ja das Gedankenexperiment: Wenn jeder Dreck am Stecken hat, kannst du nicht mehr auf andere zeigen, jeder ist irgendwie gleich schmutzig. Es würde schwer fallen, Leuten vorzuwerfen, dass sie schmutzige Dinge tun oder schmutzige Gedanken haben.

Die haben wir ja alle.

Genau. Oder zumindest haben wir sie alle irgendwann mal gehabt. Das Recht auf Vergessen fällt für mich auch unter diese ganze Thematik. Was ist, wenn ich von jemandem sehe, was er als Student gemacht hat? Vielleicht war er bei den Maoisten, obwohl er jetzt bei der CSU ist. Das zeigt, wie vielfältig Persönlichkeiten sein können. Und wie ihre Entwicklung aussieht. Aber es gibt natürlich Menschen, die das nicht so gerne mögen. CSU-ler zum Beispiel, die früher bei den Maoisten waren. So es sie denn gibt. Und wie gesagt, das Erpressungspotential lässt nach. Wenn jeder jede Kleinigkeit weiß, dann muss ich mir auch keine Sorgen machen, dass es jemand herausfinden könnte. Aber ich proklamiere das nicht. Ich überlege mir, wo das enden könnte.

Grundsätzlich würden Sie aber schon die Vorteile der Technologie sehen?

Ich glaube, dass es keine Technologie gibt, die nur gut oder nur böse ist, und die nur gute oder schlechte gesellschaftliche Auswirkungen hat. Ich denke, das ist eine Debatte, die wir führen sollten, aber eben jenseits von Technologieskepsis und hyperventilierten Panikattacken, die gern durch deutsche Feuilletons getragen werden. Privatsphäre ist ja nicht in Stein gemeißelt, sondern ein Konzept, das ständig in Bewegung ist. Was wir heute Privatsphäre nennen hat nicht mehr so viel damit zu tun, was man in den 50er-Jahren darunter verstanden hat. Geräte wie eine Datenbrille würden daran noch mal massiv etwas ändern. Ob davon allerdings die Gesellschaft untergeht, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube eher, dass wir uns erstaunlich schnell daran gewöhnen würden. Die Digitalisierung lässt sich wohl nicht mehr bremsen. Aber auf meinen Rechner kann ich machen, was ich will. Und auf meinem Handy. Das ist letztlich ein großer Kontrollverlust für die Politik, Datenschützer et cetera. Deswegen sollten wir uns mit diesen Technologien pragmatisch beschäftigen. Na klar könnte man sofort eine Dystopie daraus entwickeln: Man könnte sämtliche Überwachungskameras im öffentlichen Raum vernetzen und mit der Gesichtserkennung über jeden einzelnen Menschen, der in der Stadt unterwegs ist, ein Bewegungsprofil erstellen.

Ich würde es nicht wollen.

Ich auch nicht, keine Frage. Man könnte dann natürlich die Befugnisse der Sicherheitskräfte einschränken. Zum Beispiel der Polizei verbieten, diese Technologie zu nutzen. Was in der Praxis aber wohl eher schwierig wäre.

Gerade die würde sie wahrscheinlich am meisten einsetzen. Auch wenn sie es nicht sollte.

Eine Idee im Film ist ja aber, dass die Technologie nicht nur der Obrigkeit und den Geheimdiensten zur Verfügung steht, sondern jedem. Und das finde ich den interessanten Gedanken. Eine Geschichte, in der wir alle überwacht werden und die Geheimdienste ein Herrschaftswissen über uns haben, wurde schon oft erzählt. Die fand ich jetzt nicht allzu aufregend.

In „Operation Naked“ überwacht theoretisch jeder jeden.

Genau, jeder hat die Möglichkeiten, jeder hat die Technologien. Und wie sähe das eigentlich aus? Das fand ich als Experiment sehr viel interessanter. Wobei ich es ja gar nicht bis zum Ende durchgespielt habe.

Sie wollen zeigen: Das ist möglich, denkt mal bitte alle darüber nach. Sie wollen keine Lösung vorgeben.

Nein, kein Stück. Die habe ich ja auch gar nicht. Mich würde halt freuen, wenn die Diskussion ein Level über „finde ich gut“ und „finde ich doof“ stattfinden würde. Denn das ist der Klassiker: Wenn ein Digital-Dooffinder im Feuilleton mal wieder drei Seiten schreiben darf, wie gefährlich das alles ist. Und das ist dann schon die Debatte, wie sie in Deutschland stattfindet. Eigentlich findet die nämlich gar nicht statt, es ist einfach nur ein Wettbewerb im Dooffinden oder Angsthaben.

Makellose Umwelt: Der Himmel über Berlin ist zu grau? Kein Problem. (Foto: ZDF)
Makellose Umwelt: Der Himmel über Berlin ist zu grau? Kein Problem. (Foto: ZDF)

Wie weit sind wir denn von einer solchen Brille noch entfernt? Oder wie nah sind wir schon dran?

