Paris nach dem 13. November

Von Lisa Ksienrzyk

Seit einer Woche ist Paris nicht mehr, was es war. Auf den ersten Blick scheint der Alltag zurückgekehrt zu sein. Doch der Schein trügt. Freitagnacht hat vieles verändert.

Ich wohne im Stadtteil Belleville, im Osten von Paris. Freitagabend bin ich mit meinem Besuch aus Deutschland in meinem Bezirk ausgegangen. Wir haben von einem Aussichtspunkt das glitzernde Paris bewundert, wir haben Knalle gehört und sind ahnungslos in die Bar nebenan verschwunden. 129 Menschen wurden in dieser Nacht getötet, mehr als 200 verletzt, teils schwer.

Louvre 15.11.2015
Leerer Platz vor dem Louvre, Foto: Lisa Ksienrzyk

In Belleville tümmeln sich die Pariser nur zwölf Stunden nach dem Attentat bereits wieder auf den Straßen, trinken ihren Kaffee „en terrace“ und sitzen beim Friseur. Viele Geschäfte sind geöffnet, doch je weiter ich in Richtung Innenstadt laufe, desto mehr Gitter finde ich vor den Schaufenstern. „Wir Franzosen sind mutig“, schrieb mir Ronan am Samstag und erzählt mir, dass er wie jedes Wochenende abends in die Kirche gehen wird, um im Gottesdienst Orgel zu spielen. Das Leben muss weitergehen hört man dieser Tage ständig.

In den Bäckereien, Kirchen und Shops hängen seit dem Wochenende Schilder mit einem roten Dreieck. Vigipirate erinnert an die höchste Terrorwarnstufe in Frankreich. Paris ist derzeit voller schwer bewaffneter Polizisten und Soldaten, deren bloße Anwesenheit ein beklemmendes Gefühl hervorruft. Willkürlich filzen sie arabisch aussehende Männer, durchsuchen deren Autos und Koffer. Frankreich ist im Ausnahmezustand. Die Boutiquen auf dem Champs-Élysées waren am Sonntag nicht nur geschlossen, sondern verriegelt und mit Rollläden vom strahlend blauen Himmel und dem zuversichtlichen Treiben auf der Straße abgeschirmt. Sehenswürdigkeiten wie der Louvre oder Notre Dame waren weitläufig abgezäunt und von der Polizei bewacht. Montmartre war am Montag fast menschenleer, nur eine Handvoll Geschäfte hat seine Türen geöffnet. Touristen ließen sich davon trotzdem nicht beirren. Schließlich sind sie nicht in die Stadt der Liebe gekommen, um das Tapetenmuster in ihrem Hotelzimmer zu studieren.

Joie de vivre in schwarzen Zeiten

Dennoch, ich habe das Gefühl, die Pariser sind näher zusammengerückt. Freitagnacht boten zahlreiche Menschen auf Twitter über den Hashtag #PorteOuverte einen Unterschlupf an. Auf dem Place de la République fordert ein Muslim Passanten auf, ihn zu umarmen. Er hat sich die Augen verbunden, neben ihm ein Schild, auf dem er um Vertrauen bittet. Und die Menschen stehen Schlange. Paris ist ein multikultureller Hotspot und niemand sucht die Schuld bei einem seiner Nachbarn.

Auf dem Place de la République versammeln sich seit Samstag täglich Hunderte trauernde Menschen, die Blumen niederlegen, Kerzen anzünden und der Opfern gedenken. Selbst der Regen vertreibt die Franzosen nicht. Auch die Übertragungswagen sind eine Woche nach den Anschlägen nicht abgezogen. Mehrere Male wurde in den vergangenen Tagen eine Station vorübergehend gesperrt, weil verdächtiges Gepäck gefunden wurde. Die Station Oberkampf, die direkt am Bataclan liegt, war tagelang blockiert. Die Franzosen machen weiter, halten an ihrem Joie de vivre fest, werden jedoch ständig von Angst und Paranoia begleitet. Ein Knall löste am Sonntag eine Massenpanik auf dem Place de la République aus. Meine Mitbewohnerin saß zu dieser Zeit zwei Kilometer entfernt in einer Bar. Wie aus dem nichts stürmten zahlreiche Menschen hinein und verschanzten sich hinter den Rollläden vor der möglichen Gefahr auf der Straße. Bis einschließlich Donnerstag wurden sämtliche Veranstaltungen, Demos und Versammlungen verboten. Kein Street-Food-Market, kein Trauermarsch, kein Weihnachtsmarkt. Auf Facebook versichern viele Clubs, dass sie jetzt erst Recht öffnen würden, um dann wenige Stunden später die Veranstaltungen doch wieder abzusagen. Ungewohnt viele Leute versuchen gerade, ihre Konzertkarten für Shows in den kommenden Tagen zu verkaufen.

Paris Anschlag
Blumen und Kerzen vor dem Café Bonne Bière, Foto: Melissa Collett

Meine Universität liegt in Saint Denis. Wegen der Razzia sind am Mittwoch alle Kurse ausgefallen. Meine Freunde im Studentenwohnheim wurden morgens von den Explosionen und Salven geweckt. In den Seminaren und Vorlesungen gibt es am Anfang der Woche mehr leere Stühle als besetzte. In den Kursen, in den Pausen, auf der Bahnfahrt gibt es nur ein Thema. Teilweise scheinen kleine Wettstreite zu entfachen, wessen Freund vom Freund vom Freund Freitagnacht mehr Entsetzen erlebt habe. Benoît ist am Montag in der Uni auf der Toilette zusammengebrochen. Auf einmal haben ihn die Gefühle übermannt und sind aus ihm herausgebrochen. Victoria traut sich nicht mehr, in die Metro zu steigen, und fährt derzeit mit dem Taxi durch Paris. Sie überlegt, ihr Studienjahr in einer anderen französischen Stadt fortzusetzen. Eine Kommilitonin hat sich direkt am Montag am Handgelenk tätowieren lassen: „Your wars, nos morts. Vos guerres, no more.“ Sie habe schon länger darüber nachgedacht, sagt sie.

Die Cafés füllen sich wieder. Ich treffe abends mehr Leute auf der Straße. Es wird wieder gelacht. Ich lache mit, stoße auf Geburtstage an, gehe aus. Dennoch horche ich bei jeder Sirene unruhig auf, mein Herz setzt bei jedem lauten Knall eine Sekunde aus. Der Alltag schleicht sich langsam zurück nach Paris, aber er hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Les Flaneurs Verfasst von:

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