(N)Olympia

Die Stadt Hamburg will die Olympischen Sommerspiele 2024 ausrichten – und die Bürger fällen die Entscheidung für oder gegen die Bewerbung in einem Referendum am 29. November. Wir wissen schon, wie wir wählen werden: Vier Stimmen gegen Olympia.

Michael: Ich werde inzwischen regelrecht böse bei dem Thema Olympia 2024 in Hamburg. Vor allem, weil ich nicht begreifen kann, wie man als Mensch, der zumindest rudimentär an Stadtpolitik interessiert ist, diese Veranstaltung gutheißen kann. Das verstimmt, und dann kommt die massive Werbekampagne hinzu, die einen wirklich aufhorchen lassen sollte. Die Touristenzahlen in Hamburg steigen stetig, was schön ist und gut, hält sich der Andrang doch auch für uns Anwohner in noch erträglichen Grenzen (von der Reeperbahn fangen wir nicht an, die wäre auch ohne Touris nur schwer erträglich). Sind wir so angewiesen auf noch mehr Zulauf? Natürlich würde massiv in den Bereich südlich der Elbe investiert werden. Eine willkommene Abwechslung, aber machen wir uns nichts vor: Werden diese Bauten und Wohnungen an jene gehen, die verzweifelt auf der Suche nach finanzierbarem, citynahem Wohnraum sind? Wohl kaum, es wird eher die HafenCity 2.0. Ich habe die Geschichten von Freunden und Bekannten satt, die teilweise jahrelang suchen und dann 700 Euro plus für ein WG-Zimmer mit 15 Quadratmetern zahlen. Olympia würde diese Situation nicht verbessern.

Zuschüsse hin oder her, allein im Lichte der zunehmenden Terrorgefahr (ja, sie wird auch bis 2024 nicht abgenommen haben, soweit lehne ich mich aus dem Fenster) wären die Kosten und Belastung für Sicherheitspersonal und Polizei horrend, von den Ausgaben für fancy Designerstadien ganz zu schweigen. Aber klar, wir haben in Sachen aufgehender Finanzierungspläne, die bis zum Ende des Referendums am Sonntag noch komplett unklar sind, ja schon mit der Elbphilharmonie gute Erfahrungen gemacht … auf deren Eröffnung ich mich sehr freue, keine Frage. Aber für eine überholte Wettkampftradition, die von einer mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich korrupten Organisation gemanagt wird (ach wo, das sind ja nur Fifa und DFB, die Korrupten, klar), Hamburg lahmlegen lassen? Aus welchem Grund?

„Wir Deutschen sollten wieder einmal beweisen, dass wir Olympische Spiele organisieren können. Es kann ein zweites Sommermärchen geben.“ – Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz im „Bunte“-Interview

Es hat sich seit der WM 2006 eine gewisse Eventgeilheit in unserem Land breitgemacht. Endlich sind die Deutschen in den Augen der Welt mal die Guten, offen, cool, Partypeople – such Schnaps, much nice, so Brezel. So wollen wir uns sehen, so sollen uns die anderen sehen, besonders bei Großveranstaltungen unter deutschem Dach. Dabei ist das nicht die deutsche, nordeuropäische Mentalität. Wir sind Eigenbrötler, wollen das aber nicht akzeptieren. Was folgt, ist fast eine Identitätskrise, der man nun mit der „Stimmungkanone Megaevent“ begegnen möchte. Anstatt sich in seiner hergebrachten Mentalität zu akzeptieren und daraus eine Tugend zu machen. Über die Skandinavier wird ja auch nicht geunkt, im Gegenteil. Nicht, dass wir nur in der Kammer sitzen und Literaturklassiker lesen sollen, aber irgendwo war da auch mal eine Tugend namens Bescheidenheit. Davon merke ich derzeit wenig. Mich macht es schlichtweg nur noch traurig, wenn das Geld der Stadt in monatelange Werbekampagnen gesteckt wird, anstatt die Dinge anzugehen, die unser Hamburg als die wohl schönste Stadt des Landes erhält und für noch mehr Menschen bezahl- und erlebbar macht.