Wir haben auch für einen Dokumentarfilm zum Fernsehspiel recherchiert: „Ich weiß, wer du bist“. Er ist so eine Art Realitycheck. Wir sind durch die Weltgeschichte gegeistert und haben mal geguckt, wie weit es mit Datenbrillen ist, wie es mit Gesichtserkennung aussieht und mit der ganzen Personal-Big-Data-Auswertung. Also, das ist alles schon sehr weit. Wir müssen uns keine Hoffnung machen, dass es uns erspart bleibt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass solche oder ähnliche Technologien sogar in absehbarer Zeit in unseren Händen landen werden, ob es eine Brille ist oder eine Smartphone-App. Ansonsten denke ich, was die ganze digitale Revolution angeht, sind wir wirklich noch sehr am Anfang. Wenn Leute von der Digitalisierung reden, klingt es immer ein bisschen so, als wäre das etwas, was irgendwann mal vorbei ist. Digitaler Wandel in Form von: Alles wird irgendwann digitalisiert – und dann ist es eben digital. Und wir können weitermachen wie bisher. Dabei übersehen sie das disruptive Potenzial vieler Innovationen. Dass wir alle ein Navi in der Hand halten, wäre vor zehn Jahren auch noch Science Fiction gewesen.

Der Google Glass standen die Menschen sehr skeptisch gegenüber.

Die Masse hat sie ja gar nicht in der Hand gehabt. Trotzdem gab es große gesellschaftliche Widerstände, stimmt. Ich glaube, nur durch die Kamera. Dabei war die ein Witz. Aus Akku-Spargründen konnte die maximal 20 Sekunden am Stück aufzeichnen. Wenn du ein Foto geschossen hast, musstest du das durch Sprachsteuerung aktivieren und dann hat es Klick gemacht. Das Ding war das Gegenteil eines Gerätes, mit dem man unbemerkt fotografieren konnte. Es war halt ein Prototyp, auch wenn es davon ein paar tausend gab. Vor zwei Jahren war ich etwas länger in San Francisco. Zu der Zeit sind die Menschen auf der Straße tatsächlich mit der Google Glass herumgelaufen und die ersten Kneipen, Bars und Fitnessstudios haben Verbotsschilder rausgehängt: No glassholes!

Haben Sie die Menschen mit den Brillen irritiert?

Mich hat das nicht gestört, weil ich eben wusste, das Gerät kann nicht mehr als ein Smartphone. Es war eher panische Angst, die die Leute hatten, keine fundierte Furcht. Für die Dokumentation waren wir jetzt zum Beispiel bei ODG, einem Unternehmen, das auch in San Francisco sitzt und unter anderem das amerikanische Militär beliefert. Was die Datenbrillenentwicklung angeht sind sie dort schon eine ganze Ecke weiter. Bei einem ihrer Geräte denkst du, das ist eine etwas klobige Sonnenbrille. Die allerdings über ein HD-Display, eine HD-Kamera und einen GPS-Empfänger verfügt. Es wird explizit in Kombination mit Gesichtserkennung eingesetzt, ob breit oder in einem Versuchsfeld weiß ich nicht. Das heißt jedoch, die Technologie ist da. Noch wird die Brille beim Militär ausprobiert, aber über kurz oder lang landet sie im Apple-Store. Da bin ich mir ziemlich sicher. Die Software dahinter funktioniert auch schon erschreckend gut. Zum Teil bereits in der Praxis, etwa an den Flughäfen in Frankfurt oder Helsinki. Sie vertut sich genauso selten oder so häufig wie ein Mensch.

Wie kamen Sie auf die Idee, die „Operation Naked“ in Ausschnitten aus unterschiedlichen ZDF-Formaten zu erzählen?

Die Überlegung war, etwas einmal wirklich aus der Zuschauersicht zu erzählen: Wie landet das Thema beim Mediennutzer? So eine News-Geschichte entwickelt sich und wandert ja tatsächlich durch die Formate. Am Anfang ist sie vielleicht eine Nachricht in der heute-Sendung, dann fragt die Wirtschaftssendung, wie es mit dem Börsengang aussieht und dann die Talkshow, wann denn geheiratet wird. Ich fand es interessant, das einmal durchzudeklinieren. Ursprünglich war das Konzept medienübergreifend angelegt, mit gefakten Meldungen und nachgebastelten Blogs im Internet, die ineinander greifen. Aber das hat nicht geklappt. Es nur im Fernsehen durchzuspielen, war einfach die purste Variante.

Etwas Medienkritik steckt aber auch in der Inszenierung. Sie beobachten die Beobachtung.

Ja, Medienkritik, okay. Aber mir war es wichtig, keine Mediensatire zu machen. Auch das ist, glaube ich, schon alles erzählt. Natürlich gibt es einen selbstironischen Aspekt. Wenn zum Beispiel der immer gleiche Gang von dem gleichen Politiker ins gleiche Büro gefilmt wird. Ich hoffe nur, das ist nicht allzu plakativ.

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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