Falk: Am Anfang war ich unschlüssig, was meine Position zu Olympia in Hamburg ist. Das Thema interessierte mich nicht besonders, aber ein Teil des Hamburger Kulturestablishments war bei der Pro-Fraktion dabei, nicht ohne eigennützige Hintergedanken, Olympia, da ließen sich vielleicht auch Kulturfördermittel abschöpfen, naja, wer will es ihnen verdenken, egal: Es gab auf jeden Fall Pro-Stimmen, und weil ich mich in diesem Kulturestablishment ebenfalls bewege, zwischen Thalia Theater und Kunsthalle, dachte ich mir, dass man diese Stimmen ernst nehmen sollte. Und überlegte mir, entgegen meines Bauchgefühls mit „Ja“ zu stimmen.
12187947_1102073889810572_383073869217252806_oBis im Hamburger Stadtgebiet diese Plakate auftauchten. Bis Schorsch Kamerun die Diskussionskultur bei einem Treffen von Kulturschaffenden mit Olympia-Lobbyisten öffentlich machte. Bis ich zum ersten Mal den (offiziellen oder doch nicht offiziellen) Olympia-Song von Saskia Leppin hörte. Bis mir klar wurde, was für ein ästhetisches Selbstverständnis hinter dieser ganzen Olympia-Begeisterung steckte: ein Selbstverständnis, das voll auf künstlerische Anspruchslosigkeit setzt. Auf eine Vorstellung von Mainstream, die jegliche Rafinesse vermissen lässt. Auf ein Gefühl, dass die Menschen dumm sind und sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden geben werden, mit ein paar Kunstkrümeln, die man ihnen hinwirft. Ein Kulturverständnis, das etwas zu tun hat mit der Musicalszene, mit dem Privatfernsehen, mit Helene Fischer. Und nichts mit der lebendigen, coolen, subversiven Kultur, für die diese Stadt auch steht. Das Marketing der Olympiabewerbung hat dafür gesorgt, dass ich mit voller Überzeugung sagen werde: Ich werde mit „Nein“ stimmen, ich bin gegen Olympia in Hamburg. Gut gemacht, Leute.

Marcel: Für mich gibt es nur zwei Gründe beim Referendum am 29.11. für Olympia in Hamburg zu stimmen. Entweder du witterst als sportbegeisterter Mensch deine Chance, endlich einmal bei einer Olympiade dabei sein zu können oder du vermutest ein Geschäft. Man könnte auch sagen: Entweder du bist naiv oder egoistisch.
Ich bin weder interessiert an Sport, noch habe ich schlaue Pläne, wie ich Kapital aus der Sache schlagen könnte. Ich bin nach Hamburg gekommen, weil ich hier leben möchte, bin also in erster Linie Bürger. Ich verstehe nicht viel von Stadtentwicklung, den Kostenstrukturen oder den Reformplänen des IOC, aber ich habe das Gefühl, ein Event wie Olympia ist nicht das, was der Stadt, in der ich leben möchte, guttut. Das anbiedernde Stadtmarketing und die eindimensionale Berichterstattung im Lokalblatt tun dabei ihr Übriges. Laut „Hamburger Abendblatt“-Chefredakteur Lars Haider koste Olympia in Hamburg übrigens gerade einmal zwei Elbphilharmonien. Ein interessanter Vergleich, wenn man Mut für Großprojekte in Hamburg machen will.

Kathrin: Ich bin so wenig an Olympia in Hamburg interessiert, dass ich nicht einmal den angeblich unsäglichen Werbespot dafür kenne. Meine Zeit ist mir einfach zu wertvoll, um mich mit solcher Propaganda zu beschäftigen. Das ist natürlich keine Ausrede, um sich nicht mit den Hintergründen und Argumenten der Befürworter auseinanderzusetzen. Klar, das Investment würde die Stadtentwicklung vorantreiben. Aber ich habe das Gefühl, dass Großbauprojekte und ein Großevent die Stadt in eine Richtung entwickeln würden, wie sie der Großteil der Bürger gar nicht haben möchte. Möchten wir bis zum Verlust jeglicher Lebensqualität genauso von Touristen überrannt werden wie Barcelona, wäre Olympia ja vielleicht eine gute Idee – aber ganz ehrlich, mit unserem Wetter können wir das gleich knicken, selbst mitsamt Klimawandel. Mal im Ernst: Haben wir in den nächsten Jahren nicht viel wichtigere Aufgaben vor uns? Eine Stadtentwicklung, die auf Integration beruht und bezahlbaren Wohnraum schafft? Die Leerstand bekämpft und Naherholungsgebiete schützt? Ich glaube, ein Fokus auf Olympia hindert uns daran, uns mit den wirklich wichtigen Fragen für die Zukunft dieser Stadt zu beschäftigen. Darum hoffe ich, dass ihr für mich mit „Nein“ stimmt. Denn ich als Österreicherin darf leider nicht mitentscheiden.

